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„Auf der Suche nach den Verewigungen der königlichen Lakaien“
(Brunnenkopfhütte - 14. Juni 2005)
von Ivonne Ebersbach
Hoch über dem kgl. Schlossbau Linderhof und von dem Venustempel in den Terassenanlagen mit gutem Auge zu
erblicken, liegt die von König Maximilian II. von Bayern erbaute Brunnenkopfhütte, die zu erreichen ich mir,
gemeinsam mit Alexandra Schedel, am 14. Juni 2005 vorgenommen hatte. Frühes Aufstehen um 5:30 Uhr und ebenso
zeitiges Abfahren von unserer Pension in Schwangau-Alterschrofen sicherten uns einen unbeschwerten und völlig
menschenfreien Aufstieg zu genannter ehemals königlicher Hütte.
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Info-Schild der Freunde der Brunnenkopfhütte
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Beschilderung am Parkplatz
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vom Bach begleiteter Waldweg
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kleiner Wasserfall
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Vom Wanderparkplatz in Linderhof aus führt ein gut beschilderter Waldweg bergan, eine geraume Weile den Bach
begleitend, bis er schließlich auf den oberen Forstweg trifft. Dieses Sträßchen querend schritten wir fortan
auf dem Waldweg einher, der uns in unzähligen Windungen und zumeist im schattigen Wald bleibend in immer höhere
Regionen führte. Hin und wieder gaben die Bäume jedoch die Sicht frei und ließen atemberaubende Ausblicke auf
die uns umgebende Berwelt und sogar bis zum Schloss Linderhof im Tal zu. Der Weg – sodenn er als Reitweg diente
– war damals vermutlich auch nicht arg breiter als er sich heutzutage darbietet, und ist mit seinem stetig, doch
sanft ansteigenden, Charakter durchaus – im Gegensatz zum steileren Pürschlingsweg – gut zu bewältigen.
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Weggabelung am oberen Forstweg
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erneute Beschilderung über Schließung der Hütte
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oberer Waldweg
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Blick ins Graswangtal und nach Linderhof
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Nach gemütlichen zwei Stunden Fußmarsch erreichten wir gegen 9 Uhr die Brunnenkopfhäuser in 1602 Meter. Die für
gewöhnlich bewirtschaftete Hütte etwas oberhalb der ehemals kgl. Unterkunft gelegen, ist seit Anfang 2005
geschlossen, wie uns ein Schild, das bereits am Ausgangspunkt unserer Bergwanderung nicht zu übersehen war,
verriet („Die Brunnenkopfhäuser sind wegen Sturheit/Dummheit der Sektion Bergland bis auf weiteres geschlossen!
Bergheil, einen schönen Bergsommer, frohe Weihnachten und ein Wiedersehen ... 2006!? Die Freunde der
Brunnenkopfhütte“).
Ein schmaler, alter, kaum zu erkennender Pfad führt rechts am Brunnenkopfhaus vorbei zu einem
herrlichen Aussichtspunkt, an welchem eine kleine Bank nahe am Abgrund stehend Platz für müde Wanderer
bietet. Auf selbiger niederlassend blickten wir staunend in die Tiefe zum Schloss Linderhof und nach
Graswang und in die gegenüber liegenden und uns umgebenden Berghänge, unter denen sich auch die Kreuzspitze
befindet, an dessen Fuße man dereinst die Hundinghütte und die Einsiedelei finden konnte.
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Blick ins Graswangtal bis nach Ettal
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Rückseite der Brunnenkopfhütte
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kleine Bank am Abgrund
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Blick zu den Tiroler Bergen
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Anhand vorhandener Urkunden und diverser Schreiben lässt sich eine gute Übersicht der Aufenthalte
Ludwigs II. auf dem Brunnenkopf zusammenstellen – so war er an diesem Ort zumeist im Juni oder Juli, in manchen
Jahren auch im August oder September bzw. mehrmals im Jahr. Einen seiner vielen Briefe richtete Ludwig II. am
10. Juli 1871 vom Brunnenkopf aus an Richard Wagner und beschreibt darin nicht nur den Grund für seine
bevorzugten Aufenthalte in der prächtigen Bergeswelt, sondern vermittelt dem Leser zugleich einen Eindruck von
seiner Gefühlswelt, seiner Begeisterung für die Werke Wagners und ebenso von den Problemen, von denen er sich
umgeben sah:
„... Auch ich liebe nicht das Befassen mit neuen Menschen, wie Sie Sich ausdrücken, auch ich will mich der
verdammten Höllendämmerung, die mich beständig in ihren qualmenden Dunstkreis reißen will, entziehen, um
selig zu sein in der Götterdämmerung der erhabenen Berges-Einsamkeit, fern von dem „Tage“, dem verhaßten
Feind, fern von der Tages-Sonne sengendem Schein! Fern der profanen Alltagswelt, der heillosen Politik,
die mit ihren Polypenarmen mich umschlingen will und jede Poesie so gerne gänzlich ersticken möchte, richte
ich diesen Brief an Sie, göttlich erhabener Freund! auf der Höhe des Brunnenkopfs, nicht sehr entfernt von
Ettal, dem Gralstempel ähnlichen Bau! Hier umgeben mich Bilder aus Tannhäuser (Venusberg und Wartburgthal:
„Allmächtiger, Dir sei Preis, hehr sind die Wunder Deiner Gnade!“). Ja, Preis, daß ich wieder in freier
Gegend auf Bergeshöhen wonnig weile und der Welt entronnen bin! Hier ziert ferner ein photographisches
Abbild (die Sage von Tristan und Isolde nach Gottfried von Straßburg) die lieblich traute Hütte; mit
Freuden erinnere ich mich, daß Ihnen, geliebter Freund, das Originalbild in Berg wohl gefallen hat. –
Hier erhielt ich im Jahre 65 von Ihnen einen unvergeßlichen Brief, welcher die dichterische neue Bearbeitung
des Tannhäuser enthielt, daher hier die Bilder zum Andenken; Ihr Porträt wird die geweihte Hochkopf-Hütte
zieren. – ... Überall gedenke ich Ihrer: meine Wohnung in München, Berg, meine 12 Jagdhütten, Alles ist
gewißermaaßen erfüllt von Ihrem Geiste, mahnt mich an Ihre weltentrückenden, in Himmels-Sphären erhebenden
Werke, erfüllt von Ihnen wie Kirchen, welche Gottes Gegenwart heiligt! – Gestern kam ich von Hohenschwangau,
wo Wir so glückselige Tage zusammen verlebten (65)! – hieher; bald wird kommen der Tag, der mich in meine
Hauptstadt zurückführt und somit werde ich wieder, wenn auch auf kurze Zeit, entgeistert werden; dieß ist
stets der Fall, wenn ich in das bunte Tagesgewühl und Gejubel der Menge hinein muß, was mir ein Gräuel ist
und mich ganz krank und wahrhaft unglücklich macht. – Stärken wird mich der Gedanke, daß die Götterdämmerung
ihrer Vollendung entgegen geht; o wann werde ich die begeisternde Kunde vom Abschlusse des großen
Nibelungenwerkes und wann die vom Beginne des „Parcival“ erhalten? – O das sind Festtage, wie ich sie
liebe, wie verschieden vom modernen, politischen Ovations-Gebrüll, das dem Geist keine Nahrung sein kann,
das Herz kalt läßt, die an melodische Töne gewohnten Ohren zerreißt und die Nerven martert. Brunnenkopf,
am 10. Juli 1871.“
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Brunnenkopfhütte-Rückseite
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Blick übers Geländer ins Graswangtal
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Gewiß hätten wir
noch länger an diesem idyllischen Fleckchen Erde verweilen können, an der sich keine Menschenseele blicken
ließ, und über Ludwig II. „debattiert“, doch Stimmengewirr ankommendender Wanderer aus Richtung der
Brunnenkopfhütte, in welchem wir das für uns wichtige Wort „Schlüssel“ vernahmen, ließ uns hellhörig
werden. Sollten dies etwa Alpenvereinsmitglieder sein, die den passenden Schlüssel für die der Sektion
„Bergland“ zugehörigen Hütte besaßen? In der Tat: unsere Vermutung bestätigte sich prompt und so wagten wir
uns ihnen mit der Frage näher zu treten, ob denn ein neugieriger Blick zweier Königstreuer in die Hütte
gestattet sei, was zu unserer großen Freude bejaht wurde. Da die Wanderer jedoch nicht allzu viel Zeit besaßen,
an Ort und Stelle zu verweilen, sondern weiter gen Klammspitze zu wandern gedachten, ließen wir die
Inneneinrichtung, Raumaufteilung und Verewigungen der Lakaien im separaten Hausgang im Eiltempo auf uns
wirken. Chevauleger Thomas Osterauer, Kammerdiener Adalbert Welker, Hauptmann (Generallieutenant) Sauer,
Kammerdiener Lorenz Mayr, Mundkoch J. Rottenhöfer
und gewiß noch derlei andere Hofbedienstete hatten sich zu unserer Freude an der Holzverkleidung im schmalen
dunklen Hausgang mit Namen und Datum verewigt, woran erkennbar wurde, zu welcher Zeit Ludwig II. am Brunnenkopf
weilte.
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Signatur von Chevauleger Thomas Osterauer
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Signaturen von Welker und Sauer
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Inneres der Brunnenkopfhütte
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Aufenthaltsraum im Inneren der Hütte
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Überaus dankbar und vom Glücksgefühl durchströmt, nun auch das Innere dieser kgl. Hütte gesehen und betreten zu
haben, verließen wir alsbald den friedlichen Ort, um uns auf jenem Wege, den wir gekommen waren, zu Tale zu
begeben.
Gegen 13:20 Uhr erreichten wir den Wanderparkplatz in Linderhof und traten wenig später den Rückweg nach
Schwangau über Plansee, Reutte und Füssen fahrend, an. Alexandra war überglücklich, nun auch diese Stätte
kgl. Daseins mit eigenen Augen gesehen und erlebt zu haben. Ich freute mich ebenso nach meinem Besuch im Mai
die Brunnenkopfhäuser statt von Schnee umgeben nun im Schein der Sonne betrachten zu können.
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Brunnenkopfhütte
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ehemals königliche Brunnenkopfhütte
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Uns war, als würden wir uns mit jedem Meter, den wir bergab gegangen waren und jedem Kilometer, den wir in Richtung
unseres Ausgangspunktes fuhren, mehr aus dieser fremden und seltsamerweise doch vertrauten, weit zurückliegenden Zeit, entfernen; ganz so, als würde
sich hinter uns ein Zeittor zu dieser königlichen Welt schließen, die wir für einen kurzen Augenblick im Angesicht
der Lakaien-Vermerke in der Brunnenkopfhütte betreten hatten. Ein wahrlich eigenartiges und zugleich beglückendes
Gefühl!
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Einige Aufenthaltsdaten Ludwigs II. auf dem Brunnenkopf:
12.07.1871 Der König nimmt, vom Brunnenkopf kommend, bis 24. 7. seinen Aufenthalt wieder in Berg.
07.06.1876 Der König macht von Berg aus einen einwöchigen Ausflug ins Gebirge, wobei er die Orte
Brunnenkopf, Pürschling, Linderhof und Halbammer aufsucht.
04.06.1879 Der König macht von Linderhof aus einen einwöchigen Ausflug ins Gebirge und besucht dabei
folgende Orte: Brunnenkopf, Pürschling und Halbammerhütte.
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Quellen:
„König Ludwig II. - Chronologie“
von Julius Desing, Bruck i.d. Oberpf. 2003
„König Ludwig II. in der Bergeseinsamkeit von Bayern & Tirol“
von Mario Praxmarer/Peter Adam, Adam-Verlag, Garmisch-Partenkirchen 2002
Unser besonderer Dank gilt den Damen und Herren vor Ort, die so freundlich waren, uns einen Blick auf die
Hinterlassenschaften der königlichen Lakaien zu gewähren!
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Copyright@ Juni 2005 by Ivonne Ebersbach, Starnberg
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