von Erika Brunner
Die mir zugegangenen Berichte von Augenzeugen und namentlich die Wiedergabe der König Ludwig-Lesung auf
CD sind ebenso bestürzend wie enttäuschend für jeden wahren Freund des Königs und diese ist für einen
solchen nicht empfehlenswert.
Eisermann war bereits von seinen Werbestrategen schlecht beraten, als er sich (ohne die geringste
Porträtähnlichkeit) im Purpurmantel, gekrönt und mit breitem Lachen im Gesicht vor der Kulisse des
Thronsaals abbilden ließ – „Ich, Ludwig Eisermann“ oder „Mein Leben als Monarch“ betitelt. Das Foto wirkt
wie eine (unbeabsichtigte) Travestie; die bildliche Identifikation mit der historischen Persönlichkeit, die
der Schauspieler ja nie selbst auf der Bühne von Füssen verkörperte, erscheint in dieser Form als eine
Geschmacksverirrung.
Die Interviews des Künstlers in der Presse ließen Besseres erhoffen als die tatsächliche Präsentation.
Denn nach kurzer akzeptabler Einleitung begann eine gänzlich missglückte Darstellung der Königskatastrophe,
deren ärgster Mangel in der für den Hörer nicht unterscheidbaren Verschmelzung von Originalquellen und
Belletristik liegt.
Blieb die Textdarbietung zunächst noch historisch korrekt (Quellen von Schwegler, Weber, Vanderpoole), so
vermischen sich vom Beginn der Pflegehaft in Neuschwanstein an Primärquellen und Fiktion in einer nur für
den Kenner noch unterscheidbaren Weise.
Immer wieder wechseln authentische Berichte der Dienerschaft mit Phan- tasien. Ärgerniserregend ist die
historisch dokumentierte Aussage des Lorenz Mayr. Dass man sich die Masken-Geschichte nicht entgehen lassen
würde, war vorhersehbar, dass aber die schon 1886 für die Königstragödie gänzlich irrelevante und boshafte
Aussage dieses Lakaien über die Verdauungs- probleme des Königs, die lediglich den Zweck verfolgte, den zum
Zeitpunkt dieses Statemants bereits Verstorbenen vor dem Landtag zu diskriminieren, in die Lesung einbezogen
wurde, ist für die Veranstalter beschämend.
Im Interesse der Dramaturgie wurde die Historie zurechtgebogen: so ist Weber Zeuge des Vanderpoole-Interviews,
und Ludwig verlangt am letzten Tag in Berg Rosen, damit über die Roseninsel zu Kaiserin Elisabeth übergeleitet
werden kann, deren Gedicht den Übergang zur Privatsphäre des Königs (Hesselschwerdt-Korrespondenz) bildet.
Solche Unrichtigkeiten mag man der künstlerischen Freiheit noch zugestehen. Sodann folgt natürlich das
massenwirksame Thema Homosexualität.
Wenn auch Eisermann und Klaus Reichold, auf dessen Veröffentlichung er sich u.a. bezieht, sich auf unbeweisbare
Vulgärinterpretationen der Briefe nicht einlassen und sich auf die Wiedergabe einschlägiger Dokumente aus den
letzten, menschlich vereinsamten Jahren des Königslebens beschränken, so stellt sich mir doch – ebenso wie bei
den verlesenen Tagebuchstellen – die Frage nach dem Persönlichkeitsrecht Verstorbener bei Preisgabe so intimer
Bekenntnisse vor einem zahlenden Publikum.
Gewiß haben sowohl Reichold wie Eisermann recht, wenn sie darauf hin- weisen, dass eine lange übersehener
Zusammenhang zwischen unausgelebter Homophilie des Königs und seinem Rückzug von der Welt bestehen könnte,
doch diese Erkenntnis darf nicht verabsolutiert werden.
Auch die Erkrankung des Bruders spielte zur Zeit der blind vererbungsgläubigen Psychiatrie eine fatale
Rolle, und auch in dieser Hinsicht sah der König sich nach 1870 öffentlichem Argwohn ausgesetzt.
Menschliche und politische Enttäuschungen stellen ebenfalls eine Motivation zur Distanzierung von Gesellschaft
und Öffentlichkeit dar.
Einen Zusammenhang zwischen der intimen Problematik Ludwigs und der behaupteten Regierungsunfähigkeit zu
konstruieren ist kühn, zumindest in der lapidar verkürzten plakativen Form dieses Vortrags.
Seine Absetzung „unumgänglich, weil der Welt abhanden gekommen“ infolge seelisch sexuellen Konflikts?
Psychische Störungen (nicht „Wahnsinn“) einer so vielschichtigen Persönlichkeit wie Ludwig II. lassen sich
nicht gut-freudianisch ausschließlich von einem sexuellen Problem herleiten.
Das größte Ärgernis der Veranstaltung ist nicht nur, dass mit der Materie unvertraute Hörer in die Irre
geführt werden, sondern die rein fiktive und im Detail abstoßende Darstellung der Königstragödie im Juni
1886, enthalten in einer Novellensammlung. Diese Erfindung eines prominenten Literaten kann den Historiker
nur erbittern und dem Germanisten nur zutiefst peinlich sein.
Der allwissende Romancier beschreibt Blicke, Gesten, Gefühle des sich allein im Zimmer befindendenden Königs,
ohne dass deutlich wird, wo die pure Fiktion beginnt.
Ungeachtet des literarischen Ruhmes dieses Verfassers erinnert seine Erzählung an die schlechtestmöglichen
Verfilmungen dieser Ereignisse.
Höhepunkt des pathetischen Kitsches ist der im Buch sich über Seiten hinziehende vermutete Kampf zwischen
Gudden und Ludwig im Wasser.
Kostprobe: „Das triefende Haupt aber heulte - und es glich dem Haupt eines Meeresungeheuers - Heim will ich!
In mein Reich!“ -
Der vom König ins Gesicht gebissene (!) Gudden winselt sterbend: „Mama! - o Mama“ was Eisermann wenigstens
durch „Mutter, Mutter!“ ersetzte, da auch ihm anscheinend die unfreiwillige Komik der Dichterphantasie bewußt
war.
Getreu seinem unsäglichen Manuskript ächzt er dann als sterbender Ludwig: „Weltennacht Richard! Schwarzer
Schwan! Elisabeth!“
Sodann sinken Ludwig und Gudden laut Erzähler „ineinander verschlungen, ineinander verkrampft wie ein
sich liebendes Paar“ in die Tiefe des Sees.
Über diese von der Forschung längst bezweifelte und hier zur Karikatur entartete Version der Königstragödie
könnte man achselzuckend hinweg- gehen, sofern bei der Lesung nicht der Eindruck eines Tatsachenberichtes
erweckt worden wäre.
Wie sollen Hörer, die die Herkunft der verwendeten Texte nicht kennen, sich den folgenden nüchternen Satz
erklären, der Tod im Starnberger See sei noch immer ungeklärt, wenn man sie soeben ohne jegliche Quellenangabe
direkt an dem hochdramatischen Geschehen teilhaben ließ?
Hier liegt eine unverantwortliche Manipulation der Hörer vor, die den Machern selbst vielleicht nicht einmal
bewußt war!
Es ist für alle, die sich seit Jahren um die längst fällige Rehabilitation des bayrischen Königs bemühen,
überaus bedauerlich, dass die Textauswahl dieser Lesung auf bühnenwirksame Effekthascherei abgestimmt wurde
und wieder einmal „sex and crime“ im Vordergrund stehen!
Ludwigs kulturelle Leistungen für Mitwelt und Nachwelt und seine liebenswerten Wesenszüge werden nur
eingangs beiläufig unter dem Etikett „Märchenkönig“ flüchtig abgehandelt, um sodann in der Erinnerung der
Hörer von den obengenannten abstrusen Schilderungen überdeckt zu werden.
Was die Öffentlichkeit beeindruckte, war lediglich nur die gekonnte Selbstdarstellung eines (nacheifernden
Klaus Kinski?) Schauspielers, der als Sprech- er der verschiedensten Rollen brillierte und seine
Wandlungsfähigkeit mit unterschiedlichem Erfolg zur Schau stellte: wirklich blendend als Gudden, gut als
Lorenz Mayr, bemüht munter-naiv als die jungen Diener, als Ludwig aber stets aufgesetzt und hohl pathetisch
oder, auf Publikumswirkung berechnet, übersteigert.
Ein e c h t e s Einfühlungsvermögen in die Persönlichkeit des Königs vermisse ich bei dem Sprecher völlig.
Über Gestik und Mimik kann ich mir kein Urteil erlauben, möchte aber hinsichtlich der sprachlichen Gestaltung
bemerken: Weniger wäre hier wohl mehr gewesen.
Was also bleibt hinsichtlich des Gesamteindrucks? Für mich nur ein Wort des Schriftstellers Sven Stolpe:
„Wenn der Teufel das Hervortreten einer edlen und reinen Seele
schon nicht verhindern kann,
so rächt er sich dadurch, daß er ihr Bild in der Vorstellung verdreht -
schließlich verschwindet das ursprüngliche Bild so vollständig,
daß es von niemand mehr als dem erfahrenen Forscher entdeckt werden kann.“