Er war ein König
Fritz von Ostini (1902)

Er war ein König! König jeder Zoll:
Schön, stolz und frei und aller Hoheit voll
Und gebefroh und gütig, wie ein Kind,
Und märchengläubig, wie die Kinder sind!
Und glücklich machen wollt´ er immerdar,
Der selber doch so wenig glücklich war!
Kein Haupt, das eine Krone je gedrückt,
Hat sie so königlich, wie seins geschmückt!
Und als der güldne Reif zu schwer ihm wog,
Als Dämm´rung schon in seine Seele zog
Und ihm des Willens Herrschaft war geraubt,
Ging noch ein Leuchten aus von diesem Haupt,
Das auch die Freien sich ihm beugen hieß,
Und Knechte stumm und bang erbeben ließ!
Er war ein König – und er hat´s gewußt!
Und einsam blieb er, bis das Ende kam.
Des Königs würdig sah er fürder nur
Die keusche Stille herrlicher Natur,
Der Heimatberge hohes Riesenreich,
An Größe seiner wunden Seele gleich!
Und einsam blieb er: immer ferner schien
Des Tages grelle Wirklichkeit für ihn
und immer tiefer sank auf ihn die Nacht
Mit ihrer Träume rätselvoller Pracht
Und er verlor die Welt auf irrer Bahn.
Er war ein König – und er starb daran!

Quelle: Hollweck, Ludwig: Er war ein König – Ludwig II. von Bayern. München, 1979

 

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