Dem Toten und dem Lebenden...
Oscar von Redwitz (1864)

Der König Max ist tot – Wer kann´s noch fassen?
Noch ist von Schreck betäubt sein ganzes Reich.
Jetzt muß er sein getreues Volk verlassen?
Ist´s möglich nur? – Jetzt liegt er stumm und bleich? –
In dieser Nacht des Wirrsals sonder Ende,
Jetzt mußte brechen dieser helle Blick?
Erstarret ruhen seine deutschen Hände –
O düstres, ganz unseliges Geschick!

Und jetzt von Deines Vaters Königsleiche
Blickt das betrübte Volk zu Dir, dem Sohn;
Du noch so schlanke, junge Königseiche,
Der schon so bald ihr harmlos Blühn entflohn!
Du unser neuer Herr, ach wie zu frühe
Sank der erlauchte Vater Dir ins´s Grab!
Wie sank der goldnen Krone Last und Mühe
Auf´s junge Haupt Dir also früh herab!

Wir hingen Alle längst mit freud´gen Blicken
An Deinem milden, sinn´gen Angesicht.
Doch sollte manches Jahr Dich noch erquicken
Der Jugend ungetrübtes Morgenlicht!

Wir wünschten nicht, daß Dir die schwere Krone
Vom herben Schicksal sei beschert schon jetzt.
Und seh´n wir dennoch jetzt Dich auf dem Throne,
Der Wehmut Zähre unser Auge netzt.

Verzeih es uns! – Es ist ein menschlich Zagen
Aus Liebe für Dich selbst, so jung und zart.
Dein Volk will ja Dich auf den Händen tragen,
Will gern Dich schützen auf der rauhen Fahrt;
Will, wie´s nur kann, die Last Dir leichter machen. –
O grausam, wer erschwerte sie noch mehr! –
Doch Dir tut Not zu beten und zu wachen,
Und uns mit Dir – denn unser Herz ist schwer!


Quelle: Hollweck, Ludwig: Er war ein König - Ludwig II. von Bayern. München, 1979
 

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