Marienbrücke
Robert Dörflinger (o.J.)

Wenn auf schwindelnder Brücke
Der Wanderer steht,
Mit ängstlichem Blicke
Die Tiefe erspäht,

Das Ohr auf das Rauschen
Deß Gießbaches hört,
Die Sinne vom Lauschen
Sind bang und betört, –

Da plötzlich dein Schauen
Neuschwanstein erblickt,
Dir schwindet das Grauen,
Du träumst wie entzückt;

Denn wie eine Gralsburg
Auf Felsen getürmt,
Mit Erkern und Zinnen
Gen Himmel sie stürmt; –

Ein Gleichnis will sagen
Das Schloß dir voll Wucht,
Die Brück´ auch, geschlagen
Ob gähnender Schlucht:

Du stehst auf der Brücke
Des Lebens noch heut,
Bist stets vom Geschicke
Des Todes umdräut,

Doch wär nicht der Himmel
Das ewige Schloß,
Ganz nutzlos dein Dasein
Auf Erden verfloß –


Quelle: Dörflinger, Robert: Ein Königstraum Ludwig II., München, 1954

 

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