Schlittenfahrt Ludwigs II.
in der Silvesternacht 1885

Robert Dörflinger (o.J.)

Schon winkt des Jahres letzte Stund,
Geheimnisvoll die Sterne flammen,
Da sitzt in froher Zecherrund
Man gern erwartungsvoll beisammen.
Und wenn vom Turm die Glocke dröhnt,
Den Zeitenwechsel anzusagen –
Sieh, mit dem alten Jahr versöhnt
Des neuen dunkle Pforten ragen!

Der König nur, der einsam sinnt,
Blickt auf zum sternebeblühten Himmel,
Dann ruft er laut: Lakai, geschwind
Besorg den Schlitten und die Schimmel!
Da flammen Fackeln, Pferdehuf
Klingt silbern durch des Schloßhofs Mitten,
Von Mund zu Mund ein leiser Ruf –
Schon sitzt der König weich im Schlitten.

Und kling-kling-klang hinunter geht
Die Fahrt durch das Spalier der Tannen,
Hohl klingt ins Ohr der Majestät
Ein Käuzchenruf von irgendwannen.
Und kling-kling-klang die weiße Pracht
Durcheilt gespensterhaft der Schlitten,
Es träumt der König in die Nacht
Sein stummes Weh, das er gelitten.

Die Fackeln glühn, millionenfach
Sprühn Flämmchen aus den Eiskristallen,
Und von des Tannichts Silberdach
Die Glöckchen leise widerhallen.
Und kling-kling-klang ins Dorf hinein
Ist schon der Zauberzug geglitten,
Manch trunkner Blick folgt hinterdrein
Der Majestät im goldnen Schlitten.

Dann kling-kling-klang den Weg zurück
Gehts durch die Winternacht, die kalte,
Ein Märchenreich, sein stilles Glück
Umgibt den König rings im Walde.
Das Kling-kling-klang singt wunderbar
Ihm von des alten Jahrs Entgleiten, –
Ach, König, bald im neuen Jahr
Wird man dir Totenglocken läuten!


Quelle: Dörflinger, Robert: Ein Königstraum Ludwig II., München, 1954

 

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