An meinen Freund
Ludwig II. an Richard Wagner (19. September 1864)

In düstrer Nacht lag lang die Kunst befangen,
An ihrem Himmel glänzt´ kein einz´ger Stern,
Der Künstler rang mit Zweifelsqual und Bangen,
Das wahre Ziel, ach, stets lag es ihm fern.
Da woll´ das Schicksal, Kunde sollt´ gelangen
Von »Dir« zu mir! – wie hörte ich sie gern.
Verschwunden ist die Nacht und all ihr Grauen;
Auf Dich ja dürfen Deine Freunde bauen! –

Es weicht die Nacht mit ihren Zweifelsqualen,
Die Wolken nun zerteilt ein hehres Licht,
Und siegend sendest Du uns goldne Strahlen,
Wir seh´n auf Dich und wir verzagen nicht.
Wir schlürfen Wonnen wie aus lichten Schalen: –
Dir treu stets beizusteh´n sei unsre Pflicht! –
Schwer ist der Kampf; doch wolle nicht verzagen,
Es folgt der Sieg den Streitesmüh´n und Plagen!

Die spät´ste Nachwelt, stets wird sie Dir danken
Und preisend einst dich manche Zunge nennt,
Wenn jetzt Du ringst mit Kampfmut sonder Wanken,
Das Feuer nie erlischt, das Dich entbrennt.
Wenn in Vergessenheit die meisten sanken,
»Du« setztest Dir ein ewig Monument.
Dein heil´ger Name, nie wird er verklingen,
Da für das Höchste Du willst mutig ringen.


Quelle: Girrbach, Wilhelm: Das Buch Ludwig. München, 1986

 

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