Hunderteins Kanonenschüsse
Klangen donnernd durch die Nacht
Als Kronprinzessin Maria
Einen Sohn zur Welt gebracht.
Ludwig Otto Friedrich Wilhelm
Ward der kleine Prinz genannt,
Der einst Bayern sollt’ regieren
In Treue und mit Herz und Hand.
Beim Großvater, König Ludwig,
War die Freud’ besonders groß,
Trug er denn auch seinen Namen,
Kronprinz Maxens jüngster Spross.
Doch der Ludwig ward erzogen
Ohne Lieb’ und fern der Welt,
Und so schuf er sich sein Traumreich,
Das nur ihm allein gefällt.
Richard Wagners Heldenopern
Faszinierten so sehr ihn,
Und er liebte ganz besonders
Schwanenritter Lohengrin.
Auf sein künft’ges Amt als König
Wurde er nicht vorbereit’,
Und so kam’s, wie’s kommen musste:
Viel zu früh war es so weit!
Als im Märzen ’64
König Maximilian starb,
Schritt der neue König Ludwig
Traurig hinter seinem Sarg.
Er war schön und so bezaubernd,
Dass sein Volk ihn liebte gleich,
Und königstreu die Herzen schlugen
In dem ganzen Bayernreich.
König Ludwig ließ bald holen
Richard Wagner zu sich her,
Dass der große Opernschöpfer
Künftig immer bei ihm wär’.
Eine Freundschaft ist entstanden
Zwischen Meister und Mäzen,
Die von da an viele Jahre
Ohne Wanken sollt’ besteh’n.
Ludwig wollte ihm erbauen
Auch ein großes Festspielhaus;
Doch da murrten gleich die Münchner:
„Der König schmeißt das Geld hinaus!“
Und dann haben sie den Wagner
Aus der Hauptstadt fortgejagt!
König Ludwig ließ ihn ziehen,
Doch er hat dies sehr beklagt.
Den König haben sie verärgert,
Dass er sich jetzt abgewandt
Von der Landeshauptstadt München,
Sich zieht zurück ins Alpenland.
Und im Jahre '66
Musste Ludwig führen Krieg,
Obwohl der König es nicht wollte,
Da er sehr den Frieden liebt’.
Als der Krieg dann war verloren
Und die Souveränität
Seines Landes und der Krone,
Da war alles schon zu spät!
Den Preußen musst’ er sich anschließen,
Wo er diese doch so hasst!
Dieser Kompromiss von Bismarck
Viel ihm künftig sehr zur Last.
Bald darauf, im Jahre ’70,
Zog herauf der nächste Krieg -
Wieder musst’ er ihn bestreiten,
Wo er doch den Frieden liebt’!
Jener Krieg ward zwar gewonnen,
Doch der König wusste gleich:
Dieser Sieg verhilft den Preußen
Zu dem Deutschen Kaiserreich!
Einen Brief musst’ Ludwig schreiben
An den Onkel in Berlin,
Dass er, auf den Rat von Bismarck,
Biet’ die Kaiserkrone ihm.
Und im Schlosse von Versailles,
In dem hehren Spiegelsaal,
Ward das Kaiserreich gegründet,
Für den König eine Qual!
Und nach so viel der Enttäuschung
Von der vielen Politik
Zog sich nun der junge König
In sein Alpenland zurück.
Auf dem hohen Jünglingsberge
Bei dem alten Schwanenstein
Baut' ein stolzes Schloss der König,
Nur für sich selbst ganz allein.
Bilder aus den Opern Wagners
Ließ er für sich malen dort,
Denn dies’ Schloss sollt’ Ludwig werden
Nur für seine Träume Ort.
Und auch auf dem Linderhofe
In dem schönen Graswangtal
Schuf ein Schloss für seine Träume
Ludwig anno dazumal.
Des Thannhäusers Venusgrotte
Ließ er für sich dort ersteh’n;
Auf dem See im Muschelkahne
Fütterte er oft die Schwän’.
Auf der Chiemsee-Herreninsel
Sein Versailles er sich erbaut,
Das dem Schloss des Sonnenkönigs
Zum Verwechseln ähnlich schaut.
Dieses sollt’ ein Ruhmestempel
Für den Sonnenkönig sein,
Und deswegen steckte Ludwig
Große Summen Geld hinein.
Durch die Schlösser ward der König
Mit der Zeit sehr hoch verschuld’,
Da verloren die Minister
Bald in München die Geduld.
Und so fängt man an zu sinnen:
Wie wird man den König los?
Wenn man nichts tut, wird er bauen
Immer weiter, Schloss um Schloss.
Da beschließen die Verbrecher
Bald auf der Ministerbank:
Wir erklären König Ludwig
Für unheilbar geisteskrank!
Doktor Gudden, ein Psychiater,
Ein Gutachten schnell erstellt,
Das, ganz ohne Untersuchung,
Ein vernichtend’ Urteil fällt:
„In weit fortgeschritt’nem Grade
Geisteskrank sind Majestät,
Und die Krankheit ist unheilbar,
Jede Hilfe kommt zu spät!“
Der Prinz Luitpold, Ludwigs Onkel,
Soll für diesen nun regier’n,
Und den König Ludwig selber
Man in Berg will internier’n.
Deshalb schickt man nach Neuschwanstein
Die Ministerkommission,
Die verhaften soll den König
Und ihm nehmen seien Thron.
Doch als diese Herren kommen
Zu dem hohen Schwanenstein,
Lässt sie gleich der König Ludwig
Voll Empörung sperren ein.
Später können sie entkommen
Und zurück nach München flieh’n,
Um sogleich zwei Tage später
Auf ein neues loszuzieh’n.
König Ludwig treten alle
Gegenüber unverzagt,
Und sogleich der Doktor Guddden
Mit verschmitztem Lächeln sagt:
„Euer Majestät muss bringen
Nach dem Schlosse Berg ich gleich,
Denn nach Ausspruch vierer Ärzte
Regiert Prinz Luitpold nun das Reich.“
Wehmutsvoll nimmt Ludwig Abschied
Von dem schönen Schwanenstein,
Denn die Fahrt nach Berg zum Schlosse,
Sie wird seine letzte sein!
In Seeshaupt am Post-Gasthofe
Ein Glas Wasser er verlangt,
Und als man es dar ihm reichet
König Ludwig dreimal dankt.
Das Schloss Berg ward umgestaltet
Schon zu einem Irrenhaus,
Dass der königliche „Irre“
Ja nicht könne brechen aus.
Und am nächsten Tag, Pfingstsonnag,
Er einen Spaziergang macht,
In Begleitung Doktor Guddens,
Von zwei Pflegern streng bewacht.
Als am Abend der Spaziergang
Wurde noch einmal gemacht,
Gudden schickt’ zurück den Pfleger,
Der doch sollte geben Acht.
Als die beiden an des Sees
Ufer kommen bald heran,
Fängt der König Ludwig plötzlich
In den See zu laufen an!
Denn es kreuzen ein’ge Boote
Auf dem See zu dieser Zeit,
Welche Ludwig aufzunehmen
Um zu fliehen sind bereit.
Schnell ihm nach eilt Doktor Gudden,
Der ihn nicht kann holen ein,
Denn schon setzt den Fuß der König
In des Fischers Kahn hinein.
Doch gerade als der Ludwig
In das Boot setzt seinen Fuß,
Trifft vom Ufer in den Rücken
Tödlich ihn ein lauter Schuss.
Quer der König fällt vornüber
In das Boot, als Gudden auch
Wir durch einen Schuss getötet,
Der ihn trifft in seinen Bauch.
Und schnell laufen die Gendarmen
Die’s getan ins Schloss von Berg,
Und sie melden dort befriedigt:
„Uns gelungen ist das Werk!“
Währenddessen beide Leichen
In den See man schiebt hinein,
Dass es aussieht, als ob jene
Dort würden ertrunken sein.
Um acht Uhr dann inszeniert man
Eine Leichenbergung groß,
Und durchsucht nur zu dem Scheine
Ganz den Park um dieses Schloss.
Um elf Uhr man holt die Leichen
Mit dem Boot vom See heraus,
Doch da immer noch sie bluten,
Bringt man sie ins Bootehaus.
Nach drei Stunden werden beide
In das Schloss hinein gebracht,
Und dort, um sie aufzubahren,
Werden sie zurecht gemacht.
In der Nacht, die darauf folgte,
Ward nach München überführt
König Ludwigs teurer Leichnam,
Oh’n die Ehr, die ihm gebührt!
Und dort hat man aufgebahret
König Ludwig für drei Tag’,
Und das trauernd’ Volk der Bayern
Strömte zu des Königs Sarg.
Und als er zu Grab geleitet
Jedes edle Menschenherz
War voll Trauer und voll Klage
Und erstarrt durch solchen Schmerz.
Seinem guten König Ludwig
Bayerns Volk stets treu gedenkt
Und der Ehre seines Königs
Seine ganze Liebe schenkt.
Heute Ludwigs Königsschlösser
In dem schönen Bayernland,
Herrenchiemsee und Neuschwanstein,
Linderhof sind weltbekannt!
Treu das Volk zu seinem Sarg
Pilgert stets hienieden,
Und es ruft voll Schmerz ihm zu:
„Ludwig, ruh' in Frieden!“