Reutte
Christian Schneller (aus dem Jahre 1859).
(Dieses Gedicht des k.k. Landesschulinspektors i. R. Hofrates Christian Schneller in Innsbruck, kam aus dem Nachlasse des 1878 verstorbenen Dekans Josef Schneller in Breitenwang zufällig in die Hand des Herrn Alois Bauer, Landtagsabgeordneten und Bürgermeisters von Reutte. Der Inhalt bezieht sich auf die Verhältnisse, wie sie vor 40 Jahren (um 1860) bestanden, wo die Königin Marie von Bayern mit den königlichen Prinzen den Widum des genannten Dekans oft mit ihrem Besuche beehrte. Die damals in voller Schönheit und Jugendkraft blühende hohe Frau zeichnete sich nicht nur als kühne Bergsteigerin aus, sondern spendete auch in Reutte und seiner Umgebung manchem Armen, besonders Kranken, Wohltaten, die noch heute unvergessen sind.)

Ein freudig Lied, o Reutte, sei gesungen
Und dargebracht dir heut mit warmem Gruß!
Von Schmerz zugleich und Freude fühlt durchdrungen
Sein Herz, wer trauernd von dir scheiden muß.
Dem Edelsteine gleich in einer Krone –
So stehst du mitten in dem weiten Tal;
Dich schützen rings wie Fürsten auf dem Throne
Viel mächtige Berge hoch im Sonnenstrahl.

Zwar blüh´n dir nicht auf Hügeln üppige Reben,
Dir schwillt die Traube nicht in Sonnenglut,
Doch Saat und Frucht ist ja auch dir gegeben
Und in den schönen Herden reiches Gut.
Es ragt in deiner Mitte hoch die Linde,
Die mehr als hundertmal sich neu belaubt:
Es rauscht und bebt ihr Wipfel in dem Winde
Gleich wie ein hochehrwürdig Greisenhaupt.

Man sieht sie grünend dreifach ausgedrücket
Im alten Wappenschild des Marktes steh´n;
Wenn sie mit Blüten reich der Sommer schmücket,
Da prangt sie wie der Zukunft Hoffnung schön;
Doch in des Winters Nächten schneebehangen
Steht sie so blätterlos voll Traurigkeit,
Als dächte sie mit schmerzlichem Verlangen –
Ein Baum auf ödem Grab! – der alten Zeit.

Sumpf war und finst´rer Wald hier einst zu schauen;
Da kam ein fleißig´ Volk aus deutschem Stamm;
Es deutete die wüsten Dornenauen
Und setzte klug dem Strom den festen Damm.
Ein Lindwurm auch ward in dem Sumpf erschlagen,
Wohl mag die Sage längst vergessen sein –
Die Rohheit war´s aus alten Heidentagen,
Bis sich das Kreuz erhob im Sonnenschein.

Wohl blieb uns manche Kunde alter Tage
Von Feuersbrunst und harter Kriegesnot;
Noch dringt in unser Ohr die düst´re Klage
Von Hungersnöten, Pestilenz und Tod.
Doch rühmt die Sage auch, wie vom Balkone
Ein Papst gesprochen seine Segensmacht1),
Und wie im Gasthof zur goldnen Krone
Ein Kaiser sanft geschlummert eine Nacht2).

Vom  W o l f s b e r g  mag um sich der Wand´rer schauen,
Wo er die weite Runde übersieht:
Er schaut den Lechstrom, wo er durch die Auen
In wilder Jugendkraft hoch brausend zieht;
Es sieht, das Auge schwelgend im Entzücken,
Von Dörfern rings die Gegend schön begrenzt,
Wie liebliche Veilchen eine Rose schmücken,
Die in der Mitte frisch und duftig glänzt.

Hier  A s c h a u  mit dem Kirchlein an dem Flusse –
Zieh´, wilder Strom, im Frieden stets vorbei! –
Dort oben winkt entgegen uns zum Gruße
Der Turm von Wängle ragend hoch und frei.
Dort Höfen, in den Bäumen halb verborgen,
Am Hügel, ein so trauter, stiller Ort:
Wohl schafft ihm oft der Leinbach bitt´re Sorgen,
Doch Wald und Damm steht fest am Ufer dort.

Hier hinter S i n t w a g´s grüner Waldeskrone
Birgt Ehenbühel sich am Flussesstrand;
Dort oben prangt auf stolzem Felsentrone
Die Veste  E h r e n b e r g, ruhmvoll genannt.
Zwar ist sie in Ruinen schon gefallen,
Doch blickt sie noch mit altem Stolz herab
Und mag vergessen nie, daß sie vor allen
Dem Land am Leche Ruhm und Namen gab3).

Sie ward erbaut in fernen alten Tagen
Auf dieses Felsens Gipfel hoch und kühn:
wie auf den Trümmern junge Tannen ragen,
So auch der Sage Blumen sie umblüh´n.
Drei Riesenfrauen von dem Schlosse spannen
Ihr Seil hinab bei Nacht zum Hargenstein,
Und mancher sah schon rollen durch die Tannen
Ein riesig Rad mit feuerrotem Schein.

O spottet nicht der Sage, die da treuer,
Als Pergamente dem Vergessen wehrt!
Wohl brannte hier manch heilig Osterfeuer
Den Riesenfrauen, göttlich einst verehrt.
Es war das Rad des Heidengottes Zierde,
Des Eres, dem die Burg ein Heiligtum,
Der gegen stolzer Römer Herrschbegierde
Den tapfern Ahnen Sieg verlieh und Ruhm.

Wohl haben oft die Waffen da geklungen,
Und manches Leben war verloren hier:
Als der Schmalkalde4) siegend sie bezwungen,
Verlor die Veste schwach der Jungfrau Zier.
Noch lange wird sie des gedenkend trauern –
Erheitert sie, ihr Vögel, mit Gesang,
Umklamm´re, grüner Epheu, fest die Mauern,
Blüh´, wilde Rose, ihr zum Troste lang!

Dort drüben sieh die Straße auch, die neue,
Die sanft bergan durch grüne Wiesen steigt,
Wohl würdig, daß sich Reutte ihrer freue,
Das sich von dort so schön dem Auge zeigt.
Dort hinterm Hügel birgt sich Lähn bescheiden,
Links liegt das  K r e k e l m o o s  in frischem Grün:
Einst bot es Gästen manche Sommerfreuden –
O möcht´ es wiederum, wie einst erblüh´n!

Hier  B r e i t e n w a n g! Stets will ich dein gedenken,
Du freundlich Haus mit deiner Blumenzier:
Gern mag ein Gast zu dir die Schritte lenken,
Mit trautem Gruß ist er willkommen hier.
Mit ihrer Gegenwart hat die beehret
Maria oft, die Königin so mild;
In edler Wohltat Lichtesglanz verkläret
Lebt in des Volkes Herzens fort ihr Bild.

Wer da zum  S t u i b e n  geht, halt ein im Schritte
Und schau´ ein Haus, im Herzen tief bewegt:
Hier hat ein Kaiser einst in armer Hütte
Der Krone Schmuck für immer abgelegt.5)
Hoch schwang sein Szepter er so stolz und mächtig,
Ihm schien die weite Welt nicht groß genug –
Wie ward sie ihm so klein, so eng und mächtig
Hier bei dem schweren, letzten Atemzug!

Hörst du gleich fernem Donner dumpfes Rollen?
Das ist der Stuiben in dem engen Tal;
Sieh´, wie die Wellen schäumen, wie sie grollen!
Doch schmückt sie farbenhell der Sonnenstrahl.
Es strömt die Ache aus des  P l a n s e e ´s  Bette;
Er dehnt sich still und friedlich, rings bekränzt
Von seiler Felsenberge enger Kette,
Darüber spiegelhell der Himmel glänzt.

Setz´ Wand´rer dich am Ufer dort zum Bronnen,6)
Der aus dem Felsen sprudelt hell und rein:
Gib deine Seele hin den schönsten Wonnen,
Dir schmeichelnd, eines Kaisers Gast zu sein!
Vielleicht weilt noch sein Schatten an der Stelle,
Blick auf und lies, was dir die Inschrift sagt:
„L u d w i g   d e r   B a y e r  trank aus dieser Quelle,
Wenn er vergnügt hier pflog der edeln Jagd.“

Oft wird lebendig noch die stille Gegend,
Es weckt der Lärm der Jagd das Echo auf,
Da zittert jedes Blatt am Ast sich regend,
Es flüchtet Hirsch und Reh in wildem Lauf.
Dann schöpft den Labetrunk aus klarer Quelle
Auch Max und ruhet auf bemoostem Stein,
Und heilig wird dem Volke stets die Stelle
Und seines Namens Angedenken sein.

Doch nun nach  M ü h l  zurück hier an der Ache;
Hoch steigt empor der Kohlenmeiler Rauch,
Und gehst du durch die Au entlang am Bache,
So schau den Friedhof bei dem Kirchlein auch.
Es hielt der Tod vor lang verfloss´nen Jahren
Allhier sein Erntfest vollauf und reich:
Weh´ da den Armen, die noch übrig waren,
Und glücklich, die da ruhten kühl und weich!

Durch  P f l a c h  zieht sich die Straße bis zur Brücke
Und führt von  L e t z e n  aufwärts an dem Strand:
Sieh´ dort die Höhlung in dem Felsenstücke,
Des heiligen  M a g n u s7) Ruhesitz genannt.
Er hat gepflanzt des heiligen Kreuzes Zeichen
Und uns des Glaubens Himmelslicht gebracht.
Die Götzen stürzten unter seinen Streichen
Und in die Herzen drang sein Wort voll Macht.

Hier, wo der Heilige auf seinem Gange
Oft ruhte, wie die Sage kündet treu,
Pflanzt hier ein Gärtchen, daß es lieblich prange
Und allen Zeiten ein Gedächtnis sei.
Denn in der öden Wildnis einen Garten
Hat einst auch er gepflanzt für ewige Zeit;
Noch blühen seine Blumen ja, die zarten,
Der Christenliebe und der Frömmigkeit.

Seid mir gegrüßt, so mächtig und gewaltig
Ihr Berge, d´rauf der blaue Himmel liegt.
Du,  H a l e n s p i t z e8), zackig hier und spaltig,
Wo hoch die graue Wetterwolke fliegt.
Du ragst im Süden, mächtiger  T u n e l l e,
Als Riesenpyramide hoch aus Stein,
Doch daß der Landschaft Bild nicht sei zu helle,
wirfst, düst´rer  T a u e r n, Schatten du herein.

Doch dir, o  S a i l i n g, sei der Preis vor allen!
Du stehst gen Norden breit als Scheidewand;
Mit Wald und Wiese hat nach Wohlgefallen
Dich festlich schön geschmückt des Schöpfers Hand.
Im Innern birgst du reichen Schatz an Eisen,
Doch hast du karg bisher den Fleiß bedacht:
Gib reichlicher! Wir wollen laut dich preisen
Und pochen soll der Hammer Tag und Nacht.9)

Viel edle Blumen schmücken diese Spitzen,
Das Edelweiß, die Alpenrose schön
Und hundert noch, die in den Felsenritzen
Und auf dem Rasen prächtig blühend steh´n.
Doch wäre mir die hohe Macht gegeben –
Der Blumen prächtigste voll Farbenschein
Und süßem Dufte rief ich kühn ins Leben –
M a r i e n b l u m e  müßt´ ihr Name sein.

Oft atmete sie dort die reinen Lüfte,
M a r i a, Bayerns edle Königin;
Wo schwindelnd blickt das Auge in die Klüfte,
Stand ohne Zagen sie mit kühnem Sinn.
Wohl manchen Kranz von edlen Blumen pflückte
Sie dort mit zarter Hand und hocherfreut,
Doch windet ihr das Volk, das sie beglückte,
Die schöneren Kränze noch der Dankbarkeit.

O möge  H o h e n s c h w a n g a u  ihr gefallen,
Und oft von seinen Zinnen weiß und blau
Die Fahne Bayerns stolz im Winde wallen
Verkündend, daß dort weilt die hohe Frau.
O herrlich Schloß, „du Kelch auf grünem Teller“,
Von königlichem Kunstsinn ausgeschmückt!
Wer dich beschaut, dem glänzt das Auge heller,
Dem schlägt das Herz in Wonne hochentzückt.

Du blauer  A l p s e e  zwischen grünen Tannen,
Vom Felsenhaupt des Sailings überdacht –
O mögest du oft die schweren Sorgen bannen
Dem hohen Paar mit deiner stillen Pracht!
Auch dort bei  F ü ß e n  du, Marienfelsen,
Auch du hast deinen Namen ihr geweiht:
Mag Woge sich an Woge schäumend wälzen,
Steh´ unerschüttert bis in Ewigkeit!

Gesungen ist mein Lied zu deiner Ehre,
O Reutte! – Zürne mild dem Dichter nicht,
Wenn ungenannt hier noch ein Blümchen wäre
Aus deinem Ehrenkranze frisch und licht.
Mög´ über dir die Hand des Höchsten schweben
Behütend dich vor jeglicher Gefahr,
Dir mild des Segens reichste Fülle geben
Und mehren deine Blüte immerdar.


1)
Papst Pius VI. auf seiner Durchreise am 7. Mai 1782, vom Balkone des ehemals Falgerschen Hauses.
2)
Kaiser Joseph II. im Jahre 1777.
3)
Der ganze Gerichtsbezirk von Reutte bildete früher (bis 1849) das k.k. Land- und Kriminal-Untersuchungsgericht Ehrenberg. In älteren Urkunden ist der Name des Schlosses Erenberg geschrieben.
4)
Der Führer der schmalkaldischen Truppen, Sebastian Schärtlein, nahm die Veste 1546 ein; doch wurde sie kurze Zeit hernach von den Kaiserlichen und den Tirolern unter Führung des Feldobristen Franz von Castellalt wieder zurückerobert.
5)
Lothar II., der Sachse, starb auf der Rückkehr aus Italien in Breitenwang (urk. Breduwan) am 3. Dezember 1137.
6)
Der Kaiserbrunnen genannt.
7)
Der hl. Magnus, ein Mönch aus St. Gallen, war der Apostel der ganzen Gegend. Er gründete das nach ihm benannte Stift in Füßen, wo er um 760 starb.
8)
Mit anderm Namen gewöhnlich Gern-Spitze benannt.
9)
In den fünfziger Jahren waren neue Versuche gemacht worden, den alten Bergbau (auch Eisenerze) am Sailing wieder zu eröffnen; doch sind dieselben erfolglos geblieben.

Quelle: Nistler, Aloys: Reutte (Nord-Tirol) und Umgebung, Meran, 1908

 

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