Am Abgrund
Richard Wagner (12.8.1865).
(Dieses Gedicht schrieb R. Wagner am Hochkopf über dem Walchensee,
wo er auf Einladung Ludwigs II. vom 9. bis 20. August 1865 weilte)

Am Abgrund steh' ich; Grausen hemmt die Schritte;
der mich geführt, verloren ist der Pfad:
ob ich nun kühn auf Flügelrossen ritte,
ob mich entschwänge auf des Glückes Rad,
von seines steilen Rückens schmaler Mitte
entführte aufwärts keines mich dem Grath:
die mir selbst abwärts birgt, wo ich gekommen,
die Wolke zeigt, die Höhe sei erklommen.

Was mich dem steilen Hügel zugetrieben,
hält jetzt gebannt mich an des Abgrunds Rand:
verlassen musst' ich, die zurück mir blieben,
dem Dank entglitt wohl manche Freundeshand;
wo einst ich mich gesehnt nach letztem Lieben,
der Nebel deckt mir manches Heimatland.
Und darf ich zögernd nicht mehr rückwärtsschauen,
wie späht' ich in den Abgrund nun mit Grauen?

Wie schreckte mich, nun ich zu ihm gedrungen,
das raumlos nacht'ge Weltennebelmeer?
Ist's nicht, die ich so sehnsucht-kühn besungen,
die Nacht der Wunder, heilig still und hehr?
dahin sich Tristan traut vor mir geschwungen,
wie dünkte mich der nächt'ge Abgrund leer?
den Weg, den ich so lohnend ihm gepriesen,
nun hat er lächelnd ihn mir selbst gewiesen.

Was steh' ich jetzt, und zögr' ihm nachzusinken?
Wie bangte mir vor der Erlösungsnacht?
Ist es, weil dort den Stern ich seh' erblinken,
des' Leuchten meinem Schicksal hold gelacht?
Wie strahlt er jetzt, als ob mit mächt'gem Winken
dahin er deute, wo ein Glück mir wacht?
Ist's Tristan, der mir seinen Gruss entsendet?
Sieglinde, die des Bruders Blicke wendet?

Das Eine Aug', ich muss es jetzt erkennen,
das unverwandt nach jenem Felsen schaut:
mag weit und breit man „Jupiter“ dich nennen,
mir strahlest du als „Wotan“ deutsch und traut!
Den Fels auch kenn' ich; seh ich hell doch brennen
das Feuer dort zum Schutz der hohen Braut:
die einst in stolzem Schmerz du von dir banntest,
den Wecker ihr, du Banger, noch nicht sandtest.

Brünnhilde schläft, ermisst im Traum die Welten,
in denen Tristan heimisch nun verweilt:
bleibt Er uns stumm. Sie kann die Kunde melden,
die ihr der Liebende dort mitgetheilt,
doch Einem nur, dem furchtlos kühnsten Helden,
der jauchzend mit ihr hin zum Abgrund eilt:
nur Er, den Drachen nicht, noch Feuer schrecken,
gewinnt die Kunde, darf die Braut erwecken.

Und Er erwuchs in holder Jugend Prangen,
als Brünnhild schlief, und Tristan liebend starb.
Er naht, von dem der Wurm den Tod empfangen,
der neid'scher Zwerge tück'sches Spiel verdarb:
durch Ihn soll Kunde nun zur Welt gelangen,
wie sie Brünnhilde träumend sich erwarb;
Von Siegfried's That, zum Schrecken aller Bösen,
– es winkt der Stern –, das Räthsel will ich lösen.


Quelle: Desing, Julius: Ludwig II. Chronologie, 2002

 

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