Ludwig II. war ein König und Freund der Künstler, der von der Literatur besessen war. Begriffe also wie
»
Superstar Ludwig« und ähnliche Yellopress- und Regenbogen-Bezeichnungen, wie ich leider auch schon öfters
lesen mußte, sind nun völlig unangebracht; diese Begriffe sind wohl mehr zur Lächerlichmachung als zur
Wertschätzung des Königs geeignet. Wer diese Formulierungen ernsthaft verwendet, hat wohl Ludwig II. nie
verstanden.
Zum Königsbewußtsein Ludwigs II.: Wer sich mit diesem Königsschicksal und mit seiner Biographie
etwas tiefer befaßt hat, wird vielleicht auch festgestellt haben, daß sich der in der Jugend nicht abgeschlossene
Individuationsprozeß sich durch das gan-ze Leben Ludwigs II. zog - und somit auch sein Bild vom Königtum maßgeblich
be-stimmte (zumindest für sensible und nachdenkliche Menschen dauert ja der Selbst-findungsprozeß mehr als ca. 30
Jahre).
Immer wieder, so lesen wir, stellte sich Ludwig II. die Frage: »Wer bin ich?«. Er blieb sich zeitlebens ein
Rätsel, und jeder Schloßbau ist ein Versuch, die Antwort zu finden auf die Frage: »Was ist ein König?« bzw.
»und was bin ich, der König?«.
Zu seinen Lebzeiten fand er keine Definition, die als Lebensinhalt noch Gültigkeit beanspruchen durfte. Wäre
jedoch der französische Absolutismus, dem er huldigte, die endgültige Antwort auf seine Frage gewesen, so hätte
er nach Schloß Herrenchiemsee kein einziges Schloß mehr bauen müssen.
Wenn er länger gelebt hätte, so wäre er dabei gewiß nicht stehengeblieben. Was er eigentlich ersehnte,
war, wie er Wagner schrieb, das zugleich dienende und priester-liche Gralskönigtum, das zuallererst Arbeit
an sich selbst fordert, doch die Umset-zung des Ideals in die Wirklichkeit bildete das kaum lösbare Problem.
Die Suche nach dem wahren Königtum ist die Suche nach den eigenen Wurzeln und der Bestimmung: Was bedeutet
eigentlich Königtum? Was bedeutete es bei Chi-nesen, Byzantinern und anderen?
Daß sich Ludwig II. sich an der Vergangenheit orientierte, war nur folgerichtig, denn die Monarchie hatte
keine Zukunft mehr und keine Antworten.
Und in dieser gewandelten geschichtlichen Situation fehlte ein Vater, der die Antwort hätte geben (oder doch
versuchen) und zugleich den Weg zur Selbstbeschei-dung unter eingeschränkten, zeitgemäßen Bedingungen hätte
weisen können.
Nicht den Politiker oder Repräsentanten suchte Ludwig II., nicht den gekrönten Staatspräsidenten, sondern eben
jenes undefinierbare »Mehr«, und darüber verlor er allmählich das Bewußtsein für die zeitgemäße Monarchie.
Ludwig II. erbaute Heilige Räume, das Sacrosancte – als Kompensation mangelnden
Selbstwertgefühls, mag es scheinen, aber auch als Versuch, der Sinngebung.
Das Schlafgemach Ludwigs XIV in Herrenchiemsee, das Ludwig II. nie benutzte, der Thronsaal in Neuschwanstein,
das Schlafgemach in Falkenstein sind nicht Wohn- oder Audienzräume seines Ich, sondern mythische Symbole,
Inbegriffe von Majestät.
Die leidenschaftliche Suche nach dem nicht zu realisierenden Königsideal mag der Rationalist als des Königs
»Idée fixe« werten, aber sie ist nicht Wahnsinn.
Ein Verrückter wäre im blausamtenen Krönungsmantel vor die Massen getreten und hätte verkündet: »L’ état -
c’est moi!«. -
Es markiert geradezu die intellektuelle Integrität Ludwigs II, daß er München scheute - so bedauerlich sich das
auch für ihn und seine Regierung auswirkte - und er auch genau wußte, wie die Realität beschaffen war.
Sich selbst fand Ludwig II. nur in den Traumschlössern, seinen eigenen Territorien, seinen Poetischen
Paradiesen. Ihre Unzugänglichkeit, die Schweigegelöbnisse hinsichtlich der symbolischen Säle und Schlafgemächer
und auch die seltsamsten Schwüre seiner Privatsphäre sind Markierungen seines Territoriums, die wir - in anderer
Form - alle vornehmen, sobald jemand widerrechtlich in unsere persönlichste Sphäre eindringt.
Der Thronsaal Neuschwanstein, dessen Königsidee weit über die der Bourbonen hinausreicht, ein Kosmos für sich,
zeigt Christus und die Propheten und Apostel als Gesetzgeber, deren Wille die heiliggesprochenen Könige des
Mittelalters auf vielfältige Weise erfüllen.
Der Saal, trotz aller Pracht fern aller falschen, aggresiven Heldenglorie, repräsentiert das überbourbonische
Gralskönigtum von Gottes Gnaden, so wie ich es immer wieder in meinen Lesungen vortrage.
Trotzalledem wird zugleich aber auch der Widerspruch von altem und neuem Königsverständnis sichtbar. Die
staatliche Gewaltenteilung entzog den Monarchen das Recht der Gesetzgebung, die in der Ikonographie
des Thronsaals von signi-fikanter Bedeutung ist. –
Nun ist der Absolutismus des Sonnenkönigs gewiß kein positives Gegenbild zur konstitutionellen Monarchie,
aber da durch die Verfassung den Königen jeder Ein-fluß auf die Gesetzgebung (die vornehmste staatliche Aufgabe)
genommen und dem Volksouverän zuerkannt wurde, wurden diese zu Erfüllungsgehilfen von Parteibeschlüssen
degradiert - bei aller Macht über Polizei und Heer doch nur begrenzt entscheidungsbefugt: in Wirklichkeit
eine unhaltbare Zwischenlösung, die radikal, aber klar nur die Republik beseitigen konnte.
Die heutige parlamentarische Monarchie gewährt ihren Königen nur noch Repräsentationsaufgaben. Sie sind der
»Job« der »Schattenkönige« und verleihen ihnen ihre Daseinsberechtigung.
Und so entsteht heute der Eindruck, Repräsentation sei die eigentliche und herausragende Pflicht eines Königs
gewesen. War es tatsächlich so falsch, wenn Ludwig II. das anders empfand und sich nach einer Vergangenheit
sehnte, in der es sinnvollere und wichtigere Aufgaben eines Königs gab, beispielsweise in der Rechtsprechung? -
Dem König fehlte eine sachliche Bestandsaufnahme der Wirkungsmöglich-keiten, die ihm noch blieben und in die er
sich selbst hätte einbringen können.
Diesen Weg aber fand Ludwig II. nicht, und der Konflikt blieb unlösbar. Die daraus folgende tiefe Identitätskrise
hätte Ludwig II. zerbrochen, wenn er nicht Rettung in der Welt der Phantasie gesucht und gefunden hätte.
Die königlichen Räume seiner Schlösser und Bühnenbilder der Separatvorstellungen sind ja Symbole der Suche
nach der eigentlichen, ursprünglichen Bedeutung des Königtums und damit sich selber, seiner Daseinsberechtigung.
Trotz der »Eigentümlichkeiten«, die bei einem im Licht der Öffentlichkeit stehenden Mann zu Konflikten
führen müssen, bewies Ludwig II. bis zu seinem Ende gei-stige Klarheit, hohe Intelligenz, Kreativität und
hatte ungeachtet der ihm vorgewor-fenen psychischen Störungen ein reiches seelisches Innenleben.
Wie der jugendliche Held in Michael Endes »Unendlicher Geschichte« war auch Ludwig II. ein Wanderer zwischen
den Welten, brach auf nach »Phantasien« und kehrte von dort immer wieder in die reale Welt zurück, allerdings
ohne alle Erwartungen der Umwelt zu erfüllen.
König Ludwig II. hat die Bestimmung des Menschseins erfüllt, denn er konnte lieben, schaffen - und mußte leiden.
Ludwig II. würde heute - im 21. Jahrhundert - flüchten vor Fernsehkameras, müßte seine Schlösser, seine
Poetischen Paradiese, absuchen lassen nach „Wanzen“ und hätte sein Theater verloren, denn die heutige Gesellschaft
mit den ständigen zeitgeistgerechten Innovationen, mit der hektischen Änderungswut und permanenten
Umwertung aller Werte hätten ihm das genommen, was er durch Wieder-Holung zu bewahren suchte.
Der Romantiker, der sich in der Vergangenheit zu Hause fühlt, ist verloren in einer nur noch auf Zukunft hin
orientierten Welt, die sich in ziellosem Erneuerungs-rausch ständig selbst verstümmelt und alles ersetzbar macht.
Ludwig II., König im Wunderrausch der Nacht, der Poesie, der Träume, der unstillbaren Sehnsucht nach Sinn,
nach Transzendenz, gehört nicht in die Welt des „Tages“, nicht in unsere Welt. Er ist unzeitgemäß wie eh und je -
und darum unverwechselbar e r s e l b s t.
Wird einmal eine Zeit kommen, da „Tag“ und „Nacht“ sich versöhnen? Noch tragen wir das „Bild in des Herzens
bergendem Schrein“ und wenn sich der Allmachts-wahn technischer und biologischer Omnipotenz als enttäuschend
und die totale Vermarktung des Lebens als destruktiv enthüllt haben, wird eine neue Generation ebenfalls
wiederholen, was war und unwandelbar bleiben sollte.