Ergänzend zu meinen Ausführungen auf der CD – Dritter Teil – der Serie
Herrlichkeit und Tragik eines
Märchenkönigs möchte ich folgendes anmerken:
Die allgemein bekanntgewordene Unzufriedenheit König Ludwigs II. mit sich und anderen Menschen, die stets neuen
qualvollen Enttäuschungserlebnisse, der Gefühlsüberschwang, dem bald gänzlicher Abbruch einer Beziehung folgte,
sind – wie ich auf der CD geschildert habe – pathologisiert worden.
Für die Gegner und Kritiker des Königs waren und sind sie eindeutige Belege des Wahnsinns, verrückte, nicht
nachvollziehbare Gefühlsschwankungen – für Ludwig II. geneigte Psychologen, die differenzierter urteilen,
„narzißtische Störungen“.
Ich kann den letzteren nicht widersprechen; in der Forschung fanden diese Psychologen jedoch wenig Beachtung.
Es sei zugestanden: normalerweise sind menschliche Enttäuschungen kein Grund, sich von der Welt zunehmend
zurückzuziehen. Ein durchaus königstreuer Zeitgenosse fragte kritisch, wer denn nicht im Alter zwischen 20 und
30 Jahren – also der Adoleszenz – Enttäuschungen erlitten habe, und erwähnt Ludwigs Entlobung sowie seine
Niederlagen im politischen Bereich in Andeutungen. Der so urteilte, ließ die anderen seelischen Belastungen
Ludwigs unberücksichtigt. Er wußte nicht, was es bedeutet, in einer Zeit, die ganz und gar vom Vererbungsglauben
bestimmt war und persönliche Schädigungen ausschließlich aus den Genen herleitete, der Bruder eines sogenannten
unheilbaren Geisteskranken zu sein, und natürlich konnte der Zeitzeuge, in Unkenntnis der unveröffentlichten
Tagebücher, nichts von der sexuellen Problematik wissen, die allein schon ausgereicht hätte, einen Menschen der
damaligen Zeit seelisch krank zu machen.
Zu all diesen Belastungen kommt nun noch eine andere, meist wenig beachtete: Ludwig, ein nach Erziehung, Anlage
und innerstem Wesen tiefreligiöser und dazu hochintelligenter Mensch wurde in die Zeit des philosophischen
Atheismus hineingeboren. In seiner überaus kurzen Studentenzeit las er Strauß und Feuerbach; wie aus einem Brief
hervorgeht, bestärkte ihn der von ihm hochgeschätzte Kronprinz Rudolf von Österreich in seinen Glaubenszweifeln,
und noch in der letzten Nacht in Neuschwanstein, als sich sein Schicksal erfüllte, sagte er zu Alfons Weber, er
habe sich mit dem philosophischen Materialismus gründlich auseinandergesetzt, dessen Menschenbild aber bleibe
zutiefst unbefriedigend, und er stellte die Gottesfrage, die immer auch Sinnfrage ist: „Ich glaube an die
Unsterblichkeit der Seele und die Gerechtigkeit Gottes.“
Nicht nur Ludwig, auch den sensiblen und geistig hochstehenden Zeitgenossen konnte die Antwort des Materialismus
nicht genügen. Sie waren so wenig wie er, dem einer der Gesandten dies später vorwarf, Atheisten, doch ihren
Gottesglauben hatte der Zeitgeist erschüttert.
Selbst die heilige Therese von Lisieux hatte diese „dunkle Nacht der Seele“ zu ertragen. Um leben zu können
in einer Welt ohne Gott, verlegten die metaphysisch Hungernden und Dürstenden seit der Aufklärung das Göttliche
ins Menschliche. Goethes Werke legen davon Zeugnis ab.
Wer in der nachromantischen Epoche sich nicht geistig-seelisch genügsam auf technischen Fortschritt beschränkte
und darin das Heil der Menschheit suchte, verlegte das verlorene Paradies in den Partner, die Bezugsperson – vor
allem die Dichter und Künstler. Und von diesem Partner erwarteten sie die unbegrenzte, allmächtige, vorbehaltlose
Liebe, Annahme, Verständnis, jene unverlierbare Heimat, die einmal Gott dem Menschen gewesen war.
„Wer je gelebt in Liebesarmen, der im Leben nie verarmen“, schrieb der ungläubige Dichter Theodor Storm. Ihm wird
die erfüllte Beziehung zum Lebenssinn, der den ewigen Tod erträglich macht.
Wagners „Tristan und Isolde“ werden einander zum Absoluten, Göttlichen, dem was, wie Tillich sagt, uns
unbedingt angeht.
Die Liebe zwischen Menschen wird hier zur Religion – und damit zur vollendeten Symbiose und verknüpft mit einem
ungeheuren Anspruch.
Tristan und Isolde wird die Dichtergnade gemeinsamen frühen Liebestodes, doch in der Realität kann keine
Beziehung auf Dauer in dieser Intensität und Ungetrübtheit bestehen, wenn sie nicht ihren religiösen Rückbezug
hat zur vergebungsfähigen Liebe Gottes (1. Korintherbrief, 13. Kapitel), die der Mensch immer nur partiell
verwirklichen kann.
Wenn Ludwig II. sich immer wieder glühend begeisterte für Menschen, um dann tief enttäuscht die Beziehung zu
beenden, wenn er verzweifelte am selbstgesetzten Anspruch, asketisch das zölibatäre Priesterkönigtum
durchzuhalten, so dachte und empfand er als Künstlernatur des 19. Jahrhunderts.
Dem Bürger des 19. Jahrhunderts, sei es der materialistische Ministerpräsident Freiherr von Lutz oder
seien es die streng naturwissenschaftlichen Irrenärzte, die ich nicht Psychiater nennen möchte, da sie sich
als Gehirnanatomen verstanden und von der menschlichen Seele nicht mehr wußten als andere, waren Gefühle in
solcher Intensität nicht zugänglich. Doch das Leiden an der vorfindlichen Welt, das Sich-Nicht-Abfinden-Können
mit dem von den anderen leichthin erbrachten Verzicht auf jegliche Spiritualität teilte Ludwig mit Wagner und
den größten Geistern seines Jahrhunderts. Bei ihm ist das rastlose, sehnsüchtige Suchen nach der vollkommenen
Liebe nur besonders stark ausgeprägt. Es ist letztlich Gottsuche, und darum kann kein Mensch diesen Anspruch
erfüllen.
Cosima gab Wagner Halt durch ihre unbedingte Treue und Hingabe, doch Wagners bis in den Tod währende
metaphysische Unruhe vermochte auch sie ihm nicht zu nehmen.
Und Ludwig II. stürzte so tief, weil er so hoch dachte – von sich und anderen.
Auch als religiöser Mensch war Ludwig II. einsam in einer irr-religiösen Zeit, da er, anders als der
ultramontane praktizierende Katholik, sich den intellektuellen Argumenten des Atheismus nicht verschließen
konnte und anders als der anspruchslose Materialist, Sinn nicht im Vorfindlichen und Vorläufigen zu finden
vermochte.
Ludwig II. war innerlich zerrissen von Glaube und Zweifel. Von einer Kirche, die auf die Herausforderung der
Zeit mit rigidem Machtanspruch, Ritus und Moralgesetz antwortete, war keine Hilfe zu erwarten, doch Ludwigs
religiöse Grundprägung bricht immer wieder durch – trotz intellektueller Zweifel und absolutistischer Hybris.
Die vielen Zeugnisse, die davon sprechen, lassen ahnen und hoffen, daß sein schweres Schicksal ihn
letztendlich zum Glauben zurückführte.
Wenn einer der Minister unter dem Eindruck der tendenziösen Persönlichkeitsbeurteilung im Landtag das Urteil
fällte:
„Er lebte wie ein Ungeheuer und starb wie ein Ungeheuer“,
so verstieß dieser Minister nicht nur gegen das Gebot der Bergpredigt, das solche Urteile über den Nächsten
eindeutig verwirft; dieser Herr hätte sich auch fragen müssen, ob Ludwig II. den angeblichen Tod eines Ungeheuers
auch dann gestorben wäre, wenn man an dem Pfingstsonntag des Jahres 1886 ihm die Teilnahme am Gottesdienst, um
die er bat, nicht verweigert hätte.