Da gab es einen hohen Beamten im Elsaß. Er kam viel mit bedeutenden Menschen zusammen, und er verstand es auch,
ihr Vertrauen zu gewinnen. Eines Tages lernte er den Sohn des bekannten Irrenarztes Professor Dr. Bernhard von
Gudden kennen. Dieser Sohn, namens Rudolf Gudden, ein begabter Kunstmaler und Waidmann, hat zu seiner Zeit eine
bemerkenswerte Bedeutung als Künstler gehabt; er hauste einsam in einem alten Haus, weit vom nächsten Dorf
entfernt.
Der Beamte, der sich sehr für das Schicksal des Königs interessierte und darüber viel gelesen hatte, kam mit
dem Kunstmaler zu diesem Thema ins Gespräch; Rudolf Gudden, der sonst ein wortkarger Mann war, erzählte plötzlich
lebhaft über den Tod Ludwigs II.: als der König fliehen wollte, schoß ein bewaffneter Gendarm aus dem Gebüsch
heraus. Der König wurde so schwer getroffen, daß er vornüber fiel und im Wasser verblutete........
Diese Information über die Wahrheit vom Ende des Königs erhielt schon frühzeitig der Sohn des Kunstmalers, nämlich
Hermann Gudden, der Enkel Dr. Bernhards von Gudden, von seinem Vater und der Mutter, einer Amerikanerin.
Nach dem Tod des Vaters erhielt der Sohn nicht nur die Jagdtrophäen, Bilder und vieles andere, sondern auch eine
geheimnisvolle große Truhe. In dieser Truhe befanden sich Papiere beziehungsweise Aufzeichnungen zum Tod Ludwigs
II., wie es dann später der Journalist Volker Stutzer heimlich feststellen sollte.
Ende der Zwanzigerjahre kaufte sich der Sohn Hermann Gudden mit seiner Frau Luise das Hofgut Ornatsöd; es ist
ein historischer Einzelhof der mittelalterlichen Besiedlungsperiode, der sehr nahe an der Grenze zu Österreich
in der alten Herrschaft Gottsdorf liegt. Das Ehepaar bewirtschaftete den Hof in der damals üblichen Art mit
Knechten, Mägden und Pferden.
Volker Stutzer war zu dieser Zeit noch ein kleiner Bub, als sich seine Eltern mit dem Ehepaar Gudden
anfreundeten. Schon damals bemerkte Stutzer, daß ein Schatten über der Familie lag. Die Erwachsenen sprachen
oft von den Ereignissen am Starnberger See, aber stets in verschwörerischer Weise. Stutzer fiel auf, daß bei
seinem Hereinspringen ins Biedermeierzimmer zur Kaffeetafel mit der Bitte um ein Stück Kuchen das Gespräch
abrupt abbrach und von Alltäglichkeiten geredet wurde.
Im Haus achtete niemand auf das, was Stutzer sonst tat. Deshalb fand er die Truhe und später ihren Inhalt.
Die Truhe stand in einem der Nebenräume des vielzimmerigen Hauses und war mit verschnörkeltem Eisen beschlagen.
Hermann Gudden hatte ihm einmal beiläufig gesagt, sie sei sehr alt, ein paar hundert Jahre vielleicht. Ein
Schloß sicherte stets den Deckel. Stutzer erinnert sich noch genau an einen heißen Sommer-Ferientag, alle Hände
wurden zur Ernte gebraucht. Das Haus war leer und man konnte darin herumgehen. Und so kam Stutzer auch in das
Zimmer mit der Truhe – er fand sie ohne Schloß; sofort machte er den Deckel auf – es waren viele Papiere darin.
Es lagen auch Druckschriften und Hefte in der Truhe, stark abgenützt. Stutzer ist da besonders ein orangefarbener
Umschlag in Erinnerung geblieben und die deutsche Frakturschrift, in der der Text gesetzt war. Es ging um Ludwig
II. und Dr. Bernhard von Gudden. In einem der Hefte waren lange Passagen aus den Tagebüchern des Königs abgedruckt.
Und es waren lange und durch Fettdruck herausgehobene Texte darin, die sich mit den Ereignissen rund um den Tod
des Königs beschäftigten – und mit wörtlichen Zitaten von Zeugen.
Stutzer wußte, daß er Verbotenes tat und ein Geheimnis lüftete. Er warf die Schriften wieder in die Truhe und
machte sie zu. Er lief aus dem Zimmer und hatte Häcksel aus dem Stall an den Sandalen gehabt und davon blieb ein
wenig auf dem Dielenboden zurück.
Niemand hat zu Stutzer je ein Wort gesagt, er hat dann auch den Mund gehalten. Aber man hat wohl gemerkt, daß
das harmlose Bübchen gestöbert hatte: die Truhe verschwand aus dem Zimmer und nie hat Stutzer erfahren, wohin
sie geschafft wurde.
Nach vielen Jahren, als Volker Stutzer schon längst Zeitungsredakteur war, läutete das Telefon auf seinem
Schreibtisch. Das Krankenhaus Obernzell war in der Leitung und die Schwester sagte, er möge sofort kommen,
denn Herr Gudden liegt im Sterben und er möchte seinen Freund unbedingt sehen.
Volker Stutzer erschien am Krankenbett, setzte sich zu dem Todkranken und nahm seine Hand; Stutzer wußte,
Hermann Gudden würde bald sterben. Mit kaum hörbarer Stimme sprach er zu Stutzer:
„Schön, daß du gekommen bist (...). Ich wollte dich sehen, unbedingt. Niemand anders
darf kommen, bleib´ bei mir, bitte! (...) Und ich muß dir noch etwas sagen. Ein Versprechen hat mich gebunden
zu schweigen. Nun sterbe ich und bin dessen ledig, du darfst und mußt es wissen. Du hast einmal die Truhe
aufgemacht ... Das Familiengeheimnis ist keins mehr. Rede davon, schreibe darüber! Wir Gudden haben immer
gewußt, daß König Ludwig nicht ertrunken ist und der Onkel ihn nicht umgebracht hat und er ihn nicht! Der König
wollte fliehen und ist aus dem Gebüsch heraus hinterrücks erschossen worden! Ich habe als junger Mensch das
durchschossene Hemd des Königs selbst gesehen ...“
Dann schwieg Hermann Gudden; er fing an zu röcheln. Stutzer wollte aufstehen und Hilfe holen, der Sterbende
hielt aber seine Hand fest und bewegte den Kopf hin und her, als ob er Nein! sagen wollte. Stutzer blieb bei ihm
sitzen und fühlte das immer langsamer werdende Pulsen in der papierdünnen Haut der Hände. Der Griff um die Hand
des Freundes lockerte sich erst, als seine Seele ihn verließ.
Hermann Gudden ist gestorben, es war der 30. April 1974.
Als Volker Stutzer die Truhe und die Papiere sah, war Rudolf Gudden bereits tot; viel von seinem Erbe befand
sich beim Sohn Hermann Gudden. Bekannt ist, daß ein „Gudden-Archiv“ existierte. In diesem Archiv müßten
sich auch die Papiere bzw. Dokumente aus der Truhe befunden haben; dieses Archiv wurde angeblich bei Kriegsende
in Prag vernichtet. Derzeit wird von der Ludwig-Forschung geprüft, inwieweit das Archiv die Truhe tatsächlich
vernichtet wurde.
Der Journalist und Buchautor Volker Stutzer wurde für hervorragende journalistische Leistungen mit dem
Theodor-Wolff-Preis und mit dem Bundesverdienstkreuz für seinen Kampf gegen Naturzerstörung ausgezeichnet.
Wenige Tage nach dem Tod von Hermann Gudden rief Volker Stutzer einen bekannten Historiker aus Bayern an.
Stutzer sagte ihm, wer er sei und was ihm der sterbende Gudden anvertraut hätte. Stutzer hörte am anderen Ende
der Leitung ein Seufzen und dann die voreiligen Worte: „Ach! Schon wieder eine neue Legende über den Tod Ludwigs
des Zweiten ...“
Damit war das Interesse dieses Historikers schnell erschöpft. – Für die Ludwig II. – Forschung wurde aber
dieses Verhalten zu einem großen Gewinn! Denn heute ist auch Volker Stutzer sehr froh und zugleich beruhigt
darüber, daß sein Wissen aus dem letzten Gespräch mit seinem sterbenden Freund Hermann Gudden der
Ludwig-Forschung zugute kam.
König Ludwig II. von Bayern ist erschossen worden; dies kann aufgrund der zahlreichen und eindeutigen
seriösen Hinweise, Beweise und Bestätigungen, die dem Forscher Peter Glowasz jetzt vorliegen, unterstellt werden.
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