Ein Tannenbäumchen wird nun bald wieder im behaglichen Wohnzimmer dastehen, vielleicht sogar ein mächtiges,
behängt mit Schmuckzeug und Naschwerk im Überfluß. Das wird vor allem wieder ein Fest der Kinder sein; sie freuen
sich besonders darauf, gemeinsam mit dem Vater oder der Mutter oder mit beiden liebevoll den Christbaum zu
schmücken.
Ja – und was vielleicht viele gar nicht wissen: die
erste Tanne wurde vor rund 485 Jahren für den
Heiligen Abend aufgeputzt.
Und des König Ludwigs richtungsweisender Lieblingsdichter und Nationalpoet, nämlich Friedrich von Schiller,
war es, der heimlich vom zuckersüßen „Fressbaum“ naschte.
Friedrich Wilhelm von Hovens, ein Freund des Hauses Schiller, schreibt: „
Am Weihnachtsabend kam ich zu ihm,
und was sah ich da? Einen mächtig großen, von einer Menge kleiner Wachskerzen beleuchteten, mit vergoldeten Nüssen,
Pfefferküchlein und allerlei kleinem Zuckerwerk aufgeputzten Weihnachtsbaum. Vor ihm saß Schiller ganz allein, den
Baum mit einem Lächeln in der Miene anschauend und von seinen Früchten herunternaschend …“.
Als von Hovens den Dichter Friedrich von Schiller im Jahre 1793 als Naschkatze unterm geschmückten Tannenbaum
sah, hatte der Christbaum seinen Siegeszug in Deutschland noch vor sich. Dafür hatte er dann auf ganzer Linie
großen Erfolg. Heute werden in fast jedem deutschen Wohnzimmer am
Heiligen Abend die Kerzen oder die elektrische
Kerzenkette an der Weihnachtstanne angezündet bzw. eingeschaltet.
Rund 485 Jahre hat der geschmückte Baum mittlerweile auf seinem grünadeligen Buckel. Vorläufer gab´s schon
viel früher: Auch die heidnischen Germanen verschönerten ihre Häuser zur Zeit der winterlichen Sonnenwende mit
Tannenzweigen.
Soweit es sich zurückverfolgen lässt, stammt die Idee, zu Weihnachten einen Baum zu putzen, aus der Zeit um
1600. Sie entstand vermutlich im Elsaß. Jedenfalls kommt zu dieser Zeit aus Straßburg die erste Nachricht über
„
echte“ Christbäume: „
Auff Weihnachten richtett man Dannenbäume zu Straßburg in den Stubben auf, daran henckett
man rossen aus vielfarbigem Papier geschnitten, Äpfel, flache kleine Kuchen, Zischgold, Zucker…“.
Die frühesten Bäume waren vorwiegend mit Konditor- und Zuckerwaren behängt. Deshalb wurden sie in Nürnberg
auch „
Fressbäume“ genannt.
Ein Tannenbaum mit Kerzen wird erstmals im Jahre 1708 erwähnt, und zwar in einem Brief der Herzogin von
Orleans, der oft zitierten Lieselotte von der Pfalz.
Johann Wolfgang von Goethe sah seinen ersten Weihnachtsbaum erst im Jahre 1765. Das war in Leipzig, im Hause
eines Freundes.
Der Siegeszug des Christbaumes begann in Deutschland zu etwa jener Zeit, vor mehr als 215 Jahren: Zeugnisse
liegen vor aus dem Jahre 1767 für Leipzig, 1815 für Danzig und 1825 für München.
Für den Christbaum begeisterten sich zunächst höfische Kreise, dann die bürgerliche Oberschicht, später die
Städter. Auf dem Land fand er erst Mitte des 19. Jahrhunderts seinen Einzug.
Vor 187 Jahren verzeichnete dann auch Berlin seinen ersten Weihnachtsbaum.
Und wer zu der Zeit noch immer nicht mitbekommen hatte, was die weihnachtliche Stunde geschlagen hatte, wurde
spätestens durch den deutsch-französischen Krieg aufgeweckt. Denn den endgültigen Durchbruch bescherte dem
Christbaum diese Nachricht, die im Jahre 1871 in den Zeitungen stand: Kaiser Wilhelm I. feierte die Heilige Nacht
in Versailles – unter dem Weihnachtsbaum! –
Wenn der Novembersturm über das bayerische Land brauste und schon die ersten Flocken die Nähe
des Christfestes verkündeten, dann glichen einige Räume des Schlosses Hohenschwangau schon einem märchenhaften
Basar.
Und am Heiligen Abend stand dann auch im Schloß der mächtig große von einer Menge kleiner Wachskerzen
beleuchtete, mit allerlei Zuckerwerk aufgeputzte Weihnachtsbaum, so wie ihn 1793 auch Friedrich von Schiller
kannte. Und rund 70 Jahre später hätte er bei König Ludwig II. von Bayern sein mögen, dann hätte er den königlichen
Tannenbaum ebenso bewundert – und vielleicht hätte er auch heimlich an diesem zuckersüßen „Fressbaum“ genascht.
Edel und im tiefsten Grunde seines Wesens voll Güte war ja bekanntermaßen das Herz des Königs. Und was
königliche Gebefreudigkeit ersinnen mochte, war am Christabend zu Geschenkzwecken aufgehäuft: schimmernde
Edelsteine, wertvolle Stoffe, Ringe und Uhren, Figuren aus Holz und Elfenbein, Vasen, Bilder, Bücher und
Fotografien.
Keiner sollte vergessen sein von denen, die sich um ihn sorgten und mühten. Er wollte in den Augen seiner
Mutter, seines Bruders, seiner übrigen Verwandten und seiner gesamten Dienerschaft jene dankbare Freude aufleuchten
sehen, die dann das Herz des Schenkenden vieltausendfach beglückt.
Und da konnte es geschehen, dass der ärmste Stallbursche am Heiligen Abend ein besonders wertvolles Geschenk
des Königs in Händen hielt, dass er fassungslos bestaunte. Er hätte niederknien mögen vor so viel Güte, die sich
im König offenbarte und die an das Liebeswunder der Heiligen Nacht spürbar gemahnte.
Und so sagte auch heute noch das Volk von seinem einzigen König, würdig des Jahrhunderts Achtung:
„Welch ein liebenswürdiger König, gesegnet mit allen Gaben Gottes! Er hatte ein gutes Herz!“