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NEUE SERIE
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Auf den Spuren des Märchenkönigs
Gesammelte Materialien - Interviews
Zweiter Teil:
»Ludwig II. war nicht mehr und nicht weniger ›geisteskrank‹ als wir es heute alle sind ...«
(Kurt Hommel)
Professor Dr. Kurt Hommel
Theaterwissenschaftler • Buchautor • Ludwig II.-Forscher - Die Berliner Gespräche -
Erinnerungen von Peter Glowasz
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Sehr oft hatte ich Gelegenheit, den bekannten Theaterwissenschaftler und Buchautor, Professor Dr. Kurt Hommel
in seiner Berliner Wohnung im Grunewald zu besuchen; zur gewohnten Teestunde haben wir vor allem viel über König
Ludwig II. gesprochen. Kennengelernt haben wir uns eigentlich zufällig: In den 80er Jahren schrieb eine Berliner
Zeitung über meine intensive Ludwig II.-Forschungsarbeit sowie über die beabsichtigte Veröffentlichung einer
Biographie. Prof. Hommel las diesen Artikel und rief mich an. Schon wenige Tage später kam es dann zu einem
gemeinsamen Treffen.
Nun, man kann sagen, daß Prof. Hommel von Anfang an meine schriftstellerische Arbeit über Ludwig II. begleitet
bzw. verfolgt und (schon fast väterlich) unterstützt hat. Geplant waren auch gemeinsame Arbeiten wie zum Beispiel
eine Hörbuchproduktion - und vieles mehr ...
Prof. Dr. Kurt Hommel lebte in Berlin und München. Er studierte in Dresden, Berlin und München Germanistik,
Kunstgeschichte, Theaterwissenschaft, Philosophie, Psychologie und Journalistik. Als Dramaturg war er in Ulm,
München und Berlin tätig. An den Universitäten Sydney und Kyoto/Japan lehrte er Theaterwissenschaft und
Literaturgeschichte.
In Deutschland wurde Prof. Hommel durch sein außergewöhnliches Werk: »Die Separatvorstellungen vor König
Ludwig II. von Bayern« besonders bekannt; das Buch erschien im Jahre 1963. Sein letztes, bedeutsames Ludwig
II.-Werk »Der Theaterkönig Ludwig II. von Bayern - eine Würdigung« erschien im Jahre 1980. Außerdem erschienen
von ihm zahlreiche Beiträge in wissenschaftlichen Werken und Zeitschriften, sowie feuilletonistische Aufsätze und
Theaterkritiken in in- und ausländischen Zeitungen. In Japan galten seine privaten Spezialstudien dem japanischen
klassischen Theater (Noh, Kabuki, Bunraku), für das er in Europa als Experte bekannt war. Prof. Hommel wurde auch
zu Gastvorlesungen und -seminaren in Südkorea, Tasmanien, Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland und Österreich
eingeladen.
Wie schon erwähnt, plante ich mit Prof. Hommel Hörbücher zu produzieren; und so habe ich vereinbarungsgemäß
fast alle Gespräche auf Tonband aufgenommen. Und mit Hilfe dieser doch so wertvollen Tonträger ist es mir heute
möglich, in meinen Erinnerungen Prof. Hommel umfangreich und gewissenhaft zu zitieren.
In den anfänglichen Gesprächen erzählte Prof. Hommel: »Wenn man sich heutzutage ernstlich und gewissenhaft
die Aufgabe stellt, ein möglichst objektives Werk über König Ludwig II. zu schreiben oder auch nur ein größeres
Kapitel, einen größeren Abschnitt aus dem Leben dieses Fürsten geschichts- oder stilwissenschaftlich zu
behandeln, so bedarf es zunächst eines jahrelangen geschichtlichen Quellenstudiums. Die Notwendigkeit einer solch
umfangreichen Vorarbeit ergab sich für mich schon beim Beginn des Studiums der ersten Biographien über Ludwig II.,
die in ihren angeblich objektiven Ausführungen und in den aufgeführten Daten doch beträchtlich voneinander
abweichen. Sie sind zum Teil als mehr oder weniger tendenziös zu beurteilen, ganz gleich, ob es sich um
zeitgenössische oder spätere bzw. heutige Biographen handelt. Für meine Ludwig II.-Arbeit mußte ich mich auch
eingehend mit allen nur erreichbaren belletristischen Werken, sei es in deutscher, englischer, französischer
oder holländischer Sprache befassen, wobei ich interessanterweise immer wieder feststellen konnte, wer von wem
Wahrheiten, aber auch Dichtungen übernommen oder was der betreffende Autor selbst erarbeitet oder erdichtet hat.
Und so wäre es deshalb wert, einmal Leben und Werk Ludwigs II. im Spiegel des Schrifttums zu untersuchen. Gewiß
läßt sich Belletristik nicht ohne weiteres in den Bereich streng wissenschaftlichen Arbeitens einbeziehen, doch
kann man durch Bezugnahme einmal alle Schund-Literaten, Aktualitätenjäger oder Hetzprediger so weit entlarven oder
verdrängen, daß durch die Wissenschaft, auch über Ludwigs II. Persönlichkeit und Werk, der Wahrheit mehr und mehr
zum Siege verholfen wird. Gerade um ihn, um seine weltberühmten, kunstreichen Bauten (Anm.d.Autors: Ein heutiger
Psychiater nennt das krankhafte „Bausucht“!) und seine Separatvorstellungen, aber auch um sein Leiden und Ende
wuchert in der Nachwelt die Legende in seltenem Maße, und meist mit glänzendem Erfolge«.
Anfangs habe ich selbstverständlich Prof. Hommel die Frage gestellt, wie eigentlich das Buch »Die
Separatvorstellungen ...« entstanden ist - und wie lange er an diesem Werk gearbeitet hat.
Dazu Prof. Hommel: »Die Entstehung des Buches geht auf meine Dissertation ›Das Schauspiel in den
Separatvorstellungen vor König Ludwig II. von Bayern‹ zurück, zu der Prof. Dr. Artur Kutscher in München die
Anregung gab; dafür schulde ich ihm besonderen Dank. Danken darf ich auch ferner Herrn Prof. Dr. Hans Rall, Frau
Gertrud Strobel, Archivarin vom Richard-Wagner-Archiv, den Herren Wieland und Wolfgang Wagner, den Enkeln Richard
Wagners, für die großzügige Gewährung von Studienmöglichkeiten.
Im Jahre 1948 holte mich Hans Schweikart, der Leiter der Münchener Kammerspiele, als Dramaturg an das Theater.
Ein Jahr später erhielt ich einen Telefonanruf, ob ich als Theaterexperte bereit sei, die Separatvorstellungen vor
König Ludwig II. fachmännisch und wissenschaftlich zu erforschen. Das bayerische Kultusministerium würde mich dabei
finanziell unterstützen und das Haus Wittelsbach wolle mir den Zugang zu den Archiven, Schlössern usw.
erleichtern - und die philosophische Fakultät der Universität München verleihe schließlich den Doktor-Titel. Nach
längeren Überlegungen entschloß ich mich zu dieser Arbeit doch. Besonders wertvolles Studienmaterial erhielt ich
aus dem Hause Malyoth in der Münchener Mühlstraße. Frau Charlotte Malyoths Schwiegervater war nämlich in der
Hofkanzlei Ludwig II. tätig gewesen und hatte vor allem zahlreiches dramaturgisches Material gesammelt und eine
umfangreiche Kartei angelegt, die eine einmalige Fundgrube für mein Vorhaben bedeutete.
Als ich dann um eine erste Audienz bei Kronprinz Rupprecht vom Hause Wittelsbach, der damals noch im Schloß
Leutstetten bei Starnberg lebte, ersuchte, um mich vorzustellen, erfuhr ich ein erstaunliches Wohlwollen von
dieser Seite. Mir wurde sogar angetragen, aus Gründen der Arbeitserleichterung und der damit verbundenen
Arbeitsatmosphäre, das Zimmer im Alten Schloß auf der Insel Herrenchiemsee zu bewohnen, das einst König Ludwig II.
während der Bauarbeiten des Neuen Schlosses auf Herrenchiemsee besuchsweise oft benutzte.
Und so entstand ein großer Teil meiner Dissertation an dem Schreibtisch von König Ludwig II. von Bayern.
Zunächst habe ich damit begonnen, möglichst alles, was an Veröffentlichungen über Ludwig II. in der Welt
erlangbar war, zu lesen. Fast zwei Jahre brauchte ich für die Ausarbeitung der Dissertation. Dazu gehörte auch
die schwierige Beschaffung von Bildmaterial, von Briefen an die Schauspieler Possart und Kainz und anderen
Schauspielern, auch Sängern, Dokumente vom Hofintendanten Perfall und des Königs vier Dramaturgen seiner
Separatvorstellungen.
Nach meiner Promotion wurde ich an die Universität Sydney berufen, wo ich fünf Jahre Theaterwissenschaft lehrte.
Nach meiner Rückkehr im Jahre 1960 arbeitete ich wieder an den Separatvorstellungen, indem ich mich mit der Oper
und dem Ballett in den Separatvorstellungen beschäftigte, denn das Thema der Dissertation bezog sich ja nur auf
das Schauspiel in den Separatvorstellungen. Das Buch bzw. das gesamte Werk lag schließlich zur Wiedereröffnung
der bayerischen Staatsoper im Jahre 1963 vor. Prinz Adalbert von Bayern, damals federführend für das Haus
Wittelsbach, hatte das Geleitwort im Buch geschrieben.«
Nun, im Jahre 1980 hat Prof. Hommel ein weiteres Buch geschrieben – und zwar »Der Theaterkönig Ludwig II.
von Bayern – eine Würdigung«. Wie ist eigentlich der Theaterkönig entstanden, wer oder was hat Sie zum Schreiben
über Ludwig II. inspiriert? So lautete meine Frage. Prof. Hommel: »Zur Entstehung des ›Theaterkönigs‹ wäre zu
sagen, daß es mich geradezu empört, was bis in die Gegenwart hinein mit der Persönlichkeit König Ludwigs II.
vorgenommen wird. Letzten Endes der Geschäftemacherei natürlich wegen. Da wird vor übelsten Legenden und
sonstigen Fälschungen nicht die geringste Rücksicht genommen. Man entstellt einfach nur der Geschäftemacherei
wegen. Und so ist eine Revision und Erneuerung des Ludwig II.-Bildes längst fällig. Legenden und Fälschungen in
der Geschichte können durchaus langlebig sein. Und König Ludwig II. ist dafür ein typisches Beispiel, wenn nicht
sogar ihr Opfer. Was seine Verdienste um das Theater betrifft, rückt er wieder nach vorn. Die Frage nach seiner
Bedeutung für das Theater ist allenthalben zu klein gestellt worden. Es ist durchaus nicht zu hoch gegriffen, dem
Theaterherzog Georg von Sachsen-Meiningen Ludwig II. von Bayern auch als Theaterkönig überzuordnen.
Ob ich eine weitere Arbeit über Ludwig II. vorlegen kann, kann im Moment noch nicht mit Bestimmtheit gesagt
werden. Geplant sind jedenfalls neue Studien.«
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Im Bild: die Bücher von Prof. Kurt Hommel
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Und zu der bisher erschienenen Literatur über Ludwig II. äußert sich Prof. Hommel wie folgt: »Was die bisher
erschienene Literatur über Ludwig II. betrifft, so ist der größte Teil zu subjektiv in der Darstellung König
Ludwigs II. und seiner Welt. Also ist Vorsicht geboten. Bei genauem Studium läßt sich feststellen, wer von wem
falsches wie richtiges übernommen hat. Nur ein Beispiel: Seit dem Erscheinen des Buches von dem Königlichen
Intendanten Karl von Perfall spricht man von 208 Separatvorstellungen insgesamt. Und diese Zahl übernehmen
alle Autoren, die über den König geschrieben haben. Auch so gewissenhafte Biographen wie Gottfried von Böhm,
Georg Jakob Wolf und Werner Richter. Bei genauer Überprüfung ergaben sich jedoch 209 Separatvorstellungen. Der
Grund liegt einzig an der Perfall’schen Darstellung der beiden Separatvorstellungen am 7. und 8. November 1873.
Der größte Teil der Ludwig II.-Literatur ufert ins romanhafte und willkürliche aus. Vieles ist von einer Art
Bilderbuch in der Darstellung, hat Klatschcharakter, ist sensationell geschäftlich bedingt, kleinkariert. ›König
Ludwig II.-Superstar‹ heißt jetzt die Parole! Es mangelt an Ernst, Objektivität und vor allem Seriosität. Und ein
Ende ist nicht abzusehen.«
Wie entstanden eigentlich die Separatvorstellungen – und stand Richard Wagner oft auf dem Spielplan? Dazu Prof.
Hommel: »Die Separatvorstellungen sind eigentlich ein Produkt der angeborenen Menschenscheuheit des Königs; diese
Eigenschaft besitzen ja viele Menschen. Dem König wurde es mit der Zeit leid, einen Abend lang im Theater
Schauobjekt zu sein, anstatt sich die Gläser auf die Bühne richten.
Ja, natürlich standen die Werke Wagners an erster Stelle im Spielplan. Er ließ sich ja imsgesamt 21 Opern
aufführen, von denen die Hälfte von Richard Wagner stammte. ›Der Ring des Nibelungen‹ wurde zum Beispiel dreimal
aufgeführt. ›Parsifal‹ achtmal. Die Musik unterstrich dabei dem König nur die poetisch sinnbildliche Wirkung der
wagnerischen Werke. Sie belebte seine Traumwelt, betonte den romantischen Zauber. Also nicht wegen ihres
ethisch-musikdramatischen Gehaltes fesselte ihn Wagners Musik, sondern der Stimmung wegen, die sie in ihm
erweckte. Aus der Sicht der Musikexperten war Ludwig II. nicht ausgesprochen musikalisch, er war aber
außerordentlich musikempfänglich.
Ludwig II. war sehr einsam. Und das war der Grund zur Flucht zum Buch. Seine Gesellschaft galt dem Buch. Lesen
war eine seiner wenigen Lebensfreuden. Sogar während seiner Fahrt durch die Gebirgslandschaften mußte er des
öfteren lesen. Über alles liebte er da die Klassiker, voran Schiller als Dramatiker. Er bevorzugte auch die Lektüre
von Briefwechseln und Reisebeschreibungen. Seine Bautätigkeit, seine Wahl der dramatischen Stoffe für die
Separatvorstellungen hingen schlechthin mit der Lektüre zusammen. Es war mir vergönnt, die Bibliotheksausgaben
der königlichen Kabinettskasse einzusehen. Allein während der Zeit der Separatvorstellungen, also während der Jahre
1872 bis 1885, ergab sich da die Summe von 97.307,61 Mark.
Ludwig II., er war sehr fromm, ließ ja am 25. September 1871 das Passionsspiel in Oberammergau separat
aufführen. Er kam in Begleitung des Prinzen Ludwig von Hessen und einiger anderer Herren. Als besonderen Beweis
seiner Dankbarkeit schenkte er dem Dorfe Oberammergau das kolossale Steindenkmal am Osterbichl, einem Hügel am Fuße
des Kofels nahe dem Dorfe. Diese Kreuzigungsgruppe aus Marmor trägt unter anderem die Sockelinschrift: ›Weib, sieh
das ist dein Sohn, siehe, das ist deine Mutter‹«.
Prof. Hommel zu der Freundschaft Ludwig II./Richard Wagner: »Die Freundschaft Ludwig II. mit Richard Wagner
begann ja am 4. Mai 1864. Das Schicksal eines 18jährigen und das eines 50jährigen wurde zusammengekettet.
Hinsichtlich ihrer Pläne schrieb der König zwei Jahre später, ›der Tag wird kommen, an welchem auch die Welt
den tiefsten Sinn unseres unauslöschlichen Bundes erkennen wird‹. Der König wollte München zu der Theaterstadt
Deutschlands, zum musikalischen Mittelpunkt der Welt, machen. Ganz allgemein, dieser empfindsame Idealist wünschte
sich das Heranreifen einer schöneren Welt. Wagner konnte ihn verstehen. Doch ihm kam es ja in erster Linie auf
s e i n Werk und dessen Durchsetzung an. Und da war Wagner egoistisch bis zum Frevelhaften. Die Freundschaft
von König und Künstler mußte gefährlich werden, weil sie ja von gigantischen Plänen angetrieben wurde. Rein
menschlich betrachtet ist diese Freundschaft eine platonische zu nennen. Wagner war des Königs geistiger Vater.
Vor allem des jungen Königs geistiger Vater. Hinsichtlich des Gebens und Nehmens waren beide echte Freunde. Wagner
überließ dem König seine Werke und der König finanzierte dafür Wagner, bezahlte auch seine Schulden. Daß Wagner
dem König die geheime Liebe zu Cosima von Bülow zu lange verschwieg, das steht auf einem anderen Blatt.
Hätte der junge König unmittelbar nach seiner Thronbesteigung Wagner nicht sofort nach München holen lassen,
wäre letzterer, wie er ja selbst berichtet, jämmerlich zugrunde gegangen. Insofern kann Ludwig II. als
Lebensretter Wagners bezeichnet werden; ohne Ludwig II. gäbe es auch nicht die Opernwerke ›Tristan und Isolde‹,
›Die Meistersinger von Nürnberg‹, ›Der Ring des Nibelungen‹ und ›Parsifal‹. Und es gäbe auch kein Bayreuth.
Wegen seiner Einstellung zum Judentum wandte sich Ludwig II. von Wagner nicht ab. Ich glaube vielmehr, der
König nahm ihn da nicht allzu ernst oder nicht ernst genug. Noch im Jahre 1881 schreibt Ludwig II. an Wagner:
›Nichts ist widerlicher und unerquicklicher als solche Streitigkeiten...‹. Gemeint ist der Unterschied zwischen
Christen und Juden bei der Aufführung von ›Parsival‹ mit dem jüdischen Dirigenten Levi. Und der König fährt dann
fort und sagt, ›die Menschen sind ja im Grunde doch alle Brüder...‹. Typisch ist die Haltung, die der König auch
sonst dem jüdischen Problem gegenüber einnahm. Hatte er doch beim Besuch der Synagoge in Fürth am 4. Dezember
1866 den Rabbiner der dortigen israelitischen Kultusgemeinde Dr. Löwy zu der Erklärung ermächtigt, daß er,
Ludwig II., in die Fußtapfen seines Vaters, des Förderers der Emanzipation der Juden treten und vollenden wolle,
was dieser begonnen habe.
Wagner war Antisemit und ist wohl auch als Antisemit gestorben, doch nicht als Antisemit des Dritten Reiches.
Er war nie Antisemit im rassischen Sinne, sondern nur im religiösen Sinne.«
Nun, zu den Enttäuschungen des Königs meint Prof. Hommel: »Enttäuschend für den König war zunächst die heimliche
Liebesbeziehung zu Frau Cosima von Bülow und dann ihre Scheidung von ihrem Mann. Ludwig II. ist an Wagner zwar
nicht zerbrochen, aber schwer verwundet.
Ludwig II. sah doch in Cosima immer nur eine Mitarbeiterin Wagners. Und über das Liebesverhältnis Cosima und
Richard Wagner hat sich der König nie geäußert. Ja, und dann sind da die Cosima-Tagebücher; sie sind der
Wagner-Forschung sehr nützlich. Hundertprozentig vollständig dürfen wir sie jedoch nicht nennen. Denn Cosimas
Tochter Eva hat gestrichen. Und ich kann mich des Eindrucks auch nicht erwehren, daß Cosima Wagner die Tagebücher
ihretselbstwillen geschrieben hat. Tagebücher kann man ja auch schreiben, um sich selbst zu rechtfertigen. Die
Selbstanklage Cosimas gegenüber Hans von Bülow bilden da ein Hauptthema. Cosima gleicht da der Büßerin Kundry
irgendwie.«
Mit Prof. Hommel sprach ich auch viel über die angebliche Geisteskrankheit des Königs. Dazu Prof. Hommel:
»Ludwig II. war nicht mehr und nicht weniger geisteskrank, als wir es heute alle sind. Und was versteht man
überhaupt unter geisteskrank. Viele Ärzte von heute finden doch die Schizophrenie als normal. Ludwig II. war
nicht einmal schizophren. Er hatte lediglich schizoide Merkmale. Daß er die Nacht zum Tage machte und den Tag
zur Nacht finden wir doch heute bei ’zigtausenden von Menschen. Und warum sollte er nachts keine Schlittenfahrten
unternehmen, da er nicht gesehen werden wollte. Er sprach oft laut und auch für sich in seinen Sälen. Nun,
einsamen Menschen wird das heutzutage als Therapie empfohlen. Und was seine Separatvorstellungen betrifft, hatte
nicht der Fürst von Ferrara auch seine Separatvorstellungen? Nein, der Legende von der Verrücktheit, gemeint ist
ja Paranoia, gilt es entschieden entgegenzutreten.
Hinsichtlich der Katastrophe am 13. Juni 1886 möchte ich sagen, daß das Motiv der Flucht nahe liegt, denn
warum zieht der König schnell seinen Rock aus, ehe er ins Wasser geht bzw. gehen wollte? Abgesehen davon war
der König ein sehr guter Schwimmer. Ich wünsche mir jedenfalls, daß bald ein Aufklärung der Todesursache erfolgen
möge«.
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Prof. Hommel ließ fast alle Gespräche auf Tonband aufzeichnen
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Eine Vielzahl von Tonaufzeichnungen sind bei den Gesprächen mit Prof. Hommel entstanden, sodaß eine Produktion
von einigen Hörbüchern durchaus möglich wäre.
Prof. Hommel starb im Alter von 91 Jahren am 13. Dezember 1999 in Berlin. Schon vom Tod gezeichnet sprach der
Wissenschaftler folgende Worte zu mir: »Meinen Respekt, Herr Glowasz, für Ihre erstaunliche Ludwig II.-Arbeit.
Glück und Erfolg wünsche ich Ihnen für Ihr weiteres Schaffen - vor allem hinsichtlich der Aufklärung der
Todesursache. Die Zeit nämlich erwartet unseren Widerspruch!«
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Eine der gemütlichen Teestunden in der Wohnung des Theaterwissenschaftlers in Berlin-
Grunewald: Prof. Dr. Kurt Hommel und Peter Glowasz
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Mehr über König Ludwig II. von Bayern - und über Prof. Dr. Kurt Hommel erfahren Sie in dem neuen Buch »Herrlichkeit
und Tragik eines Märchenkönigs«, ISBN 3-925621-16-4, 360 Seiten, 24,80 €. Überall im deutschsprachigen Buch- und
Medienhandel erhältlich.
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Vorankündigung
In Kürze erscheint der 3. Teil dieser Serie:
Geistlicher Rat Robert Dörflinger
Schloßpfarrer von Hohenschwangau
– Die Hohenschwangauer Gespräche –
Erinnerungen
von
Peter Glowasz
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Copyright@ Juli 2004 by Peter Glowasz Verlag, Berlin
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