Maximilian Graf von Holnstein: Nebenfigur oder Schlüsselrolle in der Königstragödie
Ludwigs II. im Jahr 1886?
Eine kritische Anmerkung zu dem Fernsehfilm des Bayerischen Rundfunks »Zwischen König und Vaterland« vom 11.12.2006
 
von Erika Brunner

Die Dokumentation erwies sich als einseitige, historisch schiefe Hommage an Max Graf von Holnstein zum Zwecke seiner Ehrenrettung.
Zwar wurde seine Rolle bei der Gründung des deutschen Reiches korrekt wiedergegeben (zum Problem der »Bismarckschen Gelder« sei hier auf die neuere Arbeit von Rupert Hacker erwiesen, der gängige Vorurteile und Spekulationen zu diesem Komplex widerlegt hat). Sein reichspolitisches Engagement, das ihm Beifall, aber in Bayern auch Feindschaft eintrug, sei Holnstein zugestanden.

Unannehmbar ist hingegen der mißlungene Versuch, den Grafen von der Schuld am Sturz Ludwigs II., zu entlasten. Man stilisierte den »loyalen Berater und Freund des Königs« zum tragischen Helden, der den Freund opfert um edel-patriotisch das »Vaterland« zu retten.
Der Widerspruch dieser Hypothese zu der himmelschreienden späteren Behauptung des Grafen: »Ich habe den König geliebt und nur versucht, ihn zu retten«, wurde den Skript-Autoren anscheinend nicht bewußt; hingegen wurde behauptet, die wahren Schuldigen - Luitpold, Lutz, Crailsheim und Gudden - hätten den bedauernswerten Holnstein zum Sündenbock gemacht.

Diese Theorie ist nicht haltbar, wenngleich für eine Anstiftung oder Beteiligung Holnsteins an einer möglichen Ermordung Ludwigs II. kein begründeter Verdacht besteht. Man darf ihm seine Erschütterung über den unbeabsichtigten Tod des Königs glauben, nicht aber »Liebe und Rettungsversuch« - hier handelt es sich eindeutig um eine Schutzbehauptung angesichts des Volkszorns, die niemand zu überzeugen vermag, der Einblick in die historischen Quellen besitzt.
Der Fernsehfilm wollte Holnstein als halb heroisch-patriotischen, halb opportunistischen, jedenfalls aber hilflosen Mittäter der Mächtigen präsentieren, wobei mit unseriösen Angaben gearbeitet wird.
Holnstein war nicht ohnmächtig gegenüber Ministerium und Fürstenhaus, nur beim letzten Akt der Tragödie, der Sitzung des Regentschaftsrats, die Ludwigs Schicksal besiegelte, zugegen, ohne sich gegen Lutz und Gudden wehren zu können, wie dargestellt, sondern schon seit 1883 in die Absetzung und Regentschaftspläne eingeweiht und hatte seine Spitzel in der Dienerschaft.
Es ist nicht cineastische Phantasie, sondern verbürgt, dass Ludwig Holnstein durchschaute und in heftigen Zorn geriet, als er von seiner Anwesenheit bei der »Fangkommission« am 9. Juni 1886 in Schloß Neuschwanstein erfuhr, und von den verschiedensten Augenzeugen jener versuchten Arretierung Ludwigs werden taktlose Unverschämtheiten Holnsteins bezeugt, der dreister auftrat als alle anderen Mitglieder der »Kommission«.
Die Antipathie zwischen König und Oberstallmeister i. J. 1886 beruhte auf Gegenseitigkeit, und die Ernennung Holnsteins zum Vormund des Königs brachte nicht nur diesen in Rage, sondern rief auch die Kritik persönlich Unbeteiligter hervor.
In seinem Büro fanden im Mai und Juni 1886 bereits die Vernehmungen der ihm unterstehenden Subalternen des Marstall (!) - und Hofmarschallamtes statt, und die Protokolle der belastenden Aussagen für das Gutachten wurden dort angefertigt. Mit den Ministern sorgte er dafür, Guddens unverantwortliche Diagnose und Prognose zu ermöglichen und zu erhärten.
Die Rechtsverletzungen dieses Verfahrens wurden in der Sendung von dem Sachverständigen Dr. Heydenreuther in dankenswerter Klarheit erläutert.
Die historische Forschung kann nicht umhin, bei Gesamtwürdigung der Quellenlage daran festzuhalten, dass Holnstein beim Sturz Ludwigs II. eine erheblich maßgeblichere und aktivere Rolle spielte als die filmische Dokumentation es wahrhaben will.
Die Notizen des Grafen Dürckheim zeigen unmißverständlich Holnsteins hartnäckige und zudringliche Versuche, ihn in die Verschwörung miteinzubeziehen, und seine Haltung ist zusätzlich belegt durch Äußerungen des Polizeipräsidenten von München, des Grafen Törring und des preußischen Gesandten Werthern, die allesamt keineswegs Parteigänger Ludwigs II. waren.
Selbst Bismarck war bereits im Mai 1886 über Holnsteins Antipathie gegen Ludwig unterrichtet und hegte darum noch Zweifel an dem ihm vorgelegten Aktenmaterial.
Mit keinem Wort wird auch in dem Bericht Holnsteins enge Beziehung zu der Hochstaplerin und Erpresserin Rixinger erwähnt, die die Handschrift des Königs meisterhaft zu fälschen verstand und (nach Werthern) dem Grafen erhebliche finanzielle Vorteile verschafft haben soll.

Wie dem auch sei: So wenig man ohne Beweise Graf Holnstein des Mordes an Ludwig II. beschuldigen kann, so wenig kann man ihn von der Verantwortung für den Sturz des Königs freisprechen und seine Judas-Rolle beschönigen.


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