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„Es ist notwendig, sich solche Paradiese zu schaffen, solche poetischen Zufluchtsorte, wo man
auf einige Zeit die schauderhafte Zeit, in der wir leben, vergessen kann“
(Ludwig II.)
FRIEDENSKÖNIG LUDWIG UND SEINE POETISCHEN PARADIESE
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Verse: Erika Brunner / Texte: Peter Glowasz / Zeichnungen: Michael Glowasz
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Zweiter Teil:
SCHLOSS LINDERHOF
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Wach auf! Es nahet gen Tag ...
(Meistersinger)
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Morgen in Linderhof
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Geliebte Stille! Süß eintönig Rauschen
der Amoretten- und Najadenquellen -
Kaskaden strömen diamantfunkelnd nieder
in breiter Marmorbecken grüne Wellen.
Im goldnen Morgenglanz der frühen Stunde
öffnen sich duftend dunkelrote Blüten.
Ist’s nicht, als ob in ihrem Widerschein
die Marmorbilder selber hold erglühten?
Frau Venus reckt die götterschönen Glieder
blickt lächelnd stolz zu ihrem kecken Kinde -
und unter ihrem Tempel nun erwacht
rauschend im Morgenwind die alte Linde.
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Linderhof liegt in der Nähe von Oberammergau und Ettal bei
Garmisch-Partenkirchen im Graswang-Tal am Südhang des Ammergebirges. Der Name stammt angeblich von einer Familie
Linder, die auf ihrem Hof eine große, uralte Linde wachsen ließ. Zuvor, im 15. Jahrhundert, war Linderhof ein
Gutshof des Klosters Ettal.
Auf dem Grundstück befand sich dann später ein kleines Holzhaus, daß unter Maximilian II., dem Vater Ludwigs II.,
erbaut worden war; gelegentlich diente es Max als Jagdquartier und hieß darum auch Königshäuschen. Die uralte Linde
ließ Ludwig II. stets sorgfältig pflegen und mit einem Freisitz versehen.
Im Sommer 1867 reiste Ludwig II. zur Weltausstellung nach Paris; von dort besuchte er auch für einige Tage
Versailles, dessen Schlösser Château, Grand Trianon und Petit Trianon ihn nachhaltig beeindruckten. So brachte er
von seiner Frankreichreise die Grundideen für seine Schlösser Linderhof und Herrenchiemsee mit.
Am 28. November 1868 schrieb Ludwig II. an Hofrat Lorenz von Düfflipp, daß er den Bau eines Pavillons plane,
der dem Grand Trianon ähnlich sehen sollte. Dabei reizten dem jungen König die berühmten Worte Ludwigs
XIV. »L’ état c’est moi« (der Staat bin ich) zu einem Wortspiel für das von ihm im Graswangtal bei Ettal geplante
Schlößchen. Aus »Meicost Ettal«. Wie nahe auch das Kloster Ettal dabei zu liegen scheint, so handelt es sich bei
diesen Worten doch nicht um einen bayerischen Stoßseufzer wie »Mei, kost Ettal vui«, sondern um eine
Buchstabenumstellung des stolzen Ausspruches von Louis XIV.
Nun, der französische Ludwig baute sich, um dem ermüdenden Leben, dem Zwange des lästigen ewigen Einerlei des
Hofzeremoniells zu entgehen, das in den Prachtge- mächern des König-Tempels zu Versailles ihn einengte, das
Lustschloß Trianon. Als dieses sich auch zu palastartig vergrößerte, ließ er sich das einsame bescheidene Marly
bauen, um dort für kurze Zeit aufzuatmen nach den Mühen des repräsentativen Lebens.
Und auch Ludwig II. wollte leben wie Louis in Frankreich: Im Jahre 1869 erwarb Ludwig das Gelände um den
Linderhof. Unter der Oberaufsicht des Hofrates von Düfflipp und nach den Entwürfen des Architekten Georg Dollmanns
entstand dann in den Jahren 1869 bis 1879 in mehreren Etappen das Rokokoschlößchen mit ausge- dehnten Gartenanlagen
und technisch brillanten Wasserspielen. 1872 war der erste Bauabschnitt fertig. Um die weiteren Anbauten vollenden
zu können, ließ Ludwig II. 1874 das Jagdhaus seines Vaters abtragen und an eine andere Stelle versetzen; rechts
vom Schloß führt heute ein idyllischer Weg zu diesem alten Jagdhaus.
Die gesamte Anlage wurde bis 1876 ergänzt und 1885/86 sogar noch einmal erweitert. Schloß Linderhof ist der
einzige der großen Schloßbauten, deren Abschluß Ludwig II. noch selbst erlebte.
Die Inneneinrichtung des Schlosses läßt sich in der außergewöhnlichen Fülle und geschmackvoller Verspieltheit
kaum beschreiben: Gold, Marmor, glänzendes Parkett, unzählige Leuchter, Büsten und Statuetten auf den
Rosenholzmöbeln. Kein Lebens- raum, sondern Traumwelt - und somit: ein poetisches Paradies.
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Gang durch das Schloß
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Dich begreift man einzig in der Stille ...
Im Tageslärm, da bist du das, was jeder
müßig betrachtet, lächelt und bestaunt.
Denen, die kommen wie zum Markt der Neugier
sind Spiegel, Lüster, Pfauen und Kristalle
Prunk ohne Sinn, ein üppig leerer Tand,
dies sehn die Kühlen, Klugen, traumlos Wachen.
In Kindesaugen spiegelst du dich licht,
und leise wispert’s: »Wohnt hier die Prinzessin?«
Das alles bist du nicht.Erst später dann,
in großer Stille reden all die Dinge,
die Spiegel, Lüster, Pfauen und Kristalle,
und künden dich als Zeichen einer Sehnsucht
die nie gestillt, der nie Erfüllung ward.
Schimmernder Traum du, Flucht aus kleiner Zeit,
Ziel des Vergessens, schattenhaftes Spiel,
du aber bist:
ein Suchen, Ewigkeit zu fassen dort,
wo doch die Seele nie sie finden wird,
du schöner Schein, Traum du im Todesdunkel,
Himmel und Hölle einer Einsamkeit,
Unrast und Friede - rätselvolles Bild,
einsam und sinnend schaut dich erst die Seele.
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Durch die Stille des Graswangtales schallt in einer
Hochsommernacht dumpfes Rädergeroll und Hufschlag von Pferden. Der Vollmond gießt sein silbernes Licht über die
schlummernde Landschaft.
Und da kommt auch schon ein goldener Wagen dahergefahren, von sechs weißen Pferden gezogen, ein bezopfter
Vorreiter - namens Fritz Schwegler - mit leuchtender Fackel reitet voran, andere folgen - und hinter den Fenstern
der schimmernden Kutsche sieht man für einen Augenblick ein Gesicht - es ist der König.
Der Wagen hält vor dem Schloß Linderhof, der König steigt aus und tritt ins Portal. Einige Diener verbeugen sich
tief. Ludwigs Augen glänzen in unbeschwerter Frische.
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Der König steht im Vestibül vor dem Reiterstandbild des XIV. Ludwig; ihm zu Häupten glänzt eine goldene Sonne
mit dem von Genien gehaltenen Wahlspruch der Bourbonen: »Nec pluribus impar« - kaum einem vergleichbar.
– Gruß dir, Ludwig, mächtiger roi soleil, du allein warst in Wahrheit König von Gottes Gnaden, du allein hast zu
herrschen verstanden! Du hast wie eine Sonne geleuchtet und gewärmt.
Das marmorne Treppenhaus mit figurenreicher Ornamentik, von einem Lüster glänzend erhellt, geleitet den König
nach oben. Und nun begrüßt den in stummes Entzücken Versunkenen die sorglos unbeschwerte Welt seiner Schöpfung.
Er steht im Musikzimmer, ein heiterer Rausch von Farbe, singendes, klingendes Rokoko! Leuch- tende Gemälde,
graziöse Skulpturen, purpurne Gardinen! Anmutige Stimmung des Schäferspiels mit zärtlichem Geflüster und Gekose
im Geiste des französischen Trianon! - Durch das Lila Kabinett, sowie durch das Arbeitszimer schreitet der König
hinein in sein Schlafgemach und besieht sich das von einer Balustrade umschlossene Prunkbett mit kunstreichen
Stickereien. Das Licht des Lüsters mit hundert Kerzen funkelt in den goldenen Arabesken und Verschnörkelungen und
bringt das leuchtende Königsblau zu strahlender Geltung.
Das Rosa Kabinett, sein königliches Boudoir, fesselt den Einsamen nicht lange, im Speisezimmer von Purpur und
Gold könnte sich der König an sein Tischlein-deck-dich setzen und jeder Wunsch seines Gaumens stiege als Erfüllung
aus der Tiefe. Aber der König schreitet weiter durch die herrlichen Räume seiner Villa Linderhof. Er gelangt in
das Spiegelzimmer. Hier ein irritierendes Meer von Licht und Farbe, eine schimmernde Perle von Glas und Glanz.
Lange steht der König und genießt den Scheinsieg über den Raum, der durch raffinierte Spiegelstellung ausgedrückt
erscheint.
Ja, das ist sein Trianon, sein Meicost-Ettal -. Hier hat er den Festen des Rokoko in Verquickung mit dem
französischen Hofleben ein bezauberndes Denkmal errichtet. Hier hat er sich selbst und den Majestäten Ludwigs XIV.
und XV. und der unglück- lichen Marie Antoinette einen Altar der Schönheit gebaut, aus edelsten Hölzern und
Steinen, mit anmutenden Formen und Farben von kunstfertiger Meisterhand. Hier soll das Leben nicht gelebt, sondern
gefeiert werden, diese Kulisse künstlerischer Größe gestaltet von selbst die einfachste Bewegung zu
majestätischer Gebärde.
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Abend im Park
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Aufzischend sprüht empor wie Schnee so weiß
Hoher Fontäne Strahl und rauscht ins Becken.
In Regenbogenschleiern sinkt es leis,
und funkelnd sich Najadenleiber strecken.
Es blitzt ihr Gold im abendlichen Strahl
noch einmal auf und schwindet in den Schatten.
Die Dämmerkühle breitet sich im Tal
und steigt am Hang empor zu grünen Matten.
Ein letzter blasser Abendschein verweilt
Auf Kristalflimmer, Bildern schöner Frauen,
der weiter über hohe Spiegel eilt.
Bläulich erglänzt Gefieder schlanker Pfauen.
Schlafender Schwan in reiner Abendluft -
Terrassen, die im Dämmergrün entschwinden -
der Abendstern blitzt hoch im dunklen Duft,
und Rehe treten leis aus Waldesgründen.
Das späte Vogellied ist müd verweht.
Bei Blauer Grotte stärker rauscht’s in Bäumen.
Hoch überm Grat die blasse Sichel steht,
ihr Silberglanz weilt in verwunschnen Räumen.
Fern steht sie rein und fremd am Firmament,
Getrenntes bindend, Zeit wird jäh zunichte -
all Träumen und all Sehnen, das entbrennt,
trinkt sie in ihrem kühlen Silberlichte.
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Im Park von Linderhof ließ sich Ludwig II. von
Landschaftsplastikern und Gartenarchitekten faszinierende Gärten und Terrassen errichten. Auf dem Grundstück
befindet sich auch der Maurische Kiosk, hier konnte der König die Stimmung eines Märchens aus Tausendundeiner
Nacht nachempfinden, um dann zu seinen geliebten Berghütten emporzusteigen.
Im Dezember 1875 erteilte Ludwig II. den Baubefehl, eine Venus-Grotte im Park von Linderhof zu errichten.
Die Grotte sollte mit Hilfe modernster Technik den König in verschiedene Welten versetzen: bei blauer Beleuchtung
in die berühmte Blaue Grotte von Capri, bei roter in das Innere des Hörselberges zu Venus und Tannhäuser.
Um die technisch komplizierten Effekte in der Venus-Grotte zu erzielen, ließ König Ludwig II. alle möglichen
Hebel in Bewegung setzen. So entstand gleichsam als tech- nische Innovation in Verbindung mit der Grotte eines der
ersten Elektrizitätswerke Bayerns. Denn Strom brauchte man zum Beispiel für die Wellenmaschinen und die Öfen wurden
von sieben Arbeitern ständig geheizt, um die Wassertemperatur auf mindestens exakt 20 Grad zu halten. Die
technische Durchsetzbarkeit der Effekte war zeitweise das beherrschende Thema der bayerischen Regierung. Ludwig
II. selbst interessierten die technischen Zusammenhänge nicht so sehr, er wollte vielmehr Ergebnisse sehen,
von denen er allerdings umso genauere Vorstellungen hatte. »Ich will nicht wissen, wie es gemacht wird«, pflegte er
zu sagen, »ich will nur die Wirkung sehen.« Und diese Wirkung konnte er genießen, wann immer er wollte.
Im Sommer 1877, als Richard Wagner gerade die Urschrift der Dichtung vollendet und die Schreibweise von
»Parzival« in »Parsival« geändert hatte, ließ Ludwig II. in einer Waldlichtung seitab von Linderhof eine
Einsiedler-Hütte bzw. die Einsiedelei des Gurnemanz errichten. Vorbild für diese Hütte war die Behausung des
Erimiten Gurnemanz im dritten Akt von Wagners »Parsifal«. Den Namen des Titelhelden dieser Oper führte der König
gern in seiner Korrespondenz mit dem Komponisten. Im August 1877 schrieb er an Wagner: »Im nämlichen Walde ließ
ich diesen Sommer eine Einsied- lerhütte, an einen Felsen angelehnt, errichten ...; dort höre ich im Geiste die
heiligen Gesänge aus Montsalvat vom unnahbaren Berg herniedertönen; dort ist mir so wohl zu Muthe, bei jener
Quelle, wo Parcifal des wahren, ächten Königsthums Weihe empfing, das durch Demuth und Vernichtung des Bösen im
Innern erworben wird.«
Die Einsiedelei mit ihrem Glockentürmchen, seit 1945 schon verfallen, stürzte 1968 endgültig ein. Und zunächst
war kein Wiederaufbau in einem wohlhabenden Lande wie Bayern möglich, wo man doch ganze Rokokokirchen rekonstruiert!
Doch dann, endlich, man lese und staune, wurde die Gurnemanz-Klause - allerdings an einem anderen Standort -
originalgetreu im Jahre 2000 wieder aufgebaut (die alte Glocke der Klause für das Türmchen wurde übrigens auch
wieder gefunden; sie kann jetzt im Innenraum besichtigt werden). Der Wiederaufbau dieser Einsiedelei wäre allerdings
ein Wunsch- traum geblieben, wenn es da nicht Erika Brunner (Autorin des Buches: »Der tragische König«) gegeben
hätte; nur durch ihre private Spende in sechsstelliger Höhe zu DM-Zeiten konnte nämlich die neue Klause errichtet
werden. Und so äußerte sich dann auch erfreut Bayerns Finanzminister Kurt Falthauser: »(...) Noch nie zuvor habe
es für die bayerischen Schlösser eine Spende von einer Einzelperson in einer solchen Höhe gegeben.« -
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Nacht im Graswangtal
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Gesticktem Mantel gleicht die Sternenpracht
auf schwarzem Grunde silberlicht gewebt.
Und stumm verhält den Atem, was da lebt.
Im dunklen Teiche ist der Schwan erwacht.
Noch halb im Träume regt er das Gefieder,
ein Raunen geht hoch durch die schwarzen Wipfel.
Wie reines Silber strahlen rings die Gipfel,
Der Mond steigt leuchtend überm Tempel wieder.
Es rauscht der Fluß, es flüstert leis der Wind,
alle umstrickt geheimnisvoller Bann,
denn wieder eine Königsnacht brach an
in diesem Park, in diesem Hof so lind!
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Es ist hinreichend bekannt, daß Ludwig II. einen guten Kontakt
zu den oberbaye- ischen Einwohnern pflegte. Oftmals entstieg er dann seiner Kutsche oder seinem Schlitten, um den
Menschen die Hand zu reichen und Gespräche zu führen.
Ganz in der Nähe von Schloß Linderhof liegt Ludwigs gern gewählter Ausflugsort Oberammergau, bekannt durch die
weltbekannten Passionsspiele. Anläßlich der Jubi- läums-Passionsspiele im Jahre 1984 und der Vorbereitung meines
Buches Auf den Spu- ren des Märchenkönigs besuchte ich den ältesten Passionsdarsteller, den 85jährigen Melchior
Breitsamter mit seinem schneeweißen Bart. Als elfjähriger Bub war er schon beim Passionsspiel unterm »Volk« und
als Engel in einem der »lebenden Bilder« aus dem Alten Testament dabei. Viele andere Rollen folgten. Und später,
als älterer Herr, wurde ihm der Hohe Priester Annas (siehe Foto) und zum Jubiläums-Spiel 1984 die Rolle als
Mitglied im Hohen Rat zugeteilt.
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1984: Wir sitzen in der guten Wohnstube in der Oberammergauer Theaterstraße 8, ganz in der Nähe des
Passionstheaters bei Kaffee und Kuchen und lauschen der wohl- klingenden, ruhigen Theaterstimme von Melchior
Breitsamter: »Früher kamen da schon Theater- und Filmleute und sie boten mir interessante Rollen an;
ich sollte unbedingt Schauspieler werden. Aber für uns Dorfbewohner heißt es da noch immer: »Der Oberammergauer
lebt und stirbt für die Passion.‹«
Und weiter erzählt der alte Herr, wobei er der schönen Gebärde wegen das Tischtuch glattstreicht: »Von meinem
Vater habe ich viel über Ludwig II. erfahren; Vater, der 1864 geboren wurde, erlebte als neunjähriger Bub, wie die
Kreuzigungsgruppe (Anm.d.A.: Geschenk Ludwigs II.) angeliefert worden ist. Alle Buben sind natürlich an die
Straße nach Oberau gelaufen, es war ja für sie eine Seltenheit. Man hat ja extra ein Straßenlokomobil hergebracht
und Stück für Stück haben sie dann die großen Figuren raufgefahren zum Osterbichl. Beim Herauffahren der Figur des
Johannes gab es dann einen Unfall, wobei zwei Mann erdrückt wurden. Vater erzählte auch, daß der Ludwig jedes
Jahr zum Geburtstag seiner Mutter an die Kreuzigungsgruppe zum Beten kam. Aber er kam immer abends und begleitet
wurde er von Fackelträgern.
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Peter Glowasz im Gespräch mit dem 88jährigen
Melchior Breitsamter, Ehrenbürger und seit 1910 Passionsspieler von Oberammergau.
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Ludwigs Umgebung war nicht ehrlich zu ihm; wenn zum Beispiel
der König kam, wurde ein Vorreiter vorausgeschickt, der dann verkündete, daß auf Wunsch seiner Majestät alle Leute
von der Straße weg müssen, der König will niemanden sehen. Später haben sie es dann aber so gedreht, als würde die
Straße nur deshalb leer sein, weil das Volk Ludwig nicht mochte.
Mein Vater erzählte: Als Ludwig II. wieder in Linderhof war, erkundigte er sich nach den Oberammergauern. Der
Schloßverwalter berichtete, daß es mit den Schnitzereien nicht gut gehe und die Kartoffelernte wäre auch schlecht.
Ludwig II. antwortete: ›Lassen Sie anschreiben, die Leute können zum Schneeschaufeln nach Linderhof kommen.‹
Und da ist mein Vater dann zu Fuß mit all den jungen, so achtzehnjährigen Burschen, zum Schneeschaufeln gegangen.
Abends war man da immer recht froh, daß alles geschafft wurde. Als Wochenlohn gab es 18 Mark.
Ludwig II. war ein guter König. Jedes Jahr, am Vorabend des Namens- und Geburtsfestes am 24. August gibt es
bei uns das große Ludwig-Fest; auf unseren Berggipfeln brennen dann bei hellem Jubel und Böllerschüssen die
Freudenfeuer ab.«
Im Jahre 1970 wurde dem rüstigen Melchior Breitsamter die Ehrenbürgerwürde der Gemeinde
Oberammergau verliehen.
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... mehr über Ludwig II. in dem neuen Buch von Peter Glowasz: »Herrlichkeit und
Tragik eines Märchenkönigs« – ISBN 3-925621-16-4
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Copyright@ Juli 2003 by Peter Glowasz Verlag, Berlin
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