„Es ist notwendig, sich solche Paradiese zu schaffen, solche poetischen Zufluchtsorte, wo man auf einige Zeit die schauderhafte Zeit, in der wir leben, vergessen kann“
(Ludwig II.)
FRIEDENSKÖNIG  LUDWIG  UND  SEINE  POETISCHEN  PARADIESE


Verse: Erika Brunner / Texte: Peter Glowasz / Zeichnungen: Michael Glowasz

Erster Teil:
SCHLOSS HOHENSCHWANGAU

Noch schweigt, vom Schlaf bezwungen, alles Leben
Vergiß die Zeit und tritt ins Märchen ein!
Im Tannenwald beginnt ein frühes Weben;
der See empfängt den ersten Morgenschein.

Sieh tief die blaue Flut zu deinen Füßen!
So weit dein Auge blickt in weiter Fern,
empfängt dich schneebedeckter Gipfel Grüßen.
Das erste Vogellied preist leis den Herrn.

Die Brunnen rauschen in der Morgenkühle,
empor wirft kühn der Schwan den Silberstrahl.
Kein Menschenlaut hallt in der weiten Stille,
die Fenster blitzen hell im Rittersaal.

Sie trifft der Morgensonne goldnes Glühen –
blank über ehr’ne Löwenleiber rinnt
und rieselt regenbogenfarbnes Sprühen,
Jasmin- und Rosenduft trägt weich der Wind.

Die Gegenwart versinkt vor dieser Stunde.
War’s nicht ein Schatten, der vorüberglitt –
spürst du, erschauernd tief im Herzensgrunde,
daß leis ein König durch den Garten schritt?

Ludwig II. wuchs in dem restaurierten Schloß Hohenschwangau auf. Dort verbrachte er somit einen beträchtlichen Teil seiner Kindheit und Jugend. Hier fand er auch in den Wandgemälden die Sagen der Nibelungen, Lohengrins und Tannhäusers und kam zum ersten Mal mit Werken Richard Wagners in Berührung. Dabei war es vor allem Lohengrin, der ihn faszinierte. In einem Kahn auf dem Alpsee hatte Ludwig schon als Jugendlicher Wagners Dichtung »Der Ring des Nibelungen« gelesen. Als König ließ er hier die Ankunft Lohengrins inszenieren.

Hohenschwangau liegt am Alpsee südöstlich von Füssen im Allgäu. Dort befand sich eine alte Burgruine, die 1819 der Landvermesser Johann Adolph Nepomuk Sommer, Urgroßvater des Münchner Schriftstellers Sigi Sommer, entdeckte; er baute die Feste zu einem Feriendomizil um.

1829 lernte der bayerische Kronprinz Maximilian, damals noch ein lediger Student, die Burg anläßlich einer Fußreise im Gebirge kennen. In seiner Begleitung war unter anderen Franz Graf von Pocci, der romantische Zeichner, Dichter und Musiker. Maximilian begeisterte sich so an der romantischen Lage der Burg, daß er sie zu erwerben wünschte.

1832 konnte dann der Kauf der Burg getätigt werden; Kaufpreis 225 Gulden. Ludwigs Vater war somit stolzer Eigentümer dieser Burg, die er als verträumtes Castello herrichtete. Die Arbeiten für die Instandsetzung und den Ausbau der Burg begannen im Februar 1833 in Anwesenheit des Bauherrn. Der Architektur- und Theatermaler Dominik Quaglio fertigte die Entwürfe und Zeichnungen zur Um- und Ausgestaltung der Burg.

Maximilian feierte nach Rückkehr von seiner Orientreise am 14. Oktober 1833 den Baubeginn mit den Worten: »Ich lege zu diesem alten ehrwürdigen Schlosse nicht den Grundstein, wohl aber einen Schlußstein, der dieses Schloß noch Jahrhunderte festhalten soll.«

Der Umbau war nun bald soweit fortgeschritten, daß Maximilian 1836 das Schloß beziehen konnte. Die ehemalige Burg erhielt den Namen: Schloß Hohenschwangau.

Da Vater Maximilian immer eine Vorliebe für Schwäne hatte, ergab es sich ganz zwanglos, daß es ihn zum Schwangau zog, wobei nicht ausgeschlossen zu sein scheint, daß sein Wissen um die große Vergangenheit um dieser Gegend letztlich den Ausschlag gegeben hat.

Naheliegend gelüstete es wohl Maximilian, die ehemalige Burg mit Motiven aus der Schwanenschwangeren Lohengrin-Sage schmücken zu lassen. Hohenschwangau verkörpert seines Bauherrn Hang zur Wiederherstellung einer eigentlich vergangenen Ritterherrlichkeit. Solch eine Gesinnung entsprang und entsprach der Hochromantik: man hoffte nämlich, aus der ritterlichen Vergangenheit einige volkseinigende Kräfte zu gewinnen, um so die bürgerlich zerstrittene Gegenwart in eine national- und selbstbewußtere Zukunft zu führen.

Für den Prinz Ludwig war das Schloß Hohenschwangau eigentlich die Hauptwohnstätte seines Lebens. Kein anderes Schloß bewohnte er so lange. Nicht nur die Kinder- und Jugendzeit verbrachte er in diesem herrlichen, romantischen Schloß, an diesem Ort weilte er auch später als König jedes Jahr mindestens 4 Monate.

Im ersten Obergeschoß des Schlosses wohnte die Mutter, Königin Marie, das zweite Geschoß war für den Vater, Maximilian, bestimmt. Und im dritten Geschoß befanden sich die Zimmer der beiden Prinzen Ludwig und Otto.

Inzwischen schrieb man das Jahr 1864. Wieder wollte der Frühling Einzug halten in das Bergtal, das sich Schwanengau nannte. Aufs Neue ruhte die Flut des blauen Sees nach den Stürmen des Winters und zog ihre stillen Kreise. Nur noch in der Ferne, drüben im Tiroler Gebiet, waren die hohen Felsen von Schnee bedeckt.

Durch den kleinen Ort Hohenschwangau kamen von Füssen her zwei Wagen mit einer Deputation aus der Residenzstadt, bogen von der breiten Straße ab und fuhren rechts zum Schloß der Wittelsbacher empor. Im baumschattigen Schloßhof stiegen dann fünf Herren aus, gingen bedächtig über die königliche Freitreppe und baten vor der gotischen Eingangstüre um Empfang.

Vergebens suchte nun der Adjutant den Kronprinzen, raste durch alle Zimmer des Schlosses – Ludwig war aber nirgends zu finden, denn er saß im Burggarten bei dem rauschenden Springbrunnen und las, halb versteckt, in der Lohengrin-Dichtung eines Richard Wagner.

Endlich hatte man ihn entdeckt. Atemlos stand plötzlich sein Adjutant vor ihm: »Königliche Hoheit, eine Deputation des königlichen Staatsministeriums bittet um dringende Audienz!« Der Kronprinz bat, die Herren hierher zu führen. Als er nun die Herren kommen sah, war er betroffen von dem Anblick ihrer traurigen Gesichter.

»Königliche Hoheit! Im Auftrage Ihrer Majestät der Königin ... bitten wir um sofortige Übersiedlung der Königlichen Hoheit nach München. Der Krankheitszustand Seiner Majestät des Königs gibt ganz plötzlich zu sehr ernsten Besorgnissen Anlaß, die Ärzte rechnen mit dem Schlimmsten.« Es herrschte eisiges Schweigen. Dann folgten nur zwei Worte des Kronprinzen: »Ich komme!«

Die bürdelose, sorglose Jugendzeit eines Königskindes war mit einem Schlag zu Ende.

Gegen 5 Uhr morgens – es war der 10. März 1864 – trat nun die vollste Gewißheit ein, daß Ludwigs Vater, König Maximilian II., dem Tode sehr nahe war: In herzlicher Weise hatte der König von seiner Familie Abschied genommen. Seine letzten Worte zu seinem Nachfolger lauteten: »Mein Sohn! Nun wünsche ich dir, daß du einmal einen ebenso ruhigen Tod finden mögest wie dein Vater!« Nachdem der Leibarzt den Tod des Königs festgestellt hatte, trat Ludwig in tiefer Trauer aus dem Zimmer.

Der letzte Wunsch des Vaters ist jedoch nicht in Erfüllung gegangen.

Als Ludwig dann am 10. März 1864, nach dem Tod des Vaters, den Thron bestiegen hatte, zog er in die väterlichen Gemächer; dort begann er, sein Schlafzimmer umzugestalten. Die Wandmalereien zeigen die Entrückung des Ritters Rinaldo (aus Torquato Tassos »Gerusalemme liberata«) in das Feenreich der Zauberin Armida, eine Parallele zu dem mythischen Paar Tannhäuser-Venus. Die Decke wurde zum Nachthimmel umgestaltet, ein illuminierter Mond glänzte magisch von der Decke herab, er ist ebenso wie ein Regenbogen und ein künstlicher Wasserfall (Inspiration der Grotte in Linderhof!) verschwunden, doch auch heute ist noch der leuchtende Sternhimmel an der dunkelblauen Decke sichtbar.

In der Mitte schwebt die Allegorie der Nacht als schöne Frauengestalt. Unter ihren Armen schmiegen sich zwei Knaben, ihre Söhne: Schlaf und Traum, an ihre Gewänder.

Beispielsweise ließ Ludwig auch das Hohenstaufen-Zimmer, das der Vater als Ankleidegemach benutzt hatte, zu einem Musikzimmer ausstatten. Auf dem Tafelklavier spielte Richard Wagner, der im November 1865 zum ersten Mal auf Hohenschwangau weilte, dem König vor.

Die Mutter wohnte weiterhin im ersten Obergeschoß des Schlosses.

Im Schloß Hohenschwangau empfing König Ludwig II. später gekrönte Häupter wie Wilhelm I. und den preußischen Kronprinzen und späteren Kaiser Friedrich III. – ebenso wie Richard Wagner und viele andere Gäste.

Als späterer König fühlte sich Ludwig II. zu Hohenschwangau und auch zu seinem Elternhaus immer wieder besonders hingezogen, wie auch einem Brief an seine Erzieherin Sybille Meilhaus zu entnehmen ist: »Ich genieße meinen Aufenthalt im stets geliebten Hohenschwangau, wo es gegenwärtig bei Vollmondschein besonders herrlich und romantisch ist ...«.

Am 2. November 1865 lud der König dann Richard Wagner zu einem achttägigen Besuch nach Hohenschwangau ein: »Ich will mich unendlich freuen, den Freund etwa in 8 Tagen hier zu sehen; o, wir haben Uns so viel zu sagen!«

Und Richard Wagner schrieb dem König am 11. November, als er an diesem Tage der Einladung des jungen Königs folgte: »Ich bin glücklich, glücklich bis auf die letzte Faser meines Daseins!«

Und dann war es soweit: Wagner traf bei schönstem Spätherbstwetter im Schloß ein; er wurde vom König herzlich begrüßt. Am Abend spielte Wagner aus eigenen Werken dem König vor.

Der Künstler benutzte das im Jahre 1842 in München gefertigte Tafelklavier. Dieser sogenannte Wagner-Flügel steht heute noch im Hohenstaufen-Zimmer des Schlosses.

Schon am zweiten Tag, am 12. November, es war ein Sonntag, ließ sich Wagner eine Überraschung für den König einfallen: Punkt sieben Uhr spielten 10 Oboisten des 1. Münchner Infanterieregimentes von den vier Türmen des Schlosses den Morgengruß, den Königsgruß und den Gralsgruß aus »Lohengrin«; König und Künstler begrüßten sich dann, wie auch an den weiteren Tagen im Schloß, stets mit herzlichen Worten, die aber kaum mehr sagen wollten, als daß sie sich freuten, wieder zusammen zu sein.

Täglich zur Mittagsstunde bat der König nach Erfüllung seiner königlichen Pflichten Wagner zum Diner in den Festsaal im zweiten Obergeschoß des Schlosses Hohenschwangau. Die königliche Speisekarte enthielt die feinsten Speisen und Getränke; jeden Tag mußte sich der Küchenmeister wieder eine andere induviduelle Menü-Komposition einfallen lassen. König und Künstler dinierten fast zwei Stunden. Bei feinstem Champagner der Marke Moöt et Chandon Oeil de perdrix, der nur zu besonderen Anlässen serviert wurde, kam es dann zu langen, angeregten Gesprächen; und so wurde unter anderem über den geplanten Bau des Münchner Festspieltheaters durch Gottfried Semper gesprochen. Anschließend lud der König Wagner zu einer Kutschfahrt nach Tirol ein.

Am zweiten Tag des Wagnerbesuches wurde beispielsweise das sicher sehr schmackhafte folgende Diner für Zwei zusammengestellt:

Am 17. November, dem letzten Tag Wagners in Hohenschwangau, leitete der Künstler – nach der Ankunft von 20 weiteren Militärmusikern im Schloßhof – ein Abschiedskonzert für den König, dessen erster Teil Gluck, Beethoven und Weber gewidmet war. Der zweite Teil umfaßte Musik aus dem »Fliegenden Holländer«, »Tannhäuser« und »Lohengrin«.

Auch für König Ludwig dürften dies die glücklichsten Tage seines ganzen Lebens gewesen sein. Als die beiden Freunde sich trennten, ahnte keiner von beiden, daß schon wenige Wochen später die erzwungene Trennung folgen sollte. Der junge König träumte noch tagelang diesem Besuche nach und ließ, wie die Hohenschwangauer Schloßchronik meldet, am 21. November 1865 ein prachtvolles Feuerwerk abbrennen, das ein Theatermaschinist arrangierte. Danach zog ein großer künstlicher Schwan den Nachen Lohengrins über den Alpsee, den Gralshelden stellte der junge Flügeladjutant des Königs, Fürst Paul von Thurn und Taxis, dar. »Der Schwanritter mit Kahn und Schwan war mittels eines elektrischen Lichtes prachtvoll beleuchtet. Während dieses Vorganges spielte die Musik die betreffenden Piècen aus ›Lohengrin‹. Am nächstfolgenden Abende wurde diese Szene auf Allerhöchsten Befehl Seiner Majestät des Königs wiederholt.« –

Hier in Hohenschwangau überreichte Richard Wagner am 25. August 1868, dem dreiundzwanzigsten Geburtstag Ludwigs II., dem König feierlich die Originalpartitur der »Meistersinger von Nürnberg«. Die Aufführung dieser Oper hatte auch gerade wenige Wochen vorher im Münchener Nationaltheater stattgefunden.

Auch Wilhelm I. besuchte 1871 hier in Hohenschwangau den König. Im folgenden Jahr kam dann auch der preußische Kronprinz, der spätere Kaiser Friedrich III.

Und im traurigen Jahr 1886 versammelte sich zunächst im Schloß Hohenschwangau eine sehr zweifelhafte »Kommission«, die dann dem König, der ja in seinem nahen Schloß Neuschwanstein residierte, seine »Entmündigung« mit nachfolgender Absetzung und Gefangennahme eröffnen sollte. –

Nun – jedem erholungssuchenden Urlauber sei zu empfehlen, dieses herrliche Poetische Paradies Hohenschwangau aufzusuchen. Das dortige, gleichnamige Schloß – in traumhaft schönster Lage – ragt malerisch auf einem waldreichen Felsen zwischen dem blauen Alpsee und dem verwunschen wirkenden Schwansee vor einem eindrucksvollen Panorama der Allgäuer Alpen empor. Oft und gern hatte Ludwig und sein jüngerer Bruder Otto dort auf dem Alp- und Schwansee Schwäne gefüttert – und später, als König, bekundete Ludwig II. immer wieder seine Liebe zu Hohenschwangau. Oftmals, nach hartem Streß und Ärger in München, wollte der König der Realität entfliehen – und so flüchtete er in seine Poetischen Paradiese: in das geliebte Schloß Hohenschwangau und in seine selbsterbauten Schlösser.

Und auch uns Menschen von heute geht es nicht anders. Wir können zwar der Realität nicht entfliehen, müssen uns tagtäglich ihren harten Fakten stellen, doch je härter sie werden, desto mehr beanspruchen wir das Ventil einer zeitweiligen Flucht aus der Wirklichkeit, in eine Traumwelt, die Urlaub heißt; die wir »die schönsten Wochen des Jahres« nennen und von der wir mit dem Friedenskönig Ludwig II. sagen können, »es ist notwendig, sich solche Paradiese zu schaffen, solche poetischen Zufluchtsorte, wo man auf einige Zeit die schauderhafte Zeit, in der wir leben, vergessen kann«.

Abend am Alpsee
Der letzte Herdenglockenton verhallt ...
Ein spätes goldenrotes Abendglühen
verzittert in der Flut.
Es ragt der Wald zum Berge,
da noch Sonnenrosen blühen.

Die Tannen senden ihren herben Duft.
Es säumen rauschend ihre dunklen Wipfel
die stille Flut in reiner Abendluft –
im Dämmerblau versinken sacht die Gipfel.

Den Wasserspiegel teilt einsam ein Schwan,
es leuchtet königlich sein weiß Gefieder,
und voller Hoheit zieht er seine Bahn.
Die Schlösser blicken still zum See hernieder.

Lautlos versinkt des Lebens Schmerz und Glut.
Ist’s nicht, als ob dort süße Stimme riefe
vom Grunde jener dunkelklaren Flut –
birgst F r i e d e n du in deiner blauen Tiefe?


Der zweite Teil dieser Serie:
Schloss Linderhof
folgt im Juli 2003

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Copyright@ Juni 2003 by Peter Glowasz Verlag, Berlin

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