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Peter Glowasz
Eine Betrachtung zur erforderlichen Rehabilitation des Märchenkönigs
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mit Auszügen aus dem Vortrag anläßlich der 119. Wiederkehr des Todestages (13. Juni 2005)
im Hotel Hirsch in Füssen am 10. Juni 2005
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Guten Abend, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Königsfreunde, ich begrüße Sie ganz herzlich zu meinem
Vortrag hier in Füssen.
Heute, am 10. Juni 2005, ist eigentlich ein besonderer Tag, denn vor 140 Jahren, es war Samstag, der 10.
Juni 1865, wurde ab 18 Uhr erstmals im Hof- und Nationaltheater in München die Oper » Tristan und Isolde«
von Richard Wagner aufgeführt. Dieser denkwürdige Opern-Abend zählt zu den bedeutsamsten Ereignissen in der
Operngeschichte. Für Ludwig II. war es ein wonnevoller Tag. Noch in der Nacht der Uraufführung setzte er sich
in der Residenz an den Schreibtisch und schrieb an Wagner einen kurzen Brief, in welchem er die letzten Worte
aus dem das Werk abschließenden Liebestod Isoldes zitierte: » Einziger! – Heiliger! – Wie wonnevoll. – Vollkommen.
So angegriffen vor Entzücken! – ... Ertrinken ... versinken – unbewußt – höchste Lust. – Göttliches Werk.«
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König Ludwig II. ist wieder überall brandaktuell, er rückt wieder ganz nach vorn, vor allem, und dies ist
besonders auffällig, bei jungen Menschen.
Auffällig ist, daß auch in Berlin das Interesse für Ludwig II. sehr groß ist. In Hotels und Büchereien in
dieser Stadt habe ich zahlreiche, gutbesuchte Lesungen durchgeführt; und so waren es immer wieder viele
junge Leute, die sehr interessiert zuhörten – und auch nach der Lesung viele Fragen beantwortet haben wollten.
Susanne, 17 Jahre, vom Prenzlauer Berg, Berlin-Mitte, sagte mir beispielsweise: »Ich muß für die Schule ein
Referat über Ludwig II. halten – und deswegen interessiert mich alles über den König; ich selbst bin von ihm
sehr beeindruckt, er war ein guter, ehrlicher Mensch und deshalb ist er für mich ein Vorbild...«
Auch Mio, eine junge Journalistin aus Japan, besuchte eine meiner Lesungen in Berlin. Und sie bemerkte:
»Ludwig II. war ein großartiger Mensch. Ich schreibe gerade an einem Artikel über den König; seine Geschichte
gewinnt heute immer mehr an Faszination...«
Und der 20jährige Roger, der Berlin-Tourist aus den USA, äußerte: »Was wäre eigentlich Bayern ohne die Bau-
und Kunstwerke, die wir dem König zu verdanken haben?«
Seit vielen Jahren ist die Ludwig II.-Forschung intensiv damit beschäftigt, neben der Aufklärung der Todesursache
auch die erschienene Literatur kritisch zu überprüfen, um dann im Rahmen der historischen Bearbeitung Spreu vom
Weizen zu trennen - was bei der vielbändigen Ludwig II.-Literatur eine nicht zu unterschätzende Aufgabe ist.
Heutzutage werden immer wieder in Wort und Schrift neue Verdächtigungen gegen Ludwig II. erhoben.
Und so werden in einer vielmehr unfriedlicheren, mißgünstigeren Welt auch weiterhin diffamierende Nachrichten
verbreitet, um das Bild eines wahren Königs des Jahrhunderts immer mehr zu schwärzen und zu entstellen. »Die
Schlösser sind ja gut und schön, aber man weiß doch, der König war krank...«, wird mit vorgehaltener Hand immer
noch getuschelt.
Die Ludwig II.-Forschung verfolgt seit vielen Jahren nur ein Ziel, nämlich Ludwig II. zu rehabilitieren.
Die Forschung möchte somit überzeugend den Nachweis erbringen, daß dieser König ganz anders war, als von den
Medien und einigen Buchautoren bislang dargestellt.
Das Ziel der Forschung ist somit eindeutig: es soll Ordnung und vor allem die Wahrheit, die ganze Wahrheit
in die Ludwig II.-Historie hineingebracht werden.
Das große Anliegen vieler Millionen kunstsinniger Menschen aus a l l e r W e l t ist es, Ludwig II. vom
Odium des Mörders und Selbstmörders zu befreien. Damit würde endgültig erreicht werden, daß der König nicht
mehr als Geistesgestörter durch die Medien und Bücher geistert.
Aber es wird auch immer wieder die Frage in der Presse, in Büchern, von Unwissenden, von ewig Gestrigen
gestellt: Warum eigentlich immer wieder die hartnäckige Forderung, den Tod Ludwigs II. aufzuklären? Ist
seine Rätselhaftigkeit nicht viel romantischer, ja, unverzichtbarer Teil des Königsmythos?
Die Antwort ist klar:
Guy de Pourtalès und andere bedeutende Schriftsteller und Dichter haben König Ludwig II. mit Hamlet verglichen.
Die Tragödie – ein Werk des englischen Dichters William Shakespeare – vom Prinzen Hamlet von Dänemark ist ja
nicht nur eine der rätselhaftesten Charakterstudien der Weltliteratur, sondern auch ein richtiger Psycho-Thriller;
und in diesem Thriller spielen sich dann auch abscheuliche Szenen des Grauens ab.
Zum Schluß wird Hamlet, der für die Gerechtigkeit kämpfte, im Zweikampf tödlich verletzt. Und mit letzter Kraft
und schwacher Stimme spricht der sterbende Dänenprinz zu Horatio folgende Worte – sozusagen sein Vermächtnis:
»Horatio, ich sterbe! –
Du lebst: erkläre mich und meine Sache –
O Gott, welch ein verletzter Name, Freund,
Bleibt alles so verhüllt, wird nach mir leben.
Wenn Du mich je in deinem Herzen trugst,
Verbanne noch dich von der Seligkeit
und atme in dieser herben Welt mit Müh,
Um mein Geschick zu melden. –
O ich sterbe, Horatio! – Der Rest ist Schweigen.«
Um diese Aufgabe – und um nichts anderes – geht es der Ludwig II.-Forschung – und den vielen, wirklichen
Freunden des Königs in a l l e r W e l t!
W i r leben, meine Damen und Herren, erklären w i r in aller Welt König Ludwig II. von Bayern – und seine
Sache. Bleibt alles so verhüllt, obliegen weitere Geschehnisse der Lüge!
»Herrlichkeit und Tragik eines Märchenkönigs«, das Buch der Wahrheit – ohne Dichtung wird Sie aufklären und
Ihnen auch erklären, warum eine Rehabilitierung des Königs dringend erforderlich ist.
Jeder, der sich ernsthaft für diesen König interessiert, wer ihn schätzt und verehrt, möchte doch auch wissen,
was da vor 119 Jahren tatsächlich passiert ist. Mit dem offiziellen Bemerken in Wort und Schrift: »Die Ursachen
für des Königs Tod sind rätselhaft...« geben sich die Menschen von heute nicht mehr zufrieden.
Meine langjährigen Forschungsergebnisse zum Tod des Königs sind eindeutig. Und somit spricht die Vielzahl der
mir vorliegenden Indizienbeweise auch eine klare Sprache – nämlich: daß Ludwig II. tatsächlich einem
Jahrhundertverbrechen zum Opfer gefallen ist. Ludwig II. wurde durch zwei Schüsse am Starnberger See getötet!
Die Indizienbeweise sind keineswegs zu verwechseln mit dem Begriff Spekulation (heißt ja: gewagte Mutmaßung ohne
jeglichen Beweis), so wie dieser Begriff fälschlicherweise auch immer wieder gern von einigen Autoren,
Journalisten und Widersachern verwendet wird.
Mit den Waffen des Anstandes, der Güte und mit der steten Bereitschaft zu fairen Gesprächen und Diskussionen mit
Andersdenkenden werden wir Ludwig II-Forscher weiterhin und unvermindert um die offizielle Aufklärung der
Todesursache Ludwigs II. kämpfen.
Sehr geehrte Damen und Herren, bitte bedenken Sie: König Ludwig II. von Bayern gehört uns allen, also weit
über die Grenzen Bayerns in alle Welt hinaus! Ludwig II. war ein König des Volkes und das Volk liebte ihn –
und deshalb sollte Ludwig II. eine öffentliche Angelegenheit sein.
Wir wissen heute, daß Ludwig II. die geballte Doppelmacht des Staates und der Psychiatrie gegen sich hatte.
Sein Name wurde im Totengericht der Landtagsdebatten so verletzt, daß der der Regierung angehörende Minister,
namens Fäustle, sich zu schreiben erlaubte: »Er lebte wie ein Ungeheuer und starb wie ein Ungeheuer.«
Eine ungeheuerliche Aussage aus dem Lager dieser grauenhaften Lutz-Clique!
Nicht nur sein Leben, sondern auch sein Tod wurde Ludwig II. zum Vorwurf gemacht, und nur darum muß die
Aufklärung dieses Todes Ziel seiner heutigen w a h r en Freunde sein. Denn das dem König widerfahrene
Unrecht ist nicht v e r j ä h r t, es wiederholt sich bis heute, wenn Historiker ihn als regierungsunfähigen
Versager und Schuldenmacher auf Staatskosten bewerten – und Psychiater, die ihm den ihm angelasteten Tod einer
ihrer Koryphäen nicht verzeihen können, wieder und wieder ihn als F a l l b e i s p i e l für die
verschiedensten Geisteskrankheiten oder Suchtkrankheiten mißbrauchen und die ihm heute zuteil werdende
Anerkennung und Bewunderung ebenfalls psychologisch verdächtigen.
Oft genug sind sich historische Wissenschaft, Psychiatrie und Presse noch immer darin einig, daß nur
unangemessene Idealisierung ein positives Königsbild bewirken kann, und darum darf d e r R e s t nicht
S c h w e i g e n bleiben, damit durch vollständige Aufklärung des Geschehens der v e r l e t z t e
N a m e endlich Heilung findet.
Erst wenn dieses Ziel erreicht ist, wird es möglich sein, sich auch um Verständnis für die Ängste, Hilflosigkeit
und Fehlentscheidungen damaliger Königsgegner zu bemühen und die Toten ruhen zu lassen.
Trotz der vielen Eigentümlichkeiten Ludwigs II., die bei einem im Licht der Öffentlichkeit stehenden Mann
zu Konflikten führen müssen, bewies der König nachweislich bis zu seinem Ende geistige Klarheit,
hohe Intelligenz, Kreativität und hatte ungeachtet der ihm vorgeworfenen psychischen Störungen ein
reiches seelisches Innenleben.
Wie der jugendliche Held in Michael Endes »Unendlicher Geschichte« war auch Ludwig II. ein Wanderer
zwischen den Welten, brach auf nach Phantasien und kehrte von dort immer wieder in die reale Welt zurück,
freilich ohne alle Erwartungen der Umwelt zu erfüllen.
Wenn Victor E. Frankl es als das spezifische Humanum ansieht, zu lieben, zu schaffen und zu leiden, so hat
König Ludwig II. diese Bestimmung des Menschseins wohl voll erfüllt.
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Die Fotos zeigen den Schriftsteller und Ludwig II.-Forscher Peter Glowasz während seines Vortrages im
Hotel Hirsch in Füssen.
Fotos: Alexander Berndt
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Kein heutiger Psychiater kann über König Ludwigs seelische Befindlichkeit, die seine hohe Intelligenz und sein
Denkvermögen nie beeinträchtigte, eine letztgültige medizinische Aussage machen, da die amtlich einseitige und
insgesamt widersprüchliche historische Quellenlage kein solches Urteil erlaubt!
Viele Ludwig II.-Forscher und Königsfreunde sind tief enttäuscht, daß heutige Psychiater – wenngleich nicht
alle – noch immer diesen Arzt Gudden feiern bzw. verteidigen – und die zweifelhafte Diagnose (Ludwig II. sei
geisteskrank) und unverantwortliche Prognose im Falle des Königs zu erhärten suchen.
Das sogenannte Ärztliche Gutachten, ich nenne es »Zweckgutachten«, des Psychiaters Gudden ist nur die Spitze des
Eisbergs absurder und widerlicher Gerüchte, die damals über Ludwig II. umliefen, so daß ein Zeitgenosse sich
wunderte, daß er nicht auch noch des Kannibalismus verdächtigt wurde.
Erschütternd ist das Bemühen, an den König kein gutes Haar zu lassen, nicht nur seine Fehler aufzubauschen,
sondern auch seine Verdienste und Tugenden zu zerfetzen. Da man Richard Wagners Bedeutung nicht mehr leugnen
konnte, verstiegen sich 1886 die Psychiater zu der Behauptung, jede charismatische Persönlichkeit hätte den
seelisch entarteten und natürlich gänzlich unmusikalischen König beliebig manipulieren können!
Ihnen ging es weder um Diagnose noch Therapie, sondern einzig um die komplette Demontage einer mißliebigen
Persönlichkeit!
Es wurde ein Klima geschaffen, in dem selbst unbefangene Menschen jede widerliche Lüge über den König glauben
mußten und jede grobe Unmutsäußerung als Mordbefehl auffaßten, ohne daß sich Zweifel regten. Diese »Wahrheiten«
wurden leichtfertig verbreitet und durch ständige Wiederholung erhärtet.
»Der Mensch wird abgerichtet oder er wird hingerichtet«, so formulierte Wedekind die menschliche Tragödie jener
Epoche, die sich in dem Königsschicksal manifestiert, doch auch zahllose Unbekannte gerade der gebildeten
Schichten zerstörte.
Und dann geschah das Schreckliche: Das »Zweckgutachten« führte zu dem ungesetzlichen »Entmündigungsverfahren«,
das die grausame Gefangenschaft des Königs im Schloß Berg am Starnberger See dann auch zur Folge hatte.
Und so wurde in der Nacht vom 11. zum 12. Juni 1886 Ludwig II. illegal und auf brutalste Weise zum Verlassen
seines Schlosses Neuschwanstein genötigt und in eine Kutsche verbracht, deren innere Türgriffe abmontiert waren.
Diese freiheitsentziehende Maßnahme geschah somit ohne Rechtsgrundlage!
Die gewaltsame Freiheitsberaubung gipfelte in der Verbringung nach Schloß Berg, welches schon zuvor in eine
provisorische Irrenanstalt umgewandelt worden war.
Diese unmögliche Vorgehensweise der bayerischen Staatsregierung unter Vorsitz von Freiherr von Lutz hätte als
H o c h v e r r a t gestraft werden müssen!
Im Interesse der historischen Aufklärung möchte ich auf die Studie des Psychiaters Professor Heinz Häfner
eingehen. Im Jahre 2004 sorgte der Psychiater für Schlagzeilen in der fast gesamten Presse und in den Medien.
Die Überschriften in den Zeitungen lauteten beispielsweise: »Ludwig II. – kein Wahnsinnskönig« / »Mannheimer
Wissenschaftler behauptet: Ludwig II. war bausüchtig« / »Bausucht war die Krankheit des Kini« ...
Der Psychiater schreibt also, Ludwig II. sei nicht geisteskrank gewesen, nur »Bausucht« sei die Krankheit des
Königs gewesen. Wir freuen uns, daß nach Johannes Kemper endlich wieder ein Psychiater die Feststellung trifft,
Ludwig II. sei nicht geisteskrank gewesen.
Prof. Häfner übt berechtigte Kritik an der Voreingenommenheit der Gutachter und ihren unzureichenden
Untersuchungsmethoden und stellt Dr. Guddens Unvoreingenommenheit in Frage, womit dessen psychiatrisches
Gutachten seine angebliche Gültigkeit verloren hat.
Prof. Häfner vermutet bei Ludwig II. jedoch zwei psychische Störungen: Eine »nicht stoffgebundene Sucht« des
Bauens, nämlich Bausucht und eine Sozialphobie. Die Vermutung der Sozialphobie ist soweit nachvollziehbar,
aber gegen die These der »Bausucht« sprechen jedoch erhebliche Vorbehalte.
Zwar läßt sich die von Häfner in seiner Studie angeführte »Verzweiflungsphase« einer Sucht mit schriftlichen
Zeugnissen aus der letzten Lebenszeit des Königs vergleichen, die Voraussetzungen dieser Entwicklung sind
jedoch grundlegend andere als bei dem zum Vergleich angeführten Roman »Der Spieler« des russischen Dichters
Fedor Dostojewski oder bei der angeführten Kleptomanie, Kaufsucht usw. Diese Vergleiche, die der Psychiater
in seiner Studie katalogartig anführt, vermögen nicht zu überzeugen.
Und hinsichtlich des Bauprogramms Ludwigs II. äußerte Prof. Häfner wörtlich: »Von seiner Thronbesteigung an
begann Ludwig II. mit einem gewaltigen Bauprogramm königlicher Schlösser.«
Nun, diese Aussage des Psychiaters entspricht nicht den Tatsachen.
Ludwig II. wollte zunächst ein Wagner-Festspielhaus in München bauen, was jedoch am Widerstand des Hofes
scheiterte; der erste Architekt dieser Zeit, Gottfried Semper, sollte das Theater errichten.
Ja - und die eigentliche Bautätigkeit der Schlösser begann e r s t 5 J a h r e n a c h
s e i n e r T h r o n b e s t e i g u n g, als nach dem Tode Ludwigs I. die dafür erforderlichen
Mittel frei wurden!
Zur behaupteten »Bausucht« des Königs ist folgendes anzumerken:
Ludwig II., der beispielhafte Bauherr seiner Anti-Gründerzeit, hatte das langfristige und früh geplante
Bauziel, mit seinen königlichen Objekten ein G e s a m t k u n s t w e r k aus sichtbar gemachter Harmonie,
Bildender Kunst, moderner Technik und verwalteter gestalteter Natur zu schaffen.
Im Mittelpunkt steht also nicht: das nicht mehr aufgebbare süchtige! Bauerlebnis, sondern das künstlerisch
langfristig und früh geplante Bauziel. Ludwigs großes bauliches Kunstwerk, zusammengefaßt in einer einzigen
Baukette, zählen zu den abenteuerlichsten Leistungen in der europäischen Architekturgeschichte seit der
Französischen Revolution.
Die Studie von Prof. Häfner enthält auch eine überaus subjektive Auffassung hinsichtlich der Freundschaft
Ludwig II. / Richard Wagner. Beispielsweise schreibt Häfner: »Ludwigs Wagnerverehrung enthielt ein erotisches
Element, auch und gerade weil sie eine Art abgöttischer Sohnesliebe zu einem Vateridol war.« Nun, der einzige
mögliche Beleg für das »Vateridol« fände sich im ersten Brief des Königs an Wagner: »Unbewußt waren Sie der
einzige Quell meiner Freuden von meinem zarten Jünglingsalter an, mein Freund, der mir wie keiner zum Herzen
sprach, mein bester Lehrer und Erzieher.« Diese Aussage bezieht sich jedoch auf das Werk Wagners, nicht auf
den persönlich noch kaum bekannten Menschen.
Kenner wissen, daß die Leidenschaft bzw. Begeisterung des jungen Prinzen Ludwig für Richard Wagner dem Werk,
dem Genius, nicht dem Mann Wagner galt.
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Und es ist allein auch nur das dramatische Werk, das die schwärmerische Ausdrucksweise des späteren Königs in
Briefen bewirkte. Die Ursprünge der großen Verehrung liegen sicherlich in der ersten Münchener
»Lohengrin«-Aufführung von 1858, bei der Ludwig, damals 13 Jahre alt, selbst nicht einmal anwesend war,
von der er aber so viel erzählen hörte, daß er den Vater ständig und unverdrossen bat, sie ihn besuchen zu
lassen: den Schwanenritter, diese von Hohenschwangau, seinem Elternhaus, her so vertraute Gestalt und alles,
was zu ihrer Welt gehörte, leibhaftig zu sehen, welches Wunder mußte das für den Prinzen sein! Erst
am 2. Februar 1861 erfüllte der Vater die Bitte seines Sohnes, sich den »Lohengrin« anzusehen. Und da nun saß
der fünfzehnjährige Knabe erstmals in der Loge, fassungslos und in Tränen aufgelöst. 1862 las der
Sechszehnjährige das »Kunstwerk der Zukunft« und Interpretationen des Wagnerschen Werkes durch Franz Liszt. Die
ganze Form und Gestaltung der Wagnerschen Musidramen, die Übermacht der konzentrierten Bühnenillusion, der auf
alle Sinne wirkende Einsatz aller Mittel, worin Wagner Meister war, ließ in Ludwig romantische Saiten erklingen.
Die aufwühlende und umstürzende Wirkung der Wagnerschen Kunst auf sehr junge Leute ist ja keine unbekannte
Erscheinung. Nicht die Musik im eigentlichen Sinne pflegt es zu sein, die diese wahrhaft imperialistischen
Eroberungszüge verursacht, sondern es ist das, was Ludwigs Altersgenosse Nietzsche aus eigener Erfahrung
geschildert hat: »...das Rätselreiche seiner Kunst, ihr Versteckspiel unter hundert Symbolen, ... es ist
Wagners Genie der Wolkenbildung, sein Greifen, Schweifen und Streifen durch die Lüfte, sein Überall und
Nirgendswo.«
Wenn Prof. Häfner in seiner Studie ein »erotisches Element« sieht, so ist diese Äußerung in der vorliegenden
Kurzform leider mißverständlich. »Erotisch« ist Ludwigs Hingabe zwar insofern, als jede Liebe ein erotisches
Element in sich trägt, was auch für die Gottesminne der Mystiker gilt. Es ist jedoch zu befürchten, daß heutige
Leser den Sinn in Häfners Aussage nicht erfassen, da das Wort »erotisch« allzu schnell mit »homosexuell«
identifiziert wird. Der von Häfner angeführte Brieftext an Mathilde Maier: »Unsere gestrige Zusammenkunft
war eine einzige große Liebesszene« beweist gerade, daß es sich n i c h t um eine latent homosexuelle
Beziehung handelte, da die Empfängerin dieser Mitteilungen, eine Gretchen-Natur, voll sittlicher Reinheit
und tiefer Religiosität Wagners erotisch-sexuelles Interesse erregte und von ihm geliebt wurde wie Eva von
Sachs – etwas von Wagners Beziehung zu dem »Kind« ist in die Evafigur der »Meistersinger« eingegangen. Es ist
undenkbar, daß Wagner dem von ihn umworbenen Mädchen eine solche Andeutung gemacht hätte, wäre ihm nur im
leisesten bewußt gewesen, daß sein begeisterter Report über die Begegnung mit Ludwig so verstanden werden
könnte. Gegen eine solche Annahme spricht nicht nur die Person der Briefempfängerin, sondern auch Wagners
persönliche Abneigung gegen Homoerotik. »Was wir am Wesen der Griechen nie verstehen können« ...schrieb
Wagner in sein Tagebuch, »ist, was uns gänzlich von ihnen trennt: z.B. ihre Liebe – Päderastie!«
Sollte , wie häufig angenommen, bei Ludwig II. eine Veranlagung in dieser Richtung wirklich vorgelegen haben,
so würde dies sein Verhältnis zu Wagner nicht berühren, geschweige denn es erklären.
Das Erscheinungsbild des ältlichen Komponisten war nun wirklich nicht dazu angetan, die ästhetischen Ansprüche
eines Ludwigs II. zu erfüllen.
Umso ratloser stehen die Leser der Studie vor dieser Liebe und ihren schriftlichen Zeugnissen. Wenn Häfner
die Formulierung gebraucht, Ludwig fühle sich angezogen vom »schwülstigen Pathos von Richard Wagners
Musiktheater« so zeigt dies Grenzen seines Einfühlungsvermögens, denn wirkliches Verständnis für Ludwigs
Empfinden kann letztlich nur ein glühender Wagnerianer aufbringen, dem das Werk des Dichterkomponisten –
ich wähle bewußt diesen Ausdruck, der auch Wagners Sprachgestaltung einbezieht – wie Ludwigs »Offenbarung«
und n i c h t »schwülstiges Pathos« ist.
Ludwigs Faszination zu dem Werk Wagners spiegelt sich deutlich in seinen folgenden und bekannten Worten wider:
»Wenn wir Beide längst nicht mehr sind,
wird doch unser Werk noch der spätern Nachwelt
als leuchtendes Vorbild dienen,
das die Jahrhunderte entzücken soll,
und in Begeisterung werden die Herzen erglühen für die Kunst,
die gottentstammte, die ewig lebende!«
Die Häfner-Studie enthält unrichtige Äußerungen hinsichtlich der Darstellung des Kaiserbriefes. Die Verbindung von
Kaiserbrief und preußischen Geldern, so wie dies von Häfner geschildert wird, ist längst überholt; von namhaften
Historikern ist dies widerlegt worden. Im übrigen verwechselt Häfner staatliche Reparationsforderungen mit dem
fragwürdigen Werthern-Telegramm, das ja als Hauptquelle für die Welfenfondslegende immer wieder herhalten muß.
In der Schlußbetrachtung würdigt Prof. Häfner zunächst die kulturellen Leistungen Ludwigs II., fügt daran aber
unvermittelt die Aussage, Ludwig II. habe durch seine psychischen Störungen das Ansehen der Psychiatrie
gesteigert, die sich als »Hilfsmittel zur Absetzung von Herrschern« erwiesen habe.
Diese Formulierung, die man möglicherweise als Zynismus auffassen könnte, erscheint unverständlich. Soll durch
diese Aussage etwa gemeint sein, daß durch die Zerstörung eines Menschen die Wissenschaft aufgewertet werden
sollte? Oder wie sonst ist diese abschließende Überlegung zu verstehen? Hier wäre Interpretationshilfe des
Verfassers erforderlich.
Die Häfner-Studie erweckt einen zwiespältigen Eindruck und ihre positiven Aussagen werden durch die
Schlußbetrachtung leider wieder in Frage gestellt. –
Sehr geehrte Zuhörer, die heute noch offizielle regierungsamtliche Version zum Tod Ludwigs II. ist
jetzt 119 Jahre alt; sie lautet also immer noch: Der geisteskranke König beging Selbstmord im Starnberger
See, vorher hat er den Arzt Dr. Gudden umgebracht.
Der vorgeschobene Mord an Gudden und Selbstmord des Königs wurden also von der Regierung bzw. von der
Lutz-Clique in der Öffentlichkeit als eindeutiger Beweis der Geisteskrankheit und als Schuldeingeständnis
Ludwigs II. »verkauft« – gleichzeitig sollte dies auch als ein Zeichen für die Richtigkeit all der
Anschuldigungen gegen den König gewertet werden.
Ludwig II. sollte also ein T ä t e r sein – und dieser kann sich selbst richten, bleibt aber ein T ä t e r!
Ein Mord des Königs mußte natürlich vertuscht werden, denn ein Mordopfer wäre ein O p f e r gewesen.
Ludwig II. durfte keinesfalls O p f e r sein!
Und wer nach den Umständen des Todes dennoch Fragen stellte, galt als Ignorant des Naheliegenden.
Keinesfalls aber als jemand auf der Suche nach der Wahrheit.
Wozu denn auch? Lag die Wahrheit nicht auf der Hand? Nur Unbelehrbare konnten sie anzweifeln. Die
zurechtgebogenen Fakten paßten dann auch in das gängige Meinungsbild. Sofern sie sich noch nicht
einfügten, wurden sie kurzerhand passend gemacht.
Die bayerische Regierung von 1886 wurde der Sieger über König Ludwig II. von Bayern. Und der Sieger
schreibt die Geschichtsbücher, in denen er sich im vorteilhaftesten Licht zeichnet – und den besiegten
Feind als Mörder und Selbstmörder aburteilt.
Die Freunde Ludwigs II. wurden mundtot gemacht!
Diese Geschichte vom 13. Juni 1886 ist nichts weiter als eine einseitige Berichterstattung aus dem Hause
des damaligen bayerischen Staatsministers Johann Freiherr von Lutz.
Und genau in diesem Fall sind wohl die Worte Napoleons sehr treffend, wenn er sagte: »Was ist die
Geschichte anderes als eine Lüge, über die alle sich einig sind!«
Sehr geehrte Damen und Herren, heute – von dieser Stelle aus – kann ich den w a h r e n Freunden
Ludwigs II., die auch ihre verpflichtende Aufgabe zur Aufklärung der Todesursache wahrnehmen, nur
zurufen: Lassen Sie bitte das, was Sie vom König verstanden haben, in Ihren Herzen aufleuchten,
damit auch andere den w a h r e n und e h r l i c h e n Weg zu ihm finden.
Mir liegt inzwischen eine große Anzahl von nachgeprüften, glaubhaften Berichten und Erklärungen vor,
darunter auch Erklärungen an Eides Statt, wonach die Informanten ausführlich darüber berichten, daß
König Ludwig II. von Bayern durch Schüsse getötet wurde.
Die Informanten kennen sich untereinander nicht bzw. wissen voneinander nicht. Alle Informanten haben also
nachweislich nie miteinander gesprochen oder etwas abgesprochen. Und all diese Erklärungen sind inhaltlich
absolut deckungsgleich, das heißt: alle berichten letzten Endes von Einschußlöchern in Mantel und Hemd.
Aufgrund der mir vorliegenden Fakten zur Todesursache des Königs kann die regierungsamtliche Todesversion von
1886 keine Gültigkeit mehr haben; sie gehört daher auf den Trümmerhaufen der Geschichte.
König Ludwig II. von Bayern wurde erlöst vom Leben, er ist hinübergegangen ins Weltenreich der Nacht.
Doch im geschichtlichen Sinne lebt er weiter – auch in seinen Schlössern, in seinen Poetischen Paradiesen.
Ludwig II. zwingt uns zur Auseinandersetzung mit unserer Existenz und der des Menschen überhaupt, denn nirgends
findet sich in einem Menschen, keiner Bühnenfigur – so überlebensgroß Herrlichkeit und Tragik des Menschseins
vereint.
Wie immer der Tod ihn ereilte, er kam barmherzig, zu schnell, um Furcht zu erregen – und er kam als Erlöser.
Millionen Menschen aus aller Welt besuchen alljährlich begeistert die einmaligen und weltberühmten Bauwerke
Ludwigs II. Mit diesen Prachtbauten hat der Märchenkönig auch einen beachtlichen Beitrag zur Völkerverständigung
geleistet.
Ludwig II. ist einer der Großen, ja der letzte Große, was seine Verdienste um die schönen Künste, die
Literatur und vor allem das Theater betrifft.
Das neue Musical Ludwig² würde ihn sicherlich sehr entzücken. Den Machern dieses Musicals muß besonders
gedankt werden, denn sie tragen zur Restaurierung des Bildes eines wahrhaft großen Monarchen seines
Jahrhundert bei.
Von den zahlreichen Autoren, die in vielen Sprachen – bis in die jüngste Zeit über König Ludwig II.
schrieben, hat der französische Schriftsteller Georges Gréciano die Weltgeltung des Königs wohl am
schönsten ausgedrückt – wenn er sagte:
»vLudwig II. von Bayern lehrte mich Deutschland lieben.«
Und wer heute in aller Welt Bayern hört – denkt zuerst an König Ludwig II. und seine einmaligen Schlösser.
Das Land Bayern darf auf diesen König vor aller Welt stolz sein – es verdankt ihm eine Förderung seines
Ansehens in der Welt!
Und das Königliche Haus Wittelsbach kann sich heute noch größter Zuneigung erfreuen – nicht zuletzt
durch das Wirken eines seiner Söhne: König Ludwig II. von Bayern.
Vor einigen Tagen sah ich am Hohenschwangauer Himmel, ganz in der Nähe von Schloß Neuschwanstein, einen
bunten Schirm.
Es war kein Pfauenwagen, aber er schwebte und schwebte über dem Gipfel des Säuling auf und ab. Er kreiste
über dem Spiegel des Alpsees, er sah tief unter sich die Königsschlösser stehen – der unbekannte Drachenflieger,
der sich König Ludwigs Traum erfüllte: nämlich über den See, den Schloßtürmen, dem Gipfel wie ein Adler zu
fliegen.
Ja – und niemand würde heute diesen Wunsch des Drachenfliegers als pathologisch einordnen.
Und würde Ludwig II. heute leben, so genügte für ihn nur ein Mausklick, um viele seiner Bedürfnisse zu
befriedigen. Er könnte per Handy und Internet seiner Menschenscheu nachgeben – und müßte sich nicht über
nachlässigen und unverschämten Service seiner Dienerschaft erregen.
Und ein Fernsehapparat würde ihm die Bayreuther Festspiele – mit Großaufnahmen der Helden – in die blauen
Wohnzimmer seiner Schlösser bringen. Ohne störende Beobachtungen Neugieriger, ohne den Zwang Ovationsopfer
sein zu müssen. Er könnte per CD »Tannhäuser« in der Grotte und den »Karfreitagszauber« in der Klause hören -
und mit dem Walkman sogar auf der Aue!
Nun stellt sich hier die Frage: War der Zuspät-Geborene ein zu Früh-Geborener? Wäre Ludwig II. heute
glücklicher? – In der heutigen liberalen und rauhen Zeit sind Menschen wie Ludwig II. absolut gefährdet.
Man bedenke dabei: Macht liegt immer in den Händen der Außengesteuerten, der Realpolitiker wie Lutz-Typen
und Gefährten oder auch Bismarck, die ihre Herrschaft auf die Kooperation der Konformisten stützen, ob diese
nun Eulenburg-Hertefeld oder von Ziegler heißen – oder namenlose Manager großer Konzerne sind.
Rentabilität ist hier das oberste Gebot!
Und der Romantiker Ludwig II. erscheint in dieser Welt als unverbesserlicher Träumer, weil die Innenwelt sein
eigentlicher Lebensraum ist. Und so ist auch sein Interesse für die von Kapital und Tagespolitik bestimmte
Außenwelt sehr gering.
Ludwig II. äußerte einmal: »Ich bin einfach anders gestimmt als die Mehrheit meiner Mitmenschen. Ich kann
nicht teilnehmen an dem was sie Vergnügen nennen, denn es widert mich an und zerstört mein Wesen.«
Und eben diese Weigerung des Königs, das Vergnügen der Gesellschaft zu teilen, verzeiht diese am
allerschwersten, weil sie sich dadurch in Frage gestellt sieht.
Doch der Romantiker wie Ludwig II. hütet einen metaphysischen Schatz, den die Realisten nicht kennen und
für überflüssig halten. Den Romantiker bedroht auch nie die Langeweile, die aber für die außengesteuerten
Herren des Marktes und des Staates zur großen tödlichen Gefahr werden kann, wenn die Pensionierung eintritt
oder ein Amt oder ein Machtposten verlorengeht.
Nein – Ludwig II. würde heute flüchten vor Fernsehkameras - und er müßte seine Schlösser absuchen lassen
nach Wanzen. Auch hätte er sein Theater verloren, denn dessen ständige zeitgeistgerechte Innovationen, die
hektische Änderungswut und permanente Umwertung aller Werte hätten ihm das genommen, was er durch Wieder-holung
zu bewahren suchte.
Ludwig II., der Romantiker, der sich in der Vergangenheit zu Hause fühlt, ist verloren in einer nur noch auf
Zukunft hin orientierten Welt, die sich in ziellosem Erneuerungsrausch ständig selbst verstümmelt und alles
ersetzbar macht.
Ludwig II., der König im Wunderreich der Nacht, der Poesie, der Träume, der unstillbaren Sehnsucht nach Sinn,
nach Transzendenz, gehört nicht in die Welt des Tages.
Ja – und wenn sich der Allmachtswahn technischer und biologischer Omnipotenz als enttäuschend – und die totale
Vermarktung des Lebens als destruktiv enthüllt haben, wird vielleicht eine neue Generation ebenfalls wieder-holen,
was war und unwandelbar bleiben sollte.
Ludwig II. ist unzeitgemäß wie eh und je – und darum unverwechselbar er selbst. Ludwig II. ist kein
Erfolgsmensch, sondern ein Gescheiterter. Er paßt nicht in diese rauhe Welt.
Umso erstaunlicher ist da sein riesiger Marktwert: er ist Thema im ZDF-Fernsehquiz und in anderen Sendungen,
Ziel des Massentourismus, wiederholt Musical-Star, Event-Imitation und vieles mehr. Solche Vermarktung in
dieser Zeit kann natürlich weh tun – und doch erleben wir immer wieder junge Menschen, ja sogar sehr junge
Menschen, die Ludwig II. gegen den süffisanten Zynismus der Moderatoren verteidigen. Diese Jugendlichen,
teilweise noch Kinder, tragen in sich doch eine spürbare Ahnung von seiner, unser aller Innenwelt. Sie
verstehen diesen König – und zwar in einer ethischen Betrachtungsweise und mit viel Kunstverständnis.
Ludwig II. fasziniert sie einfach, da er eine Alternative lebte zum Planen und Handeln der Macher, die
ihn in den Tod trieben, um reibungsloses Funktionieren der Staatsmaschinerie zu gewährleisten.
Nun, Gefühl und Romantik ist bei vielen Menschen wieder angesagt. Und so erinnere ich da an die geistige
Atmosphäre einer Epoche im 19. Jahrhundert; sie war von vier großen Gestalten geprägt: Wagner, Liszt,
Chopin und Ludwig II. Diese Persönlichkeiten stehen unverkennbar für die Merkmale der Romantik. Um es
hier gedrängt zu fassen: Wagner symbolisiert die Erlösung, Liszt die Liebe, Chopin den Schmerz und
Ludwig II. die Illusion. Der König sah in allem nur die Schönheit - mit den Augen der Liebe. Dieser
schüchterne, errötende Schöngeist war ein Mensch des Friedens - ein wahrer F r i e d e n s k ö n i g,
also nicht nur Märchenkönig.
Ja, und in Europa des ausgehenden 19. Jahrhunderts war Ludwig II. eindeutig der letzte große Künstler als
auch der letzte wirkliche Monarch unter den gekrönten Häuptern.
Und seit jener Zeit begann das Bild Ludwigs II. sich dichterisch zu verklären, symbolische Bedeutung zu gewinnen.
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Wie in jedem Jahr zum 13. Juni, dem Todestag von König Ludwig II., kamen
wieder viele Menschen zur Gedenkmesse in der Wallfahrtskirche St. Coloman in Schwangau zusammen. Pfarrer
Edmund Gleich ging in seiner Predigt auf die Friedensliebe Ludwigs II. ein. Beispielsweise am 28. August 1870
schrieb der König an Sibylle Freifrau von Leonrod, sein lebenslang geliebtes Kindermädchen: »Mit Macht
sehne ich mich nach einem baldigen, dauernden Frieden, der segensreich sei für ganz Deutschland,
vorzüglich aber für mein geliebtes Bayern ...«
Foto: Gisela Schroeder
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Ludwigs Erscheinung ist außerordentlich, ja wie eines großen Tragödienhelden: KÖNIG HAMLET – LUDWIG II.
VON BAYERN!
Und für den Tragödienhelden Ludwig spreche ich hier noch einmal sinngemäß die Worte Hamlets:
Ihr alle hier im Saale lebt: erklärt mich und meine Sache
O Gott, welch ein verletzter Name, Freunde hier im Saal
Bleibt alles weiter so verhüllt und unaufgeklärt, wird nach mir leben.
Wenn Ihr mich jedoch in Eurem Herzen weiter tragt,
Verbannt noch Euch von der Seligkeit
und atmet in dieser herben Welt mit Müh,
Um mein Geschick zu melden.
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Aus den Äußerungen Ludwigs im Brief an Wagner wurden ungerechtfertigte Rückschlüsse von Buchautoren und
Psychiatern, allen voran Christoph Biermann und Wolfgang Harms, gezogen. Beim Ausspruch: »Ertrinken,
versinken, unbewußt, höchste Lust. Göttliches Werk!« wurde der Zitat- und Anspielungscharakter dieser
Äußerungen völlig übersehen bzw. nicht erkannt; es handelt sich nämlich hierbei um die Schlußverse von
»Tristan und Isolde«, mit denen Ludwig II. im Telegramm vom 10. Juni Wagner durch bildhaften Sprachgebrauch
zu der Uraufführung dieses »göttlichen Werkes« gratuliert hatte. Als göttlich durfte er wohl dieses Werk
deshalb eingestuft haben, weil dort ebenso wie im »Tannhäuser« die Tugend der opferbereiten, verzichtenden
Liebe idealisiert wird. Das Urteil der obengenannten Psychiater lautete jedoch: »Triumphale Selbstmordneigungen
und übermächtige Sehnsucht nach Aufhebung von schizoiden Kontaktstörungen... Die unübersehbaren Stilbrüche in
den Briefen des Königs und dessen zusammenhanglose Tagebuchnotizen sind ganz allgemein als deutliche Symptome
für krankhafte Gefühlsschwankungen sowie für formale und inhaltliche Denkstörungen zu betrachten!«
Wer sich von der psychiatrischen Fachkompetenz der vorerwähnten Interpreten nicht gleich blenden bzw.
täuschen läßt, sollte die Studie von Dr. Franz Merta lesen (veröffentlicht auch in meinem Buch:
»Herrlichkeit und Tragik eines Märchenkönigs«).
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In dem neuen Ludwig²-Musical im Festspielhaus Neuschwanstein in Füssen wurde im 1. Akt, 5. bis 6. Szene
die Begeisterung des jungen Prinzen Ludwig für das Werk Richard Wagners besonders anschaulich herausgearbeitet;
in der 5. Szene sieht man beispielsweise Vater Max, Mutter Marie, Prinz Ludwig und die Erzieherin Sibylle beim
Abendessen. Der große Esstisch wird umrahmt von zwei Projektionsleinwänden. Ein Diener legt jedem einen Apfel
(!) auf seinen Teller. Das dürftige Abend-„Essen“ beginnt. Trotz der Ermahnungen seines strengen Vaters blickt
das Kind Ludwig aus den Augenwinkeln verlangend auf die Projektionen mit zahlreichen Szenen aus Richard Wagners
»Lohengrin«. Und in der hervorragenden 6. Szene (im Schlafzimmer) sieht man den Prinzen Ludwig, der seinen
Kopf in den Schoß seiner geliebten Sibylle gelegt hat; vor dem Einschlafen bittet Ludwig seine Erzieherin immer
wieder: »Bitte, erzähl’ mir vom Lohengrin...«.
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Das Buch der Wahrheit - ohne Dichtung
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Peter Glowasz
Herrlichkeit und Tragik eines Märchenkönigs
4., erweiterte Auflage • ISBN 3-925621-16-4
364 Seiten • 24,80 €
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Copyright@ Juni 2005 by Peter Glowasz Verlag, Berlin
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