„Persönlicher Auftritt ist unerheblich“

Leserbrief im Münchner Merkur vom 21. Februar 2003

„Ich bin absolut kein Schröder-Freund, aber wo er Recht hat, hat er Recht. Es ist sekundär, ob ich einem etwas schriftlich oder mündlich antrage. Somit ist der persönliche Auftritt Ludwigs II. in Versailles zu besagtem Anlass unerheblich. Für geschichtsblinde königstreue Bayern hier eine kleine Chronologie:
Am 15.7.1870 beginnt der Krieg zwischen Frankreich und Preußen, gleichzeitig erfolgt die Mobilmachung in Bayern. Am 27.7.1870 ist Kronprinz Friedrich von Preußen, Oberbefehlshaber der Bayerischen Truppen, bei Ludwig II. in München. Die Verhandlungen Preußens mit den süddeutschen Staaten Baden, Württemberg, Hessen und Bayern verlaufen schwierig, da Wilhelm I. die Kaiserkrone anstrebt.
Am 29.7.1870 unterzeichnet Ludwig einen von Otto von Bismarck entworfenen Brief, in dem er Wilhelm I. die Kaiserkrone anträgt. Als Gegenleistung erhält Ludwig II. Millionenbeträge von Preußen, um seine Märchenschlösser finanzieren zu können.
Am 18.1.1871 erfolgte die Proklamation des „Deutschen Reiches“ in Versailles. Am 16.7.1871 begrüßt Ludwig in München die aus Frankreich heimkehrenden siegreichen Truppen. Im Jahr 1875 kann mit dem preußischen Geld der Bau der Märchenschlösser in Angriff genommen werden.“
Jürgen Gregarek
81669 München

Stellungnahme zum Leserbrief
im Schreiben an den 1. Landesvorsitzenden
der Königstreuen, Herrn Obermeier

von Peter Glowasz

Guten Tag, sehr geehrter Herr Obermeier,

zu dem mir zugesandten Leserbrief in Kopie des Herrn Jürgen Gregarek, München an den Münchner Merkur teile ich Ihnen folgendes mit:
Herrn Jürgen Gregareks »kleine Chronologie für geschichtsblinde Königstreue« ist völlig wertlos.

Zum einen enthält sie Fakten, die jedem Königstreuen bekannt sind: Mobilmachung, Staatsbesuch des Kronprinzen, Kaiserbrief, Kaiserproklamation und Empfang der Truppen. Unerwähnt bleiben die Briefe des Königs an Vertraute, in denen er sein verzweifeltes Mißfallen an Kriegsgeschehen und Kriegsführung zum Ausdruck bringt.
Nur zu einem Punkt lohnt es sich, Stellung zu beziehen: »Preußische Millionenbeträge zur Finanzierung der Schlösser«.
Seit erwiesen ist, dass seit Beginn der 1870iger Jahre Gelder aus dem Welfenfonds, die zum Bau der Schlösser verwendet wurden, an die kgl. bayr. Kabinettskasse flossen, wurde immer wieder die Vermutung, der »Kaiserbrief« an Wilhelm I. sei mit diesen Zahlungen erkauft, als Tatsache bezeichnet und so oft wiederholt, dass sie fast zum historischen Dogma wurde.
Es handelt sich jedoch lediglich um eine Arbeitshypothese, die sich auf folgende Quellen stützt:

1.
Zwei Briefe zwischen dem bayerischen Unterhändler Graf Bray und dem Kabinettssekretär Ludwigs II. – Vorausgegangen war Ludwigs Erkenntnis, das am Angebot der Kaiserkrone kein Weg vorbeiführte. Eine Weigerung hätte zu einer schweren Demütigung des Landes, Schaden für Bayern und ggf. sogar zur Entthronung des Hauses Wittelsbach führen können – zumindest wurden Ludwig die Verhältnisse so dargestellt.

Wenn der vornehmste Repräsentant der deutschen Fürsten sich versagt hätte, so bestand bei der nationalistischen Stimmung im Reich die Gefahr, dass die Kaiserproklamation von Seiten der Volksvertretung erfolgt wäre, was dem monarchischen Prinzip zuwiderlief und ebenfalls nicht in Ludwigs Absicht liegen konnte. Er wusste, dass ihm keine andere Wahl blieb, suchte aber wenigstens für Bayern angemessene Gegenleistungen im Polit-Poker herauszuholen.

In den erwähnten Briefen geht es um territoriale und finanzielle Zugeständnisse Preußens. Dass es sich bei diesen Geldforderungen aber um die späteren Welfenfondszahlungen zu Ludwigs Privatgebrauch handelt, geht aus den Schreiben nicht hervor. Die Verbindung mit den Wünschen nach Gebietszuwachs legt eher die Vermutung nahe, dass es – wenn Preußen diesen Hauptwunsch nicht erfüllen kann – dafür Zahlungen leisten soll als Entschädigung für die erheblichen Reparationszahlungen, die Bayern nach dem verlorenen Krieg 1866 zugemutet wurden.

2.
Besagte Briefe sind datiert vom 31.10.1870 und vom 1.11.1870. Das belastende der vorliegenden Dokumente ist eine Nachricht des preußischen Gesandten Werthern vom 17. und 19. November, der König von Bayern befinde sich in Geldschwierigkeiten und werde für 6 Millionen bereit sein, die Kaiserkrone in Versailles anzubieten. Der Bestechungsvorschlag kommt also von Werthern. Woher aber hatte dieser die brisante Information?

In der preußischen Gesandtschaft verkehrte Graf Holnstein, der unbedingt diesen politischen Akt durchsetzen wollte. Was Werthern berichtet, klingt eher nach vertraulichem Biertischgerede als nach einem offiziellen Auftrag.
Auch 1876 wurden die Schulden des Königs von nichtbayerischen Diplomaten erheblich übertrieben, wogegen sich Fürst Hohenlohe verwahrte – wer war damals daran interessiert, in Preußen und Österreich Stimmung gegen Ludwig II. zu machen?? Und andererseits: wer kann mit Bestimmtheit ausschließen, dass Werthern hier einen dummen Witz Holnsteins ernst nahm?

Eine Antwort Bismarcks auf Wertherns Schreiben ist nicht erhalten. Dass er der Anregung des Diplomaten folgte, erscheint aus folgenden Gründen unglaubwürdig:

a)
Der staatskluge Bismarck musste um die Gefährlichkeit eines solchen Vorschlages wissen. Wäre trotz aller Geheimhaltung etwas durchgesickert, so wäre dies nicht nur für Ludwig II., sondern auch für Kaiser und Reich derart peinlich gewesen, dass er seinen Hut hätte nehmen müssen. Sein eigener König, der der ganzen Kaiseridee mit kritischer Unlust gegenüberstand, hätte für eine derartige Abmachung nicht das geringste Verständnis gehabt.
b)
Es ist erwiesen, dass Bismarck andere Vorschläge seiner Gesandten bei anderen Gelegenheiten, die die Behandlung des schwierigen Bayernkönigs betrafen, zurückwies und sich verbat.
c)
Zumindest eine der genannten Bedingungen erfüllte Ludwig II. nicht: er erschien nicht in Versailles zur Kaiserproklamation, was er für 6 Millionen doch wohl hätte tun müssen.
Gegen diese Welfenfonds/Reichsgründungshypothese spricht ferner Ludwigs II. Verhalten:
a)
Ludwig war nach Abfassung des »Kaiserbriefes« derart unsicher und unentschlossen, dass er den Kabinettssekretär in die Verantwortung einband. Er schreibt diesem: »(…) sollten die Opfer, die man im Verfassungsentwurf von mir verlangt, zu groß sein, gut, so zerschlägt sich die Sache, und ich ermächtige Sie, den Brief an den König von Preußen zu zerreißen (…). Ich lege die Angelegenheit in Ihre Hände.«
Hätte Ludwig II. diese Zeilen geschrieben, wenn eine geheime Vereinbarung ihn unwiderruflich festgelegt hätte und ihm persönliche Vorteile aus dieser erwachsen wären?
b)
Ludwig II. zeigte privat wie öffentlich seinen Widerwillen gegen die ihm abgeforderte Entscheidung so drastisch und unverhohlen, dass man sein Verhalten nur als selbstschädigend bezeichnen kann. Hätte er einen materiellen Gewinn aus der Kaiserkrönung gezogen, so hätte er sich gewiss vorsichtiger verhalten und die neuen Machthaber nicht unnötig gereizt. Werthern berichtete übrigens: seit den Versailler Ereignissen trage der König Bayerns Trauer und der König äußert sich verschiedentlich negativ über die Entwicklung.
3.
Natürlich sind die Zahlungen aus dem Welfenfonds, bei denen es sich um Darlehen handelte (die natürlich nie zurückgezahlt werden konnten), erfolgt, aber sie lassen auch andere Erklärungen als die behauptete zu. Es könnte sich allenfalls um eine Belohnung, nicht aber eine Bedingung für den Kaiserbrief handeln, denn derselbe Werthern, der den ominösen Vorschlag machte, überzeugte sich im März 1871 von Ludwigs schlechtem Aussehen und seiner tiefen Depression. Er wusste von Abdankungsabsichten des Königs, die Preußen durchaus nicht gelegen kommen konnten, da in jener Audienz Ludwig II. bereits signalisierte, dass der sich anbahnende Kulturkampf ihn politisch an der Seite Bismarcks finden würde.

Es scheinen Absprachen zwischen Werthern und Holnstein existiert zu haben, durch eine nicht näher bezeichnete Angelegenheit (Nachbesserungen oder Welfenfondszahlungen?) Ludwigs Lebensmut wieder zu beleben; diese Andeutungen fallen aber erst zu Beginn des Jahres 1871, also nach der Kaiserproklamation.

Durch die Welfenfondszahlungen verhinderte Bismarck einen noch früheren Konkurs des Bayernkönigs und einen Thronwechsel zugunsten des psychisch instabilen und preußenfeindlichen Otto oder des nicht minder preußenfeindlichen und ultramontanen Luitpold, von dem damals eine Regierungsumbildung zu befürchten war. Erst nach dem Ende des Kulturkampfes wurde Ludwig II. für Bismarck entbehrlich, und er ließ ihn in der Finanzkrise 1886 fallen, da Luitpold die Beibehaltung des liberalen Kabinetts gelobte.

In Kenntnis dieser historischen Zusammenhänge haben die Königstreuen es nicht nötig, sich »Geschichtsblindheit« vorwerfen zu lassen.
Es sei noch hinzugefügt, dass der Bau der bayerischen Königsschlösser nicht mit den preußischen Geldern ab 1875 »in Angriff genommen wurde«, sondern dass seit 1869 die Bauarbeiten in Neuschwanstein in vollem Gange waren, ebenso die Vorarbeiten für Linderhof und seit 1868 die gesamte Bauplanung inklusive der niemals ausgeführten Projekte bereits feststand, längst ehe von »preußischen Geldern« die Rede war.

Mit den besten Grüßen
Peter Glowasz


Copyright@ März 2003 by Peter Glowasz Verlag, Berlin

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