König Ludwig II. von Bayern
in memoriam
von Peter Glowasz

Wir erinnern uns: Samstag, 19. Juni 1886, 14:20 Uhr, erreichte der Trauerwagen das Portal der Sankt Michaelskirche in der Münchner Neuhauser Straße. Viele, viele Leute folgten dem Sarge. Man sah viele Leute in schwarz, die weinten. Dann Leute in schwarz, sogar in der vordersten Reihe, die so aussahen, als ob sie weinten; unter ihnen Ministerpräsident Johannes Freiherr von Lutz, der ein erhebliches Interesse hatte, den König völlig auszuschalten – und Oberstallmeister Maximilian Graf von Holnstein, Ludwigs größter persönlicher Feind und Widersacher.

Am Ende der Trauerfeier schluchzten die Leute in schwarz: Nun ist alles zu Ende! Und dann gab es sicher die Leute in schwarz, die aufatmeten: Gott sei Dank, das ist vorbei!

Und ich denke mir, daß alles erst begann. Ja, Ludwig II. hatte die Generalprobe hinter sich, aber die ewige Vorstellung begann. Er wurde von neuem geboren, geboren zu einem Leben für das Gute und für das Wahre – zum ewigen Leben.

Den Tod gibt es, aber er ist nur ein Moment, ein Augenblick, eine Sekunde, ein Schritt. Der Schritt zum Vorläufigen ins Endgültige. Der Schritt vom Zeitlichen ins Ewige.

In den vielen Jahren meiner Ludwig II.-Forschungsarbeit haben mir Menschen, darunter sehr junge Erdenbürger, in ihren Briefen berichtet, daß sie glauben, dem König ganz nahe zu sein. Und so danken sie dem Herrn, ihrem Gott, daß sie diese Königsseele ruft, sie einlädt, beschütz und berät – und ihnen noch mehr gegenwärtig ist. Sie beten, daß ihnen Gott doch helfen möge, in ihrem kurzen Leben es zu lernen, „ewig zu leben“ – zu leben für die Wahrheit, für die Gerechtigkeit.

Ich respektiere und bewundere diese Menschen – und ich selbst bin der Überzeugung, daß auch mir der Mensch Ludwig ganz nahe ist.

Nun wissen wir, daß Verbindungen zu anderen Daseinsebenen so alt wie die Menschheit sind. Von Parapsychologie und anderen sogenannten paranormalen Experimenten und Erfahrungen soll aber hier ausdrücklich nicht die Rede sein; denn das naturwissenschaftliche Prinzip erkennt nur dann ein diesbezügliches Resultat an, wenn sich ein Experiment bzw. Erlebnis mehrmals unter wissenschaftlichen Laborbedingungen wiederholen läßt und das gleiche Ergebnis erzielt. –

Nun – wohl eines fühlen wir gemeinsam, wir – die echten Ludwig-Freunde: Die Königsseele, sie ruft unentwegt nach Wahrheit. Und ich wiederhole es immer wieder: wenn nicht bald die ganze Wahrheit in die Welt kommt, obliegen weitere Geschehnisse der Lüge.

Wir von der Ludwig II.-Forschung müssen es uns somit zur täglichen Aufgabe machen, den König vor weiteren Diffamierungen in unserer bösen, mißgünstigen Welt zu schützen. Und für die Ludwig II.-Forschung diesbezüglich kein Unbekannter ist da beispielsweise der Journalist einer Zeitung, der nun in einem soeben erschienenen Sensations-Buch mutmaßt bzw. behauptet, König Ludwig II. von Bayern sei doch nur Sohn eines Kammerdieners. Also wieder einmal eine ungeheure Behauptung!

In Kürze wird dann auch eine ausführliche Besprechung zu diesem neuen Buch erfolgen. –

Der Retter Richard Wagners und größte Bauherr des Historismus, den nicht nur Europäer bewundern, hat dies nicht verdient; er hat Besseres verdient – und dafür müssen wir kämpfen!

Sie wissen aus meinen Büchern, Hörbüchern und Lesungen, daß das Böse unter der Sonne am 9. Juni 1886 in einer Konferenz der bayerischen Staatsregierung endgültig beschlossen wurde:

Ein unmögliches, zusammengeschustertes Zweckgutachten eines Psychiaters, namens Prof. Dr. Bernhard von Gudden, führte zu einem ungesetzlichen Entmündigungsverfahren, dass die grausame Gefangenschaft des Königs im Schloß Berg am Starnberger See dann zur Folge hatte.

Und so wurde in der Nacht vom 11. zum 12. Juni 1886 Ludwig II. illegal und auf brutalste Weise zum Verlassen seines Schlosses Neuschwanstein genötigt und in eine Kutsche verbracht, deren Türgriffe abmontiert waren. Als Ludwig II. die Kutsche bestieg, war er ausgeliefert – völlig ausgeliefert an menschlich gleichgültige und gegen jede seiner Gefühlsäußerungen mißtrauische Diagnostiker, Psychiater der verschleierten Macht, die ihn wie ein Labortier beobachteten – in totaler Abhängigkeit von ihren egoistischen Bedürfnissen oder politisch motivierten Entscheidungen.

Sie haben ihn abgeholt wie Christus am Ölberg!“, sagte damals eine schlichte Haushälterin – und sie sagte wohl damit Wesentlicheres als alle Sitzungsprotokolle.

Diese freiheitsentziehende Maßnahme geschah ohne Rechtsgrundlage. Die gewaltsame Freiheitsberaubung gipfelte in der Verbringung nach Schloß Berg, welches schon zuvor in eine provisorische Irrenanstalt umgewandelt worden war.

Diese unmögliche Vorgehensweise der bayerischen Staatsregierung unter Vorsitz von Freiherr von Lutz hätte als H o c h v e r r a t gestraft werden müssen! –

Der Ludwig II.-Forschung ist erst jetzt eine Studie von einem Dr. Rudolf Sponsel, Erlangen aus dem Jahr 2001 bekannt geworden; es handelt sich hierbei um eine Internet-Publikation (www.sgipt.org/medppp/zwang/ludwig2/uebl.htm) der Gesellschaft für Allgemeine und Integrative Psychotherapie – Deutschland: „Ludwig II. König von Bayern – Leben und Entmündigung, eine psychopathologisch-historische Studie“. In dieser Studie über die bayerische Königstragödie wird also erneut versucht, die Entmündigung Ludwigs II. einerseits als „richtigen, mutigen und revolutionären Schritt“ zu verteidigen und andererseits mit dem desolaten Geisteszustand des Königs zu rechtfertigen.

Die „damalige Methodologie“ in der Einschätzung und bei der Behandlung von Psychosen kann jedoch höchstens als mildernder Umstand, nicht aber als Rechtfertigung des Vorgehens gegen Ludwig II. gelten.

Auch wenn die Gefahr besteht, daß der Verfasser der Studie folgende Betrachtungsweise weder als „angemessen“ oder „fair“ akzeptieren dürfte, so fordert die seine dennoch zum W i d e r s p r u c h heraus.

Es sei zugestanden, daß die Verschwörer von 1866 nicht Bühnenschurken waren, sondern alle „honourable men“, die glaubten, ihr Imperium vor seinem Repräsentanten retten zu müssen. Sie meinten, nach dem Prinzip der Staatsraison das Richtige zu tun, als sie sich der jungen psychiatrischen Wissenschaft bedienten, um Ludwig II. am Weiterbauen zu hindern, das durch seine Exzentrizitäten beeinträchtigte Ansehen der ohnedies schon angeschlagenen Monarchie zu retten, ihn politisch zu entmachten und die nach ihren Maßnahmen absehbaren Suizidabsichten zu durchkreuzen (sofern diese tatsächlich ernsthaft bestanden haben sollten, wofür einzig das Verhalten des Königs in Neuschwanstein als Beleg heranzuziehen ist).

Erschreckender erscheint vielmehr die kalte und systematische Gewalt der Verschwörer, die als „Nebenwirkung“ ihrer Maßnahmen für die bedrohte Kabinettskasse und die Erhaltung des Systems gänzlich gleichgültig lebenslänglichen Freiheitsverlust und tiefste menschliche Entwürdigung verhängten; man beraubte den König ja nicht nur in der Freiheit der Wahl seines Aufenthaltsortes (und der ihn umgebenden Personen), man beraubte ihn auch der Entscheidungsfreiheit in Geringfügigkeiten und seiner Privatsphäre – und in der damaligen Einschätzung von Psychosen auch seiner Ehre.

Wie die professionellen „Seelenkenner“ annehmen konnten, dieser stolze und der Einsamkeit bedürftige Mann könne sich widerstandslos dem ihm zugedachten Schicksal fügen, ist ebenfalls ein „ewig Rätsel“ der menschlichen Psyche.

Die Politiker verfuhren nach dem machiavellistischen Grundsatz des Kaiphas (Joh. Kapitel 11,50) und bedienten sich der Psychiatrie, um den König abzustrafen für Vergehen, mit denen er nie konfrontiert wurde und zu denen er nie Stellung nehmen durfte.

Alles dem Arzt Gudden zugespielte Material bezweckte, diesen gegen den Patienten einzunehmen, was voll gelang, wie eine mündliche Aussage des Arztes gegenüber einem Minister und eine in der Ministerratssitzung vom 7. Juni 1886 protokollierte Aussage zeigen. Guddens Äußerungen zeugen von der Befangenheit dieses „Richters in Weiß“ (so lautet ein Romantitel von F.Werremeier über einen forensischen Gutachter) und sind nicht weniger von Zweckdenken geprägt als die seines Freundes Lutz und der anderen Minister.

Daß auch die „Therapie“ nicht frei war von politischen Erwägungen, zeigt das Verhalten des Finanzministers in der bereits erwähnten, verhängnisvollen Sitzung. Die Zeile des populären Gedichtes „Er war ein König – und er starb daran“ enthält von daher ihre volle Berechtigung.

Die staatlich initiierte Manipulation der Ärzte ging so weit, daß der blutjunge Assistenzarzt Müller mit der ganzen aufgeblasenen Arroganz und Besserwisserei seiner ebenfalls noch sehr jungen Wissenschaft glaubte, sich über den „moralischen Schwachsinn“ eines Menschen entrüsten zu können, den er nur aus Akten kannte, die den Zweck seiner politischen Beseitigung verfolgten und keinen einzigen gesunden Persönlichkeitsanteil oder sympathischen Wesenszug und kein einziges zu Gunsten des Königs sprechendes Selbstzeugnis seiner Hand enthielten und keine positive Aussage aus der Dienerschaft, die von mehr Zeugen als Hornig, Mayr, Welker und Hesselschwerdt überliefert wurden. Die Übereinstimmung zwischen diesen Vier ist übrigens weniger einheitlich, als behauptet wurde und wird.

Vor diesem Hintergrund vermag keine noch so wissenschaftlich sich gebende heutige Bestätigung des ärztlichen Gutachtens, die sich ebenso wie der breit zitierte Autor des Buches „Der Tod König Ludwigs II. von Bayern“, Wilhelm Wöbking, auf tendenziös ausgewähltes Aktenmaterial stützt, zu überzeugen.

Bei aller Würdigung des Versuchs um eine ausgewogenes Urteil und um Berücksichtigung der politischen Notlage einerseits und des betrüblichen historisch-medizinischen Wissensstandes andererseits ist es keinesfalls angemessen, in der hier besprochenen Studie des Dr. Rudolf Sponsel die Splitter in Ludwigs Augen monströs zu vergrößern und die Balken in denen seiner selbstgerechten Richter zu übersehen.

Kein heutiger Psychiater kann über König Ludwigs seelische Befindlichkeit, die seine hohe Intelligenz und sein Denkvermögen nie beeinträchtigte, eine letztgültige Aussage machen, da die amtlich einseitige und insgesamt widersprüchliche historische Quellenlage kein solches Urteil erlaubt. –

Es ist bald Totensonntag – und so gedenken wir des Verstorbenen. Und immer wieder sprechen wir es aus: Das Land Bayern kann vor aller Welt stolz auf seinen Märchenkönig sein.

Auch die in Zukunft zu erwartenden widerwärtigen Veröffentlichungen in Wort und Schrift wird die Ludwig-Forschung zu widerlegen wissen.


Copyright@ November 2002 by Peter Glowasz Verlag, Berlin

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