Neben der Briefveröffentlichung von Robert Holzschuh („
Das verlorene Paradies Ludwigs II.“) – wir haben das
Buch bereits besprochen – ist noch zeitgleich ein anderes problematisches Ludwig-Buch erschienen; sein Titel:
„
Das Ende König Ludwigs II.“. Es ist die Neuauflage der Memoiren des preußischen Gesandtschaftssekretärs
Philipp Fürst zu Eulenburg-Hertefeld, herausgegeben von Klaus von See.
Aus aktuellem Anlaß möchten wir hierdurch die Besprechung des vorgenannten Buches nachholen.
Die Memoiren des Fürsten erschienen zu der Zeit, als nach dem Sturz der Monarchie in
Deutschland die Kritik an dem Entmündigungsverfahren Ludwigs II. immer lauter wurde – und endlich ungefährdet
geäußert werden durfte.
Diese Entwicklung rief eine ganze Reihe von Memoiren der noch lebenden Zeitzeugen hervor,
die für Ludwigs Schicksal verantwortlich waren und sich nun durch alte und neue Anschuldigungen gegen den König
zu rechtfertigen versuchten. Zugleich entsprachen die abfälligen Urteile der noch lebenden in die Königstragödie
verwickelten Zeitzeugen der antimonarchischen Zeittendenz – und „Enthüllungsgeschichten“ à la Eulenburg dürften
in der jungen Republik ein breites Leserinteresse gefunden haben.
Zwischen den Jahren 1925 und 1935 erschienen die königsfeindlichen Memoiren von Dr. Franz
Carl Müller, Baron Karl Theodor Freiherr von Washington, Hugo Graf von Lerchenfeld-Koefering, das Edir
Grein-Tagebuch aus dem Hause Johannes Freiherr von Lutz – und eben auch Philipp Graf von Eulenburg-Hertefeld.
Unter den Chronisten ist Eulenburg-Hertefeld wohl der Unseriöseste und Sensationsfreudigste.
Dieser Herr kannte den König persönlich nicht einmal flüchtig und verfügte weder über die Kenntnis heute
veröffentlichter schriftlicher noch mündlicher Selbstzeugnisse König Ludwigs II.
Seine Ausführungen, in denen sich Wahrheit und groteske Erfindungen der Münchner Szene nach
der Königskatastrophe mit Gesandtschaftsklatsch bunt mischen, sind ein Vorläufer der Yellow-Press-Berichterstattung!
Eulenburg-Hertefeld rühmt sich seines persönlichen Engagements beim Sturz des Königs, womit
über die Tendenz seiner Memoiren alles gesagt ist.
Es mutet an wie eine Ironie des Schicksals, daß Eulenburg-Hertefeld – berechtigt oder
unberechtigt – selbst die zeitgemäße Diffamierung als Homosexueller zu ertragen hatte, nachdem er süffisant wie
kein anderer Brief- oder Memoirenschreiber sich über dieses Seite der königlichen Persönlichkeit ausließ,
ebenfalls gleichgültig, ob sein Urteil zutraf oder auch nicht.
Immerhin ist es beachtenswert, daß selbst der königsfeindliche Eulenburg-Hertefeld
praktizierte Homosexualität nur für die letzten Lebensjahre des Königs annimmt. Seine an diesem Komplex sehr
interessierten und farbigen Schilderungen wecken die Vermutung, es sei bei seinen Berichten über das königliche
Intimleben doch das im Spiel gewesen, was Psychologen „Projektion“ nennen, doch seine Intimsphäre sollte ebenso
wie die des Königs Spekulationen entzogen sein.
Die weiteren Aussagen Eulenburgs über angebliche Tatsachen, die das Persönlichkeitsbild
Ludwigs II. verdunkeln, werden von so vielen qualifizierten Zeitzeugen bzw. Historikern widerlegt oder zumindest
bestritten, daß es unmöglich ist, an dieser Stelle ins Detail zu gehen.
Wenngleich hier eine kritische Taschenbuch-Ausgabe vorliegt, die den Historikerstreit um
Ludwig II. objektiv zu schildern bemüht ist – und seriöser erscheint als die Buchausgabe von Holzschuh über die
Hesselschwerdtbriefe – so ist es doch sehr bedauerlich, daß diese hier besprochene Neuauflage als solche in der
Materie unerfahrenen Lesern das überholte und äußerst tendenziös verzerrte Ludwigbild des Fürsten
Eulenburg-Hertefeld vermittelt.
Inzwischen liegt uns eine weitere Buch-Neuerscheinung „Königsmord am Starnberger See“ von
Rudolf Reiser vor. Schon jetzt halten wir dieses Werk für sehr bedenklich, weil wir feststellen müssen, daß die
für den Autor kompetenten Quellen hinsichtlich seiner Behauptungen in dem Buch auch die des Fürsten
Eulenburg-Hertefeld sind. Eine ausführliche Buchbesprechung wird in Kürze folgen.