Der Krieg im Irak ist entschieden. Er wird in die
unübersehbare Reihe der Kriege in die Geschichte eingehen, gewiss nicht als der längste, spektakulärste,
weltumspannendste. Und doch brachte auch er einen Superlativ: nie war der Widerstand der Weltöffentlichkeit
gegen Krieg so groß, so allgemein, nie zuvor wurden die kriegsführenden Mächte so unerbittlich auf ihre
Verantwortlichkeit verwiesen.
Es waren ja nicht nur naive Jugendliche, die auf die Straße gingen und nebenbei ein bißchen
die Chance zur Randale nutzten, nicht verängstigte ehemalige Kriegsteilnehmer und mehr oder weniger sentimentale
apolitische Gemüter, sondern quer durch alle Altersgruppen, Geschlechter, Parteien, Bildungsunterschiede und über
alle nationalen Grenzen hinweg formierte sich die Ablehnung des Krieges als solchem.
Von den mächtigsten Repräsentanten der Völker bis zu unmündiger Schuljugend war der Wille zum
Frieden nie so stark, so umfassend, so völkerverbindend wie in diesen Tagen. Und selbst wenn die kriegsführenden
Mächte – was gottlob nicht der Fall ist – die Absicht hätten, Vergeltung zu üben, eine besiegte Nation leiden zu
lassen nach dem antiken Motto »Vae Victis!«, so dürften sie diesem Impuls nicht nachgeben. Doch nie zuvor waren
die Sieger so bestrebt, Destruktion in konstruktives Handeln umzuwandeln, und sie müssen nun der Weltöffentlichkeit
den Nachweis erbringen, dass es eben nicht um Bodenschätze ging, sondern um Befreiung und um eine für alle tragbare
Friedensordnung. Man sagt, dass diese Aufgabe noch schwerer sein werde als der militärische Sieg. Aber selbst
wenn ihre Lösung nicht gelingen sollte: der gute Wille der Sieger ist zweifellos vorhanden.
Das ist unerhört neu in diesem 21. Jahrhundert. Das zwanzigste Jahrhundert hätte dies
überwiegend für Utopie gehalten, und das neunzehnte nicht einmal von einer solchen zu träumen gewagt.
Man führte nicht nur Präventivkriege, sondern auch Angriffskriege ohne jedes Schuldgefühl. »In
der Liebe wie im Krieg sind alle Mittel erlaubt!«, hieß ein infamer Spruch, der weder für die Liebe noch für den
Krieg Anspruch auf Gültigkeit erheben darf. Es bedurfte keiner Bedrohung, um den Krieg zu erklären, es genügten
nationale Interessen, erzwungene Staatenbündnisse – so führten die Nordstaaten der USA einen unbegreiflich
grausamen Krieg, um den Separatismus der Südstaaten zu verhindern (die Sklavenbefreiung war nur ein Nebenziel),
und der hochgerüstete Staat der Hohenzollern erzwang die deutsche Einheit mit militärischen Mitteln und grenzte Österreich aus. Eine Friedensbewegung existierte nicht, dafür schäumende Kriegsbegeisterung der Massen. Es waren nur einzelne, die – sehr selten – ihre Stimmen erhoben.
»S´ ist leider Krieg – und ich begehre
nicht schuld daran zu sein!«,
dichtete Matthias Claudius.
Einer dieser wenigen, der den Krieg so tief verabscheute wie ein moderner Mensch, war
ausgerechnet Repräsentant eines Staates, der sich dem Kriegsgeschehen natürlich nicht entziehen konnte, war
LUDWIG II. KÖNIG VON BAYERN.
Die Kriege seiner Regierungszeit sind in den Geschichtsbüchern verzeichnet, Entstehung,
Verlauf und Folgen sollen hier nicht erneut aufgerollt werden; es genügt, einen Blick in die Seele eines Menschen
zu tun, der – auch in seiner Einstellung zu Krieg und Frieden – seiner Zeit voraus war und infolgedessen sich
zutiefst einsam fühlte.
Bereits im Deutschen Krieg von 1866 litt der junge Ludwig unter dem Geschehen und erwog
eine Abdankung. Sein Rückzug aus der Politik in die Welt Richard Wagners wurde ihm als politisches Desinteresse
und Mangel an Solidarität zum Vorwurf gemacht, ohne dass man den jugendlichen Protestcharakter dieses Rückzugs
erkannte.
Unmittelbar vor der entscheidenden Schlacht bei Königgrätz schrieb Ludwig II. an Wagner:
»Wehe dem Unseligen, der die Verantwortung dieses fürchterlichen K r i e g e s
zu tragen hat!«
1870 musste der König zum zweitenmal gegen seine innere Überzeugung die Mobilmachung anordnen.
Die weitverbreitete Vorstellung, in den »alten« Kriegen hätten nur die Heere und nicht die
Zivilbevölkerung gelitten, weil es noch keinen Luftkrieg gab, wird widerlegt durch den Feldpostbrief des Herzogs
Carl Theodor, der am Frankreichfeldzug teilnahm. Dieser von Ludwig hoch geschätzte, ihm lebenslang freundschaftlich
verbundene Cousin, Bruder der Kaiserin Elisabeth von Österreich und Doktor der Medizin berichtet am 18. August
1870 seiner Mutter über die Schlacht von Beaumont:
»... Das Schlachtfeld überfüllt von Toten und Verwundeten beider Armeen und das Wimmern und Jammern der
Unglücklichen wirklich erschütternd...«. Er beschreibt sodann das helle Feuer von vier Dörfern, die in Brand
geschossen waren, (Carl Theodor befindet sich nun nicht mehr auf dem Schlachtfeld, sondern inn einem nahegelegenen
Dorf) »leider sind sehr viele Verwundete bei dieser Gelegenheit verbrannt und gestern begegnete mir eine
unglückliche Frau, die mich um einen Tropfen Wasser bat und weinende mir erzählte, dass ihre 3 Kinder und ihr
ganzes Hab und Gut verbrannt sei.«
Er berichtet dann von dem »furchtbaren Kleingewehr-Feuer« der Franzosen und deren »Kugelspritzen«,
Waffen, von deren Verheerungen »man sich gar keinen Begriff machen kann, wenn man nicht dabeigewesen ist ...«.
Nachdem die Schlacht von Sedan den Krieg im Prinzip schon entschieden hatte, schrieb König
Ludwig II. an eine Hofdame seiner Mutter: »Könnte doch endlich, endlich der von Millionen längst ersehnte Frieden
geschlossen werden! Es ist ein wahrer Frevel von Seiten der preußischen Machthaber, den Krieg so lange fortzuführen
und eine Nation bis in ihren innersten Lebensnerv zu erdrücken suchen; ich finde es geradezu verbrecherisch; der
Grund, dass Deutschland gezwungen ist, seine bedrohten Grenzen gegen den Feind zu verteidigen, ist längst nicht
mehr stichhaltig.«
Erinnert König Ludwigs Kritik an den preußischen Kriegszielen nicht an die, die heute USA
vorgeworfen wird – dass die behauptete Bedrohung nicht der Realität entspricht und die vom Gegner ausgehende Gefahr
propagandistisch übersteigert wird?
Im März 1871 schrieb der König an seine Erzieherin: »Ach, es sind traurige, entsetzensvolle
Zeiten, die wir zu durchleben haben, in meiner kurzen Regierungsepoche nun schon zwei unselige Kriege! Sehr hart
für einen Fürsten, der den Frieden liebt! Das rauhe Kriegshandwerk, lange geübt, verwildert die Sitten der Menschen,
macht sie unfähig, große, erhabene Ideen zu fassen ...«.
Was Ludwig II. hier ausdrückt, geschieht in diesen Tagen in Bagdad!
Die »Sitten verwildern«, die Menschen dort sind nicht nur »unfähig, große erhabene Gedanken zu fassen«,
sondern ihre selbstverständliche Pflicht zu tun und Recht und Ordnung zu respektieren. Es erscheint furchtbarer
als alle Berichte über Bombardierungen, Gefechte, Wunden und Tod, dass Ärzte und Krankenhauspersonal, vermutlich
aus Angst vor den Plünderern, sich in Sicherheit brachten und niemand mehr die Toten bestattet, die anscheinend in
den Krankensälen verwesen, oder zumindestn die Verwundeten versorgt.
Der Krieg bedroht nicht nur Leib und Leben, sondern auch die Seele, und noch erschreckender als
der Verlust von Gesundheit und Leben ist der Verlust der Menschlichkeit, die absolute Entmenschlichung, die auch
der Bericht des Carl Theodor ahnen lässt und für die der König von Bayern ein feines Gespür entwickelte.
Es gibt zu denken, dass sich solche Äußerungen in Ludwigs Briefen an Frauen finden. Durfte er vor Männern
solche Gedanken nicht entwickeln?
Einige Monate später heißt es wieder in einem Brief an die Erzieherin: »... dieser unselige,
von vielen aber begeisterungsvoll geliebte Krieg!«. Und noch 1873 schockierte Ludwig II. den ganz und gar
deutschnationalen Dichter Felix Dahn mit dem Bekenntnis: »Ich hasse, ich verachte den Militarismus!«, worauf
dieser erwiderte: »Und ich wäre viel lieber Offizier denn Professor und Dichter!«.
Antwort des Königs: »Ganz und gar unbegreiflich!« und unbegreiflich ist Dahns Antwort ebenso dem Modernen –
den Kampf, die Agression über den Geist zu stellen. Dies ist auch für uns unverständlich.
»... leider sind sehr viele Verwundete bei dieser Gelegenheit verbrannt, und gestern begegnete
mir eine unglückliche Frau, die ... weinend mir erzählte, dass ihre 3 Kinder und ihr ganzes Hab und Gut verbrannt
sei«.
»... Das arme Frankreich ...«, steht rückblickend in einem Brief vom 16. Juli 1874 an die Erzieherinn, Frau
von Leonrod, und diese Äußerung fiel auch mündlich und wurde im ärztlichen Gutachten über König Ludwigs
Geisteszustand als Symptom geistiger Umnachtung angeführt. Seine »nur wenig ausgebildete ethische Empfindung der
Vaterlandsliebe« bezeichnete infolgedessen ein Landtagsabgeordneter als »Symptom einer tiefernsten geistigen
Erkrankung«.
Ja – und heute, im Jahre 2003, dürfen Männer, die wie König Ludwig II. an der Spitze eines
Staates stehen, in der Öffentlichkeit »... das arme, vom Krieg betroffene Land Irak ...!« sagen, ohne dass ihr
Geisteszustand deshalb in Frage gestellt wird.
Das lässt für die Menschheit hoffen.