Advent. Das Fest naht. Und bedauerlicherweise in einer immer
unfriedlicheren, mißgünstigeren und machtbesesseren Zeit, wo sich dann auch die schlimmste Schändung des
Menschenbildes vollzieht: Gewalt, Terror und Krieg. Alle niederen Instinkte werden damit geweckt. Und Herrliches
wird zerstört und ausgerottet. Das Herrlichste aber ist und bleibt der Mensch!
In diesem Zusammenhang möchte ich einen Tagebucheintrag von 1942 des Schloßpfarrers von Hohenschwangau
(Priesterdichter, Schriftsteller und König Ludwig II.-Forscher) Robert Dörflinger, Teilnehmer des
Rußlandfeldzuges von Leningrad bis Stalingrad, dann 50 Monate in russischer Gefangenschaft, zitieren; es ist
sozusagen ein Zwiegespräch zwischen König und Priester:
»Silverskaja/Leningrad, Advent 1942: Einsamer König, ich muß jetzt in diesen Tagen der Stille und meiner
Isolation oft an Dich und an das mir vertraute Schloß Neuschwanstein denken, an die Gralsburg zu Füßen des mächtig
aufragenden Säuling mit Pallas, Zinnen und Türmen, sich mächtig in die Lüfte reckend, von Wäldern und Bergen
umgeben in der Seenlandschaft des schönen Schwanengaus, wie ein träumendes nachgebautes Märchen des Mittelalters.
Und in der Sängerhalle stehst Du als ein einsamer König und lauschst dem Klavierspiel Deines Freundes und
Lieblingskomponisten Richard Wagner. Dann ist es wieder sehr still. Du, ein hochgewachsener Herrscher, bist einsam,
von Ängsten geschüttelt. Kalt ist es um Dich herum, am kältesten in Deinem Herzen. Du spürst die lauernd auf Dich
zuschleichende Gefahr – ein Arzt, der Dich nicht untersucht und Dir trotzdem Geist und Krone abspricht, eine
›Fangkommission‹, die sich Deiner bemächtigen und Dich für immer in die Unfreiheit fortführen soll. Sie kommt, das
erstemal, ein zweitesmal, während der Nacht, versteht sich, greift Dich als König, um Dich Deinem Schicksal
entgegenzuführen: Tod am Starnberger See, (angeblich) zusammen mit dem Doktor Gudden.
Nun – Parallelen drängen sich mir auf: ein Arzt, der selbstherrlich urteilt ohne zu untersuchen, die
›Fangkommission‹ des Kriegsgerichts, Einsamkeit und wühlende Angst im Herzen, Abschied von all den geliebten
Menschen und Dingen und das mögliche dunkle Ende.«
Solche schrecklichen Tage vor Weihnachten haben Menschen, wie dieser Priester es seinem Tagebuch anvertraute,
erleben müssen. Und viele Menschen müssen diese Ängste noch in diesen Tagen erleben.
Und wir, fernab von Terror, Krieg und Gefangenschaft: freuen wir uns denn überhaupt noch auf
Weihnachten? Leben wir in Erwartung eines besinnlichen, trauten Familienfestes? Und denken wir an den eigentlichen
Sinn dieser Adventszeit: innere Besinnung auf ein großes Ereignis – zur Erinnerung an die ärmliche Geburt eines
Kindes, das den Menschen Wohlgefallen und Erlösung verhieß?
Weihnachten, die holde Gemütswiege, rückt uns wieder auf die Haut. Advent, früher heilige Zeit. Heute Zeit der
langen Sonnabende und Sonntage, der Einkaufsorgien. Zeit des Aberglaubens, man könne mit Bergen von Geschenken
dem Advent seinen Sinn abkaufen.
Überall in den Städten herrscht Gedränge. Einkaufen lautet die Losung des Tages. Es ist wie ein Berg, den es
in all der Hektik und dem Streß zu erklimmen gilt: Stollen backen, Geschenke kaufen, Päckchen packen, das Festmenü
planen und für die Zutaten sorgen. Jeder hat’s eilig. Alle hasten, schubsen und stoßen. Jeder hat ja sein Programm,
das er bis zum Heiligen Abend erfüllen will, erfüllen muß. Einkaufszettel werden hastig und nervös abgehakt, Punkt
um Punkt, Posten um Posten. Keiner hat mehr Zeit zum Zuhören – und hin und wieder kommt Streit auf, man möchte ja
nicht genervt werden.
Zeitnot vor Weihnachten. Viele Gesichter sind gequält. Von freudiger Erwartung, Besinnung, Fröhlichkeit ist
wenig darin zu lesen. Früher schenkte man Dinge, die man heimlich selbst gebastelt, gewerkelt, geklebt, gezeichnet,
gemalt oder geschrieben hatte. Man schenkte etwas, das auf einen ganz bestimmten Menschen in seiner Eigenart
gezielt war. Man schenkte vor allem Zeit. Heute ist Zeit knapp. Man nimmt Geld oder Gutscheine und kauft Geschenke.
Da und dort mag heute in der guten Stube ein Adventskranz noch zu finden sein. Kinderaugen vielleicht oder
Greisenaugen, die in das Licht der ersten entzündeten Adventskerze blicken. Rührung, seltsame Berührung.
Hoffnung, wie ein Hauch von Ewigkeit her. Hoffnung worauf?
Advent. Das heißt aber auch Erprobung der Stille in uns. Ausloten was ist. Was auch in uns selbst ist. Wagnis
des Betens.
Gebet im Lärm? Selbstprüfung im Gerangel am Verkaufstisch? Liebe, Liebe zum Nächsten, hübsch verpackt und
absolviert im Geschenkkarton? Advent nur im Kalenderblatt? Nur Menschenzeit?
Oftmals wünschen wir uns dann wieder ein Weihnachtsfest in den Bergen mit Glockengeläut und
Kirchgang. Und wie schön muß doch ein Heiliger Abend im verträumten Schloß Hohenschwangau vor weit über 130 Jahren
gewesen sein; wir können es nur erahnen. Wenn dort der Novembersturm über die Lande brauste und die ersten Flocken
die Nähe des Christfestes verkündeten, dann glichen einige Räume des Schlosses Hohenschwangau einem märchenhaften
Basar. Was königliche Gebefreudigkeit ersinnen mochte, war zu Geschenkzwecken aufgehäuft. Keiner sollte vergessen
sein. Und so hielt auch der ärmste Stallbursche am Heiligen Abend ein wertvolles Geschenk des Königs in den Händen,
welches er fassungslos und mit feuchten Augen bestaunte.
Und so sagt auch heute noch das bayerische Volk von seinem einzigen König, würdig des Jahrhunderts Achtung:
»Welch ein liebenswürdiger König, gesegnet mit allen Gaben Gottes! Er hatte ein gutes Herz.«
Nun – eine große Entdeckung ist uns heute – im Jahr 2003 – wieder angeboten: Advent – Gottes
Zeit!
Weihnachten ist aber vor allem das Fest der Kinder. Sie können sich noch wirklich freuen. Sie
basteln mit Eifer und Hingabe. Und ihre gebastelten Geschenke kommen von Herzen.