Die neueste Publikation von Rudolf Reiser »Königmord am Starnberger See« hat lebhaftes Presseecho vor allem in
der Boulevardpresse, hervorgerufen, wobei weniger der Tod des Königs als vielmehr seine Geburt den
»Nachrichtenwert« bestimmte.
Die Ludwig II.-Forschung ist sich mit dem Verfasser darin einig, dass eine sorgfältig vorbereitete und
weitverzweigte Kabale Ludwig II. um den Thron und – direkt oder indirekt – ums Leben brachte. Man setzte seiner
Regierung für immer ein Ende, da die angebliche Schuldenlast der Schlossbauten das Hausvermögen der Familie und
die Machtposition des Ministeriums Lutz bedrohte. Auch die Verärgerung über die Verweigerung von
Repräsentationspflichten und dem Ansehen der Krone schädliche Gerüchte über die eigenwillige Lebensführung des
Monarchen, wohl namentlich die Verdächtigung seiner Freundschaften aus der Schlüsselperspektive à la
Eulenburg-Hertefeld führte Bismarck und andere Amtsträger zu der Überzeugung »dass der König nicht mehr zu halten
sein«.
An dieser Stelle die Frage an den Verfasser des neuen Buches: War es unumgänglich, Eulenburgs
sensationslüsterne Unverschämtheiten von den »besoffenen Lustbuben zu Pferde« erneut zu zitieren?
Die Äußerungen des Gesandtschaftssekretärs, der seine Informationen überwiegend aus zweiter und dritter Hand
bezog, sind geprägt von Geltungssucht und Fabulierfreude, die an die Regenbogenpresse von heute erinnert – und
diese Informationen werden von seriösen Historikern mit größter Vorsicht bewertet. Und bei Eulenburg handelt es
sich um einen Zeitzeugen, der mit persönlichem Engagement Ludwigs Vernichtung betrieb!
Die Motive der Intrige – Angst um Geld und Macht, Anstoß an Ludwigs Lebens- und Amtsführung und Zweifel an
seiner politischen Zuverlässigkeit gegenüber Frankreich reichten aus, um die Entmachtung des von Preußen nicht
mehr geschützten Königs auf Lebenszeit zu bewerkstelligen.
Reiser nennt aber als ein weiteres Motiv illegitime Geburt. Für ihn ist erwiesen, dass Ludwig nicht der Sohn
Maximilians ist. Und diese in seinem Buch nur am Rande erwähnte Annahme, in einer früheren Publikation
umfangreicher ausgeführt, fand in der Presse unverdienten Widerhall. Dr. Reiser promovierte bei Professor für
bayerische Geschichte, Karl Bosl, der im Jahre 1991 Gerüchte über eine illegitime Vaterschaft zunächst andeutete,
sich jedoch von der Behauptung, sie beruhten auf Wahrheit, distanzierte. Prof. Bosl bezog sich möglicherweise auf
Vermutungen seines einstigen Professors Alexander von Müller, dem Sohn jenes Kabinettssekretärs von Müller, der
Mitglied der Staatskommission in Neuschwanstein war (Prof. Alexander von Müller war dem Hause Luitpold sehr
verbunden - später wurde er reich belohnt). Übrigens: nach Oscar von Müller ist die Quelle vorgenannter Behauptung
ein Stammtischgerede Ludwigs II.; und bei diesem Gerede wurde Freiherr von der Thann als natürlicher Vater
benannt. Das gespannte Verhältnis der Luitpoldsöhne zu Ludwig, der diese Vettern »Meine Orleans« nannte, ist
wohlbekannt, und seine Verdächtigungen bedürfen keines Kommentars.
Alle Vermutungen um die Zeugung der Königssöhne sind spekulativ – in Reisers Darstellungen geradezu grotesk.
Der »Urvater« jener Gerüchte, die Tambosi ins Spiel bringen, war anscheinend der Hofbaumeister Leo von Klenze,
der Äußerungen König Maximilians zitierte, die durchaus nicht zwingend auf Tambosis Präsenz im königlichen Ehebett
bezogen werden müssen und in dieser niederträchtigen Interpretation dem Klatsch der Münchner Boheme zuzuordnen
sind.
Bekanntlich kann Alkoholgenuss Gedächtnislücken erzeugen – aber keineswegs bei allen Menschen vorhersehbar
und planbar. Und im Mythos von Lot und seinen Töchtern (eben ein Mythos wie der von der Stellvertreterin Brangäne
im Hochzeitsbett König Markes) handelt es sich um eine pikante Nacht – will man uns ernstlich Glauben machen, nicht
nur beide Prinzen – im Abstand von 3 Jahren – sondern auch das zuvor Ungeborene seien »per Stellvertreter« gezeugt
worden??
Diese Methode der Empfängnis wäre ungefähr so zuverlässig wie die Mordmethode in nicht durchdachten Krimis:
die Erbtante wird von der Treppe gestoßen – was aber, wenn sie es überlebt und sich erinnert?
Hielt Herr von Klenze, der die Familie Tambosi verabscheute, bei diesen königlichen Nächten etwa das Licht?
Es erscheint ungeheuerlich, dass ein Sc hü1er Professor Bosis derartige Theorien verficht, ohne über seriöses
Quellenmaterial zu verfügen: eindeutige Briefe, Tagebucheinträge oder sonstige Selbstzeugnisse Maximilians, Maries
oder Tambosis über die Vorgänge, der 3 Personen, die es als einzige mit Bestimmtheit wissen konnten.
Was Reiser anbietet, ist nichts als eine geschmacklose Hypothese, deren Bildung auf Münchner Gerüchte
zurückgeht!
Ob Ludwig II. von diesen Gerüchten Kenntnis hatte, ist äußerst ungewiss, hier müsste sorgfältige historische
Forschung einsetzen. Zwar wären erregte Ausfälle gegen seine Eltern, die ihm die Zeitgenossen so sehr verargten,
vor einem solchen Hintergrund menschlich nur zu verständlich, doch aus der Angabe des skandalfreudigen Eulenburg,
er habe seiner Mutter diesbezügliche Vorwürfe gemacht, lässt sich keine Erkenntnis gewinnen. Die Differenzen des
Königs mit seiner Mutter waren geistiger Natur – und Eulenburg, dem es ja um die Rechtfertigung der Entmündigung
ging, vermengte wieder einmal Tatsachen mit dem König abträglichen Erfindungen des höfischen Gesellschaftsklatsches.
Dr. Max von Gietl, Leibarzt des Königs, laut Reiser Mitverschworener Maximilians und Tambosis, ist eine
eigenartig widersprüchliche Erscheinung. Woher hatten Klenze und dessen Künstlerfreunde die »Tripper«-Diagnose?
Viel eher hätte Dr. Gietl Syphilis vermutet, denn er beunruhigte später König Ludwig II. mit Andeutungen, Ottos
Krankheit sei dem »Tugendleben« des Vaters anzulasten und gefährde auch ihn.
Was sollte den Arzt zu einer solchen Grausamkeit veranlassen, wenn keine Blutsverwandtschaft und folglich
keine erbliche Belastung vorgelegen haben sollte? Ludwig soll mit Angst und Bitterkeit reagiert haben, woraus man
schließen kann, dass er – zumindest zu dieser Zeit – an seiner ehelichen Geburt keinen Zweifel hegte. Jedenfalls
war es um Gietls Kenntnis venerischer Krankheiten dürftig bestellt, wenn er und Kollegen annahmen, der 1916
verstorbene Prinz Otto werde ein halbes Jahr nach Ausbruch der Krankheit an syphilitischer Gehirnerweichung
sterben! Wer in seiner Diagnostik beim Sohn so danebenliegt, kann auch beim Vater kein zuverlässiges Urteil
abgeben!
Wie dem auch sei: gegen die ganze Vaterschaftshypothese Reisers und seiner Vorgänger sprechen außer Gietls
Unfähigkeit nicht nur der herzliche, glückliche Brief Maximilians bei Ludwigs Geburt »... es ist doch ein
prächtiges Gefühl, Vater zu sein ...«, sondern vor allem genetische Gemeinsamkeiten mit Ludwigs Großvater König
Ludwig I. und den Kindern des Herzogs Max in Bayern.
In seinen Fehlern und Vorzügen erscheint Ludwig II. ganz und gar als ein Wittelsbacher, und seine Jugendbilder
gleichen denen der Prinzessinnen Helene, Mathilde und Marie (unbekannteren Schwestern Sisis) auffallend in
Gesichtsschnitt und Blick. Auch die Zahnprobleme Elisabeths und Ludwigs sind – wie seelische Wesenszüge –
eindeutig ein Indiz für Blutsverwandtschaft.
So lässt sich nur sagen: es mag Gerüchte gegeben haben über die Söhne Maximilians, die vie1eicht zum Sturz
König Ludwigs beigetragen haben könnten, aber man g1aubte lediglich, die Vaterschaft Maximilians sei zweifelhaft.
Hier nur einige ärgerniserregende Beispiele: »Ludwigs Regierung-Seifenkomödie« – »Er verkaufte sein Königreich
Bayern an Bismarck« – »Ein König, der sein Land finanziell ruinierte« – »Kriminelle Praktiken der Mittelbeschaffung«.
Und alle alten Vorurteile feiern fröhliche Urständ.
Das ist einfacher, plakativer Journalismus, keine sorgfältig abwägende Geschichtsforschung!
Immerhin sei es anerkannt, dass der Verfasser abschließend versichert, er wolle den König als Menschen
würdigen, seine Leistung anerkennen und seine Ehre nicht kränken durch den Nachweis illegitimer Geburt.
Dieser Nachweis fehlt bisher.
Sollte Dr. Reiser oder ein anderer ihn dennoch eines Tages erbringen können, was wir von der Ludwig-Forschung
bezweifeln, so würde dies nichts ändern an Ostinis berühmten Vers:
»Kein Haupt, das eine Krone je gedrückt,
hat sie so königlich wie seins geschmückt ... «
denn kein anderer König hat so intensiv und drängend die Frage nach Sinn und Selbstverständnis
des Königtums gestellt wie Ludwig II.
In diesem Sinne nannte Verlaine Ludwig II. den »einzigen König, würdig des Jahrhunderts Achtung«.
Und dies wird er bleiben, »von Tokio bis Chicago ... «:
»Roi, le seal vrai roi de ce ciecle ... «.
Nachwort
von
Peter Glowasz