König Ludwig II. von Bayern:
kein echter Wittelsbacher?

Besprechung des Buches „Königsmord am See“ von Rudolf Reiser
von Erika Brunner
mit einem Nachwort von Peter Glowasz

Die neueste Publikation von Rudolf Reiser »Königmord am Starnberger See« hat lebhaftes Presseecho vor allem in der Boulevardpresse, hervorgerufen, wobei weniger der Tod des Königs als vielmehr seine Geburt den »Nachrichtenwert« bestimmte.
Die Ludwig II.-Forschung ist sich mit dem Verfasser darin einig, dass eine sorgfältig vorbereitete und weitverzweigte Kabale Ludwig II. um den Thron und – direkt oder indirekt – ums Leben brachte. Man setzte seiner Regierung für immer ein Ende, da die angebliche Schuldenlast der Schlossbauten das Hausvermögen der Familie und die Machtposition des Ministeriums Lutz bedrohte. Auch die Verärgerung über die Verweigerung von Repräsentationspflichten und dem Ansehen der Krone schädliche Gerüchte über die eigenwillige Lebensführung des Monarchen, wohl namentlich die Verdächtigung seiner Freundschaften aus der Schlüsselperspektive à la Eulenburg-Hertefeld führte Bismarck und andere Amtsträger zu der Überzeugung »dass der König nicht mehr zu halten sein«.
An dieser Stelle die Frage an den Verfasser des neuen Buches: War es unumgänglich, Eulenburgs sensationslüsterne Unverschämtheiten von den »besoffenen Lustbuben zu Pferde« erneut zu zitieren?
Die Äußerungen des Gesandtschaftssekretärs, der seine Informationen überwiegend aus zweiter und dritter Hand bezog, sind geprägt von Geltungssucht und Fabulierfreude, die an die Regenbogenpresse von heute erinnert – und diese Informationen werden von seriösen Historikern mit größter Vorsicht bewertet. Und bei Eulenburg handelt es sich um einen Zeitzeugen, der mit persönlichem Engagement Ludwigs Vernichtung betrieb!
Die Motive der Intrige – Angst um Geld und Macht, Anstoß an Ludwigs Lebens- und Amtsführung und Zweifel an seiner politischen Zuverlässigkeit gegenüber Frankreich reichten aus, um die Entmachtung des von Preußen nicht mehr geschützten Königs auf Lebenszeit zu bewerkstelligen.
Reiser nennt aber als ein weiteres Motiv illegitime Geburt. Für ihn ist erwiesen, dass Ludwig nicht der Sohn Maximilians ist. Und diese in seinem Buch nur am Rande erwähnte Annahme, in einer früheren Publikation umfangreicher ausgeführt, fand in der Presse unverdienten Widerhall. Dr. Reiser promovierte bei Professor für bayerische Geschichte, Karl Bosl, der im Jahre 1991 Gerüchte über eine illegitime Vaterschaft zunächst andeutete, sich jedoch von der Behauptung, sie beruhten auf Wahrheit, distanzierte. Prof. Bosl bezog sich möglicherweise auf Vermutungen seines einstigen Professors Alexander von Müller, dem Sohn jenes Kabinettssekretärs von Müller, der Mitglied der Staatskommission in Neuschwanstein war (Prof. Alexander von Müller war dem Hause Luitpold sehr verbunden - später wurde er reich belohnt). Übrigens: nach Oscar von Müller ist die Quelle vorgenannter Behauptung ein Stammtischgerede Ludwigs II.; und bei diesem Gerede wurde Freiherr von der Thann als natürlicher Vater benannt. Das gespannte Verhältnis der Luitpoldsöhne zu Ludwig, der diese Vettern »Meine Orleans« nannte, ist wohlbekannt, und seine Verdächtigungen bedürfen keines Kommentars.
Alle Vermutungen um die Zeugung der Königssöhne sind spekulativ – in Reisers Darstellungen geradezu grotesk.
Der »Urvater« jener Gerüchte, die Tambosi ins Spiel bringen, war anscheinend der Hofbaumeister Leo von Klenze, der Äußerungen König Maximilians zitierte, die durchaus nicht zwingend auf Tambosis Präsenz im königlichen Ehebett bezogen werden müssen und in dieser niederträchtigen Interpretation dem Klatsch der Münchner Boheme zuzuordnen sind.
Bekanntlich kann Alkoholgenuss Gedächtnislücken erzeugen – aber keineswegs bei allen Menschen vorhersehbar und planbar. Und im Mythos von Lot und seinen Töchtern (eben ein Mythos wie der von der Stellvertreterin Brangäne im Hochzeitsbett König Markes) handelt es sich um eine pikante Nacht – will man uns ernstlich Glauben machen, nicht nur beide Prinzen – im Abstand von 3 Jahren – sondern auch das zuvor Ungeborene seien »per Stellvertreter« gezeugt worden??
Diese Methode der Empfängnis wäre ungefähr so zuverlässig wie die Mordmethode in nicht durchdachten Krimis: die Erbtante wird von der Treppe gestoßen – was aber, wenn sie es überlebt und sich erinnert?
Hielt Herr von Klenze, der die Familie Tambosi verabscheute, bei diesen königlichen Nächten etwa das Licht?
Es erscheint ungeheuerlich, dass ein Sc hü1er Professor Bosis derartige Theorien verficht, ohne über seriöses Quellenmaterial zu verfügen: eindeutige Briefe, Tagebucheinträge oder sonstige Selbstzeugnisse Maximilians, Maries oder Tambosis über die Vorgänge, der 3 Personen, die es als einzige mit Bestimmtheit wissen konnten.
Was Reiser anbietet, ist nichts als eine geschmacklose Hypothese, deren Bildung auf Münchner Gerüchte zurückgeht!
Ob Ludwig II. von diesen Gerüchten Kenntnis hatte, ist äußerst ungewiss, hier müsste sorgfältige historische Forschung einsetzen. Zwar wären erregte Ausfälle gegen seine Eltern, die ihm die Zeitgenossen so sehr verargten, vor einem solchen Hintergrund menschlich nur zu verständlich, doch aus der Angabe des skandalfreudigen Eulenburg, er habe seiner Mutter diesbezügliche Vorwürfe gemacht, lässt sich keine Erkenntnis gewinnen. Die Differenzen des Königs mit seiner Mutter waren geistiger Natur – und Eulenburg, dem es ja um die Rechtfertigung der Entmündigung ging, vermengte wieder einmal Tatsachen mit dem König abträglichen Erfindungen des höfischen Gesellschaftsklatsches.
Dr. Max von Gietl, Leibarzt des Königs, laut Reiser Mitverschworener Maximilians und Tambosis, ist eine eigenartig widersprüchliche Erscheinung. Woher hatten Klenze und dessen Künstlerfreunde die »Tripper«-Diagnose? Viel eher hätte Dr. Gietl Syphilis vermutet, denn er beunruhigte später König Ludwig II. mit Andeutungen, Ottos Krankheit sei dem »Tugendleben« des Vaters anzulasten und gefährde auch ihn.
Was sollte den Arzt zu einer solchen Grausamkeit veranlassen, wenn keine Blutsverwandtschaft und folglich keine erbliche Belastung vorgelegen haben sollte? Ludwig soll mit Angst und Bitterkeit reagiert haben, woraus man schließen kann, dass er – zumindest zu dieser Zeit – an seiner ehelichen Geburt keinen Zweifel hegte. Jedenfalls war es um Gietls Kenntnis venerischer Krankheiten dürftig bestellt, wenn er und Kollegen annahmen, der 1916 verstorbene Prinz Otto werde ein halbes Jahr nach Ausbruch der Krankheit an syphilitischer Gehirnerweichung sterben! Wer in seiner Diagnostik beim Sohn so danebenliegt, kann auch beim Vater kein zuverlässiges Urteil abgeben!
Wie dem auch sei: gegen die ganze Vaterschaftshypothese Reisers und seiner Vorgänger sprechen außer Gietls Unfähigkeit nicht nur der herzliche, glückliche Brief Maximilians bei Ludwigs Geburt »... es ist doch ein prächtiges Gefühl, Vater zu sein ...«, sondern vor allem genetische Gemeinsamkeiten mit Ludwigs Großvater König Ludwig I. und den Kindern des Herzogs Max in Bayern.
In seinen Fehlern und Vorzügen erscheint Ludwig II. ganz und gar als ein Wittelsbacher, und seine Jugendbilder gleichen denen der Prinzessinnen Helene, Mathilde und Marie (unbekannteren Schwestern Sisis) auffallend in Gesichtsschnitt und Blick. Auch die Zahnprobleme Elisabeths und Ludwigs sind – wie seelische Wesenszüge – eindeutig ein Indiz für Blutsverwandtschaft.
So lässt sich nur sagen: es mag Gerüchte gegeben haben über die Söhne Maximilians, die vie1eicht zum Sturz König Ludwigs beigetragen haben könnten, aber man g1aubte lediglich, die Vaterschaft Maximilians sei zweifelhaft.
Hier nur einige ärgerniserregende Beispiele: »Ludwigs Regierung-Seifenkomödie« – »Er verkaufte sein Königreich Bayern an Bismarck« – »Ein König, der sein Land finanziell ruinierte« – »Kriminelle Praktiken der Mittelbeschaffung«.
Und alle alten Vorurteile feiern fröhliche Urständ.
Das ist einfacher, plakativer Journalismus, keine sorgfältig abwägende Geschichtsforschung!
Immerhin sei es anerkannt, dass der Verfasser abschließend versichert, er wolle den König als Menschen würdigen, seine Leistung anerkennen und seine Ehre nicht kränken durch den Nachweis illegitimer Geburt.
Dieser Nachweis fehlt bisher.
Sollte Dr. Reiser oder ein anderer ihn dennoch eines Tages erbringen können, was wir von der Ludwig-Forschung bezweifeln, so würde dies nichts ändern an Ostinis berühmten Vers:

»Kein Haupt, das eine Krone je gedrückt,
hat sie so königlich wie seins geschmückt ... «

denn kein anderer König hat so intensiv und drängend die Frage nach Sinn und Selbstverständnis des Königtums gestellt wie Ludwig II.
In diesem Sinne nannte Verlaine Ludwig II. den »einzigen König, würdig des Jahrhunderts Achtung«.
Und dies wird er bleiben, »von Tokio bis Chicago ... «:

»Roi, le seal vrai roi de ce ciecle ... «.

Nachwort
von
Peter Glowasz

Nach den Erkenntnissen der jahrzehntelangen Ludwig II.-Forschung wurde der König ermordet. Es ist ein Kriminalfall – seit nunmehr 116 Jahren ungelöst! Und dies ist auch seit vielen Jahren hinreichend bekannt.
In Büchern, Hörbüchern, Artikeln (auch im Internet) und Lesungen habe ich – mit Angabe von Indizienbeweisen und Beiträgen renommierter Kriminalisten und Wissenschaftler: Historiker, Gerichtsmediziner, Radiologen – ausführlich darüber berichtet. Ihre Erklärungen und Prüfberichte lassen keine Zweifel mehr daran, dass man die Bestätigung der wahren Todesursache (Mord durch Erschießen) mit Hilfe der modernen Methoden der Medizin, Radiologie, Werkstoffprüfung und Gesetzesexegese heutzutage – also 116 Jahre nach dem Tod – sofort erhalten könnte. –
Nun – die Schilderung der Tragödie vom Abend des 13. Juni 1886 von Reiser enthält lediglich Mutmaßungen und Anreicherungen von nicht verwendbaren Materialien, es ist eine nicht glaubhafte Mord-Version bzw. Eigenkonstruktion ä la Reiser. Es mangelt vor allem an den notwendigen Indizienbeweisen.
Kenner der Ludwig II.-Geschichte und Wissenschaftler können wohl keinesfalls von diesem Buch überzeugt werden; sie werden vielmehr sprachlos nach dem Lesen dieser Lektüre sein. Ganz schnell sollte man dieses Buch auch wieder weglegen; aus der Sicht der Ludwig II.-Forschung ist dieses Werk nicht zu empfehlen.
Mit weiteren Geschichten dieser Art müssen wir allerdings rechnen.

Copyright@ November 2002 by Peter Glowasz Verlag, Berlin

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