Wäre
König Ludwig II. von Bayern
heutzutage
glücklicher gewesen?
von
Peter Glowasz

In der heutigen liberalen und rauhen Zeit sind Menschen wie König Ludwig II. von Bayern absolut gefährdet.
Man bedenke dabei: Macht liegt immer in den Händen der Außengesteuerten, der Realpolitiker wie Lutztypen und Gefährten oder auch Bismarck, die ihre Herrschaft auf die Kooperation der Konformisten stützen, ob diese nun Eulenburg-Hertefeld oder von Ziegler heißen – oder namenlose Manager großer Konzerne sind.
Rentabilität ist hier das oberste Gebot!
Und der Romantiker wie Ludwig II. erscheint in dieser Welt als unverbesserlicher Träumer, weil die Innenwelt sein eigentlicher Lebensraum ist. Und so ist auch sein Interesse für die von Kapital und Tagespolitik bestimmte Außenwelt sehr gering.
Ludwig II. äußerte einmal: »Ich bin einfach anders gestimmt als die Mehrheit meiner Mitmenschen. Ich kann nicht teilnehmen an dem was sie Vergnügen nennen, denn es widert mich an und zerstört mein Wesen.«
Und eben diese Weigerung des Königs, das Vergnügen der Gesellschaft zu teilen, verzeiht diese am allerwenigsten, weil sie sich dadurch in Frage gestellt sieht.
Doch der Romantiker wie Ludwig II. hütet einen metaphysischen Schatz, den die Realisten nicht kennen und für überflüssig halten. Den Romantiker bedroht auch nie die Langeweile, die aber für die Außengesteuerten Herren des Marktes und des Staates zur großen tödlichen Gefahr werden kann, wenn die Pensionierung eintritt oder ein Amt oder ein Machtposten verlorengeht.
König Ludwig II. würde heute vor Fernsehkameras und vor Rundfunkmikrofonen flüchten – und er müßte seine Schlösser nach Wanzen absuchen lassen. Ja, und regieren würde der König per Handy und Computer, ohne unliebsame Ministerialbeamte persönlich empfangen zu müssen.
Sein geliebtes Theater hätte Ludwig II. sicherlich verloren, denn dessen ständige zeitgeistgerechte Innovationen, die hektische Änderungswut und permanente Umwertung aller Werte hätten ihm das genommen, was er durch Wieder-Holung zu bewahren suchte.
Die heutigen, teilweise geschmacklosen, stillosen Aufführungen in den Theatern und Opernhäuser würde Ludwig II. abschrecken. Auf den heutigen Bühnen regiert nur noch eigenmächtiges Umschreiben der Handlungen, wer stirbt, wer weiter lebt bestimmt der Regisseur! Die vom Geltungstrieb heimgesuchten Werke-Schänder, sprich: Regisseure, beherrschen derzeit unsere Bühnen; diese Schänder werden der Würde der Werke nicht gerecht. Und die Würde der Werke zu zerstören, wird immer mehr Mode...
Hier einige Beispiele neuester Werke-Schändungen:

Wotan – in Nadelstreifen
Isolde – kostümiert wie Frau Schmidt von nebenan
In Wagners Holländer – Senta schneidet dem Holländer die Kehle durch ...
Die Liste der Schändungs-Beispiele könnte fortgeschrieben werden.

Ludwig II., der große und wahre Theaterkönig, legte aber gerade großen Wert auf die Aufführung des unverfälschten Original-Werkes!
Nur noch ersatzweise könnte der König sich per TV, Audio, Video und DVD seine aufgezeichneten Separatvorstellungen ansehen, in denen man die Werke noch als das erkennt, was sie waren und bleiben sollten.
Per CD könnte der König auch den »Tannhäuser« in der Grotte und den »Karfreitagszauber« in der Klause hören – und mit dem iPod sogar in der Aue.
Zu den jährlich stattfindenden Bayreuther Festspielen, dem Ort des Gesehenwerdens, der ausgreifenden Garderobe und des Schmuckbehanges, würde Ludwig II. wohl bestimmt nicht erscheinen; er wäre ja auch ständig umgeben von Gaffern. Und an dieser Stelle sei noch erwähnt, daß der gesamte Gold- und Edelsteinbehang der Festspielbesucherinnen bei einer normalen Aufführung den Gegenwert eines Airbus 300, bei der Festspieleröffnung und Premieren dem eines Jumbo-Jet entspricht! Ja, und dem haben männliche Festspielbesucher außer Rolex-Uhren nur das Bundesverdienstkreuz entgegenzusetzen.

Warum hat der Romantiker König Ludwig II. derzeit keinen Platz in unserer Welt, keinen Platz in unserer Gesellschaft. Warum könnte er nicht glücklich werden?
Die heutige liberale Gesellschaft verfügt über andere Strukturen als die des 19. Jahrhunderts. Insofern ist heute ein völliges Abweichen von der Norm von damals festzustellen.
Wir haben es überwiegend mit zwei Extremen zu tun:
a) Die Menschen des 21. Jahrhunderts wollen ihre Individualität in jeder Form ausleben.
b) Gleichgeschlechtliche sind heute »in«, weil man durch sie einer interessanten Minderheit angehört.

Zu Ludwigs Zeiten – und sogar bis tief in das 20. Jahrhundert hinein – wurde die Abweichung von der Norm, also nicht nur im Denken, sondern vor allem auch im Empfinden und Bedürfen, gesellschaftlich geächtet.

Infolgedessen verschlossen die Menschen, so auch Ludwig, ihr wahres Selbst hinter der Maske der Anpassung.
Der König erlebte sich in starre Rollen gepreßt, während zugleich unerträgliche öffentliche Kontrolle darüber wachte, ob er den Erwartungen gerecht wurde – und die Neugier, genau wie heute noch, darauf lauerte, in der Intimsphäre menschlich Vertrautes – und am liebsten Versagen – zu entdecken.
Monarchen wurden ständig argwöhnisch und sensationslüstern beobachtet.
Der königliche Hof: das war die Großfamilie im weitesten Sinne, die ganze Sippe mit den vielen Tanten bzw. Verwandten und mit den vielen unverarbeiteten Kindheitsverletzungen.
Und die nächsten Verwandten waren meist die gefährlichsten.
Wer nicht zur Königssippe gehörte, mußte seine Hoffähigkeit durch besondere Verdienste, edle Abkunft und Beziehungen unter Beweis stellen.
Alle Beteiligten litten furchtbar unter der Etikette, die freie Gefühlsäußerungen unterdrückte und es den Königen unmöglich machte, echte und geheuschelte Ergebenheitsbezeugungen zu unterscheiden. Nur bei Künstlern kam es zu emotionaler Offenheit.
Rechnet man dazu noch verletzende Kritik durch Familie, Ministerialbeamte und Presse, natürlich stets in honigsüßer, verschnörkelter Kabinettssprache, so wird die Verweigerung des Romantikers Ludwig nachvollziehbar.
Und so sagte dann Ludwig II. einmal: »Jede Berührung mit der Welt verletzt mich...Gesellschaft ist mir entsetzlich und ich halte mich ihr fern...«
Entsetzlich wäre für Ludwig auch die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts. In Talkshows dürfen ja heute die gegensätzlichen Meinungen (oft in dümmlichster Weise) vertreten werden, ohne daß der, der sich outet Konsequenzen befürchten muß.
Und in anderen TV-Sendungen, wo Menschen freiwillig auf jegliche Intimsphäre verzichten und sich somit zu Schau-Objekten der Öffentlichkeit machen, einer Öffentlichkeit, die auf dem Bildschirm ihresgleichen sehen will und, anscheinend selbst ausgebrannt, nach authentischen Gefühlen und Leidenschaften anderer hungert.
Diese Menschen, von Geldgier und krankhaftem Geltungsbedürfnis getrieben, sind zu dieser Selbstdarstellung nur fähig, weil sie wissen, daß ihre Schwächen, sogar ihre blamable Unbildung, zumindest Halbbildung, sofort zum Güte- und Markenzeichen aller Gleichgesinnten wird.
Und die Unterhaltungsindustrie schickt ja immer schrillere Typen, die sich übrigens Künstler nennen, auf die TV-Bühne, und die schrägsten, unmöglichsten Vögel – Originalität um jeden Preis! – werden für das erregte Medieninteresse mit den dicksten Honoraren belohnt.

Und so leben wir heute in einer Gesellschaft, die zwar einerseits offener und toleranter ist als die der vergangenen Jahrhunderte, andererseits hat aber diese heutige Gesellschaft weitesgehend die wahren sittlichen Werte völlig verloren.
Und so würde König Ludwig II. von Bayern nicht in unsere Zeit passen – er wäre tief unglücklich!

Ludwig II., der Romantiker, der sich in der Vergangenheit zu Hause fühlt, wäre verloren in einer nur noch auf Zukunft hin orientierten Welt, die sich in ziellosem Erneuerungsrausch ständig selbst verstümmelt und alles ersetzbar macht.
Ludwig II., der König im Wunderreich der Nacht, der Poesie, der Träume, der unstillbaren Sehnsucht nach Sinn, nach Transzendenz, gehört nicht in die Welt des Tages. Er gehört nicht in unsere rauhe Welt!

Ja, und wenn sich der Allmachtswahn technischer und biologischer Omnipotenz als enttäuschend – und die totale Vermarktung des Lebens als destruktiv enthüllt haben, wird vielleicht eine n e u e G e n e r a t i o n ebenfalls wieder-holen, was war und unwandelbar bleiben sollte.
König Ludwig II. ist also unzeitgemäß wie eh und je – und darum unverwechselbar e r s e l b s t !
Ludwig II. wäre aus heutiger Sicht kein Erfolgsmensch. Einfacher Grund: er paßt nicht in diese machtbesessene Welt – er wäre sogar heute noch unglücklicher!


Mehr über König Ludwig II.
und seinen gewaltsamen Tod
in dem Buch von:

Peter Glowasz

»Herrlichkeit und Tragik eines Märchenkönigs

Die Wahrheit
über
König Ludwig II. von Bayern,
den letzten wirklichen Monarchen seines Jahrhunderts«


ISBN 925621-16-4 • 364 Seiten • über 52 Abbildungen • Euro 24,00
– Überall im deutschsprachigen Buch- und Medienhandel erhältlich –


Copyright@ September 2006 by Peter Glowasz Verlag, Berlin

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