NEUE SERIE

Auf den Spuren des Märchenkönigs
Gesammelte Materialien - Interviews

Erster Teil:
Die Wahrheit über Luchino Viscontis Film Ludwig II.:

Die bedeutsame 115. Schlußszene in dem Film
Mord an dem König
erhielt Drehverbot!
von Peter Glowasz

Für alle Filmfreunde und vor allem Ludwig II.-Interessierte wird dieser Beitrag sicherlich eine kleine Sensation sein: Visconti beabsichtigte nämlich ursprünglich, einen progressiven König darzustellen, der von seinen Freunden verraten, von seiner Familie nicht verstanden und von seinen Ministern hintergangen – und später dann ermordet wurde.
Luchino Visconti vertrat auch uneingeschränkt, so wie der Autor des Beitrages, die Mordthese. Und so wollte er in einer bedeutungsvollen 115. Schluß-Szene seines Films: Mord an dem Märchenkönig den schauderhaften Mord-Abend des 13. Juni 1886 wahrheitsgetreu darstellen bzw. rekonstruieren. Der Filmregisseur äußerte auch stets: »...ich bin davon überzeugt, daß Ludwig II. erschossen wurde ...!

Luchino Visconti

Zunächst aber einiges über die Person Visconti: Der in Mailand am 2. November 1906 geborene italienische Filmregisseur war neben Vittorio de Sica, Roberto Rossellini und Federico Fellini der bedeutendste und bekannteste Filmemacher des italienischen Nachkriegskinos.
Der aus altem Mailänder Adel stammende Conte Luchino Visconti di Modrone hatte einen Großteil seiner jungen Jahre damit verbracht, sich den schönen Künsten zu widmen und Pferde zu züchten. 1936 lernte er in Paris den Regisseur Jean Renoir kennen und wurde noch im selben Jahr dessen Regieassistent und Kostümbildner. Erst 1942 konnte der marxistischen Ideen anhängende Graf Visconti seine eigene Regiearbeit vorlegen. »Ossessione« war eine spannende Dreiecksgeschichte mit mörderischem Ausgang, entstanden nach einer amerikanischen Romanvorlage.
Gewisse Erfahrungen mit der Filmzensur bewegten den roten Grafen dazu, sich in den folgenden Jahren mit der Bühnen- und Opernregie zu befassen. Erst 1947 kehrte er wieder zum Kino zurück; es folgte dann eine Reihe von Filmen ... Im Jahre 1976 entstand Viscontis letzter Film: »L’Innocente« (Die Unschuld); dieser Film – wie auch seine vorangegangenen Filmwerke – tauchte erneut in die untergegangene Welt der Reichen und Schönen des ausgehenden 19. Jahrhunderts ein. Mit erheblichen Behinderungen (er inszenierte den Film im Rollstuhl) und bereits schon todkrank starb Visconti nur wenige Wochen nach Vollendung dieser Film-Inszenierung am 17. März 1976 in Rom.
Was viele Cineasten nicht wissen – und auch nicht wissen können: Um den 15. Film von Visconti: »Ludwig II.« (1972) gab es in den Folgejahren viel Wirbel und Ärger – und bei Publikum, Kritik und Historiker ist der Film heute noch heftig umstritten.
In der Pressekonferenz vom 14. April 1972 im Hotel »Vier Jahreszeiten« in München äußerte der schon während der Dreharbeiten schwer erkrankte Regisseur Luchino Visconti: »Ich sehe in Ludwig II. eine der interessantesten und bedeutendsten Persönlichkeiten der Geschichte...«.
Bedauerlicherweise mißlang dieser Film; und so muß aus historischer Sicht der Film als unzumutbar bewertet werden. König Ludwig II., die Kaiserin Elisabeth und andere Persönlichkeiten wurden stark verzeichnet, überlieferte Texte wurden verändert, gekürzt oder einfach weggelassen, einige geschichtliche Vorgänge wurden zunächst gedreht, dann aber wieder weggeschnitten.


Visconti gibt Regieanweisungen. Im Bild: Helmut Berger als Ludwig II.

Einziger, bedeutsamer Wahrheitsgehalt ist nur im Original-Drehbuch zu finden: nämlich die 115. Schlußszene. Doch diese Szene durfte nicht gedreht werden!

Am 22. März 1973, 20.30 Uhr, wurde der Film in einer gekürzten Fassung erstmalig im Gloria-Palast am Stachus in München vorgestellt. Obwohl schon nach der Bonner Uraufführung ärgerliche Sex-Szenen weggeschnitten wurden, erregte das Filmwerk weiterhin die Gemüter der Ludwig II.-Forscher und bayerischen Politiker; man protestierte gegen weitere Aufführungen. Der Film wurde dann auch durch Gerichtsentscheid aus dem Verleih genommen, nicht zuletzt auch deswegen, weil nach Viscontis Meinung auch unzählige Kürzungen das Gesamtwerk angeblich verstümmelt hätten. Visconti plante ja ursprünglich einen Film von 4 Stunden und 22 Minuten Länge (einschließlich seiner wichtigen 115. Schlußszene: Mord an dem König), tatsächlich gedreht wurden dann 3 Stunden und 9 Minuten, jedoch später zusammengeschnitten auf 2 Stunden und 23 Minuten.
Nun, wegen der vielen Proteste verschwand der Film zunächst für einige Jahre in der Versenkung.

Bei einem Kino-Neustart in einer dreistündigen Version im Jahre 1979 glaubte man, endlich das vollständige Original beisammenzuhaben. Doch erst weitere Recherchen und eine von Viscontis Schnittmeister und seiner jahrzehntelangen Drehbuch-Mitarbeiterin in Angriff genommene, vom italienischen Fernsehen RAI finanzierte Neumontage führte zu einer Neuherstellung des Films – und zwar in einer Fassung, die man gemäß Original-Drehbuch jedoch nicht als vollständig bezeichnen muß.
Diese neuerstellte, leider nur zusammengeflickte und groß angekündigte Fassung, auf 4 Stunden angelegte Version, wurde 1980 beim Filmfestival in Venedig aufgeführt. Das Zweite Deutsche Fernsehen ZDF zeigte dann diese Neukonstruktion in Deutscher Erstaufführung an den Osterfeiertagen 11. April (1. Teil) und 12. April (2. Teil) des Jahres 1993. Als deutscher Ton wurde die seinerzeit für die Kino-Kurzfassung hergestellte Synchronisation herangezogen; die zusätzlichen Passagen wurden neu synchronisiert.


Romy Schneider als Kaiserin Elisabeth; diese Rolle ist vollkommen verzeichnet.
Helmut Berger konnte im Gegensatz zu O.W. Fischer keinesfalls überzeugen; er
wurde in keiner Szene der Persönlichkeit des Königs gerecht.

Nun, der Öffentlichkeit blieb jedoch bis heute verborgen, daß die von Visconti in der englischen als auch deutschen Drehbuchfassung festgelegten bedeutsamen Schluß-Szene (115. Szene: Mord an dem Märchenkönig, Original-Drehbuchblätter 198, 199) nie gedreht wurde; Visconti durfte diese Szene nicht drehen!


Luchino Visconti während der Dreharbeiten

Diese Schluß-Szene spielt in einem Zimmer in Schloß Berg am Starnberger See (in diesem Schloß wurde Ludwig II. rechtswidrig als »Geisteskranker« gefangengehalten).

Drehbuch-Text:
»SZENE 115
ZIMMER AUF SCHLOSS BERG – (Innen, Tag)
ELISABETHS STIMME NOCH IM RÜCKECHO:
›MÖRDER! VERRÄTER! MÖRDER!‹
Das Bild ist fast dunkel, durch ein schwarzes Kleidungsstück
verdeckt, in dem, wie ein winziger Stern, ein kleines Loch bleibt
«.

In der Szene wird zunächst der optische Eindruck eines leuchtenden Sternes vermittelt. Der augenscheinliche, sich dann immer weiter entfernende Stern läßt aber im gezeigten Bild etwas ganz anderes erkennen als einen Stern – und zwar ein Himmelslicht, das durch ein Loch in einem dunklen Mantel hindurchscheint. Der schwere Mantel wird von zwei rechts und links stehenden Kammerdienern gehalten.

Drehbuch-Text:
»Das Kleidungsstück wird hingelegt und wir erkennen, daß es
der Übermantel des Königs ist, den ein alter Diener gegen das
Licht gehalten hat. Mit Hilfe zweier anderer Diener versucht
er einige Dinge herauszufinden.
ALTER DIENER:
›Wer nahm die Weste, die Jacke, und das Hemd, das der König
trug – – zusammen mit dem Übermantel – – auf seinem letzten
Spaziergang durch den Park?‹
Einer der jüngeren Lakaien erschrickt.
JUNGER DIENER:
›Ich weiß es nicht. Ich war nicht da. Sie erzählten mir, daß
sie alle Sachen mitgenommen haben. Nach München, nehme
ich an.‹
ALTER DIENER:
›O, ja. Aber sie haben vergessen, den Übermantel loszuwerden.
Sie haben einen Fehler gemacht.‹
Der Diener hebt den Mantel erneut hoch.
JUNGER DIENER (im Off):
›Wer?‹
ALTER DIENER:
›Diejenigen, die den König ermordet haben. Sie haben ihm ins
Herz geschossen. Ich kann nur einen Schuß finden. Der Körper
des Königs war nicht lange genug im Wasser, so daß das Wasser
die Verbrennung nicht verwischt hat. Nur ein Schuß‹.
STIMME DES JUNGEN DIENERS (im Off):
›Wer hat ihn getötet? Professor Gudden?‹
Das dunkle Kleidungsstück wird langsam hochgehoben, bis
es wieder das ganze Bild füllt. (Anm.: Das Schußloch im
Mantel ist somit klar erkennbar).
STIMME DES ALTEN DIENERS (im Off):
›Der Arzt? Nein. Nicht er, armer Mann. Vielleicht ist der
König ins Wasser gegangen um sich selbst umzubringen ...
und vielleicht ist ihm der Arzt gefolgt um ihn zu retten ...
Das sagen sie zumindest ... oder vielleicht haben sie den
Arzt ins Wasser gestossen, nachdem sie den toten Körper
des Königs in den See geworfen hatten. Eines ist sicher:
Der König wurde durch die Kugel getötet. Wir werden nie
erfahren, was genau passiert ist. Es gab nur einen Zeugen –
den Mörder. Und du kannst sicher sein, daß er sein Geheimnis
mit ins Grab nimmt.
Nur dieses kleine Loch kann ihn anklagen ... es erlaubt dem
Licht der Wahrheit, die Dunkelheit zu durchdringen.‹

ENDE

Mit diesen Worten endet dann auch das im Jahre 1972 verfaßte Visconti-Drehbuch in deutscher Fassung, welches ursprünglich nur den Titel »LUDWIG« trug.

Und hier die Original-Drehbuchblätter – Seiten 198 und 199
zum Film
»LUDWIG«
von Luchino Visconti:

  


Der todkranke Luchino Visconti im Jahre 1976

Vorankündigung

In Kürze erscheint der 2. Teil dieser Serie:

»Ludwig II. war nicht mehr und nicht weniger ›geisteskrank‹
als wir es heute alle sind ...«
(Kurt Hommel)

Professor Dr. Kurt Hommel
Theaterwissenschaftler • Buchautor • Ludwig II.-Forscher

– Die Berliner Gespräche –

Erinnerungen
von
Peter Glowasz


König Ludwig II. auch in der neuesten Buch-Dokumentation

»Herrlichkeit und Tragik eines Märchenkönigs«

… und als Hörbücher in 3 Teilen mit dem gleichnamigen Titel

Peter Glowasz Verlag, Kahlstrasse 29, 10713 Berlin
Telefon • Telefax: 030 - 824 27 80
E-Mail: peter_glowasz_verlag@yahoo.de

Copyright@ April 2004 by Peter Glowasz Verlag, Berlin

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