Es ist 7 Uhr früh im Spätsommer 2004 – eine Lufthansa startet in Berlin-Tegel; sie wird in gut 60 Minuten
München erreichen. – Pünktliche Landung bei strahlendem Sonnenschein.
Schon am Flughafen spürt man: diese Stadt hat tatsächlich Herz. Ein beherzter Münchener hilft mir dann auch
sogleich ein Teil meines Gepäcks zu tragen. Ein waschechter Münchener Taxifahrer kommt uns auch schon entgegen
und hilft auf gleiche Weise.
Nun, mein Ziel ist zunächst der Marienplatz, inmitten des Altstadtzaubers, zwischen Hauptbahnhof, Karlstor und
Odeonsplatz. Hier am Neuen Rathaus, dem Treffpunkt für Einheimische und Globetrotter, Biedermänner und
Lebenskünstler, stille Genießer und lauthals argumentierende Weltverbesserer, lasse ich mir viel Zeit zum
Frühstücken. Und hier, am Nabel Bayerns, versäume ich auch nicht die große Schau, nämlich das weltberühmte
Glockenspiel, eine Art mechanischen Puppentheaters. Am 20. September 1908 – also vor etwa 96 Jahren – ertönte
hier der erste Glockenschlag vom Turm des neugotischen Neuen Rathauses. Es ist 10 Uhr. Der Welt größtes
elektrisches Spiel erklingt, und zwar mit 43 verborgenen Glocken, von denen die kleinste zehn und die
größte 1.300 Kilogramm wiegt. Sechs Walzen mit je vier Melodien, darunter die Loreley-Weise »
Muß i denn
zum Städtele hinaus« werden nun hintereinander durch Knopfdruck in Gang gesetzt. Zwei Ritter erscheinen
hoch oben in der Turmöffnung, richten ihre Lanzen, stürmen gegeneinander.
Inzwischen ist der Marienplatz voller Menschen, sie staunen, deuten hinauf, zücken ihre Kameras. Ich tue dies
ebenfalls.
Die große Schau am Neuen Rathaus ist natürlich nur eine der zahlreichen Attraktionen von München, einer
wahrhaftigen Weltstadt mit Herz, wie ich immer wieder bei meinen Besuchen feststellen muß.
Nach dem elfminütigen Glockenspiel: wieder jugendliche Akteure, die singen, spielen, spaßen, malen – und dann
werden sie immer wieder beklatscht von der bunten Urlauberschar, die sich hier täglich auf dem Platz trifft und
mit Vergnügen das muntere Treiben genießt.
Eugen Roth, der echte Münchener, dichtete treffend: »
Vom Ernst des Lebens halb verschont ist der schon, der in
München wohnt.«
Und ich setze hinzu: Und sei es auch nur für ein paar Tage – als Gast oder Tourist.
Nach einer ausgedehnten Frühstückspause geht es nun an die Arbeit. Meine Aufgabe besteht heute darin,
Straßeninterviews durchzuführen. Ich möchte den Leuten vor allem die Frage stellen, ob sie über König
Ludwig II. von Bayern schon mal etwas gehört oder gelesen haben.
Mit Tonbandgerät, Mikro und Kamera geht es nun in die Neuhauser Straße, ganz in die Nähe der St.
Michaelskirche. Ich beginne meine Arbeit...
Weit über 3 Stunden dauerte diese anstrengende Befragungsaktion. Fast völlig erschöpft suche ich mir ein ruhiges
Plätzchen in einem nahegelegenen Café, um auch die Bänder per Kopfhörer abhören zu können. Entsetzt hörte ich noch
einmal das Aufgenommene. Hier nur einige Auszüge:
»
Das ist doch der König, der nicht ganz normal war...« / »er hatte immer das Bedürfnis, sich darzustellen...« / »er
war irgendwie ein bißchen schizophren...« / »er hat Selbstmord begangen...« / »das Geld hat er mit Bauen und
Weiber verpraßt...« / »der war doch überdreht. Das habe ich doch gelesen...« / »der war ein Spinner, ein
Traumtänzer, unfähig zu leben, unfähig zu regieren...« / »man weiß doch, daß er geistig umnachtet war...« / »ja,
ich habe sehr viel darüber gelesen: er ist in den Starnberger See gegangen, weil er schwachsinnig war - das haben
wir doch schon in der Schule gehört...« / »der König war zurückentwickelt in seinem ganzen Denken und Handeln
und hat sich auch deswegen den vielen Prunk geschaffen...« / »er war sehr einsam, der wohnte in einem
Waldschlößchen, und gestorben ist er an der Schwindsucht...« / »Ludwig hat viele Frauen geliebt, war lebenslustig
und hat sich dann auch totgeliebt, das weiß man doch...« / »wie der ums Leben gekommen ist, weiß niemand...« /
»Ludwig hat sich ertränkt...« / »die haben ihn krank gemacht, er wurde in den See gestoßen...« / »als Münchener
kenne ich nur Franz Beckenbauer und Paul Breitner...« / »ich kenn’ den nur von den Filmen her, der war doch auch
Schauspieler...« / »der war ein Irrer...« / »Ludwig ist gescheitert an der Ehe und ist dann ›baden‹ gegangen, der
Bruder kam in die Klappsmühle...« / »Ludwig hatte doch Krebs und wählte den Freitod...« / »ein Opfer der
Sabotage...« / »die Schlösser sind Produkte eines Geisteskranken...« / »der Königstod war nicht stubenrein,
ein getriebener Tod...« / »ich weiß, daß er homosexuell und so war und sich mit Männern herumtrieb...« / »er
war künstlerisch sehr sensibel, er war viel zu lieb...« / »die Schlösser sind schön und alt, der König wurde
erdolcht...« / »wenn die Regierungsoberhäupter hübsche Schlösser bauen, ist das besser, als wenn sie Raketen
bauen...« / »Ludwig hatte ein ästhetisches Gefühl, lieber so eine Kultur als Rüstungswahnsinn...« / »der hat
doch ein sehr illustres Leben geführt, ich befasse mich aber nur noch mit den neuen Patriarchen...« / »Ludwig
war geisteskrank, er war ein Mörder und Selbstmörder; dies habe ich in dem Buch von Wilhelm Wöbking gelesen...« /
»wir haben doch mehr davon, jetzt Schlösser ansehen zu können, als nur zu lesen, was für Kriege er geführt
hat...« / »wenn ich Geld hätte, würde ich mir auch dieses ausschweifende Leben leisten...« / »Ludwig war der
erste Hippie dieses Landes. Er baute so schöne Schlösser, daß sie sogar Walt Disney als Vorbild nahm, als er
für Disney World den Inbegriff eines Traumschlosses brauchte...« / »welches Land hatte schon einen König, der
nachts durch die Berglandschaften fuhr, Schlösser baute wie wild, sich nur mit Männern abgab und
dann als Bekloppter Selbstmord beging...« / »ich bin der Meinung, daß wir nur noch Zeit haben, die
geistig-gefährlichen Toten zu bearbeiten...« / »in den Schlössern gehen die Leute spazieren, und sie finden
es lustig, den bizarren Blödsinn zu begucken...« / »ach, wissen Sie, geisteskrank, wenn man so will, ist
diese Gesellschaft doch ganz, da war er mit seinem Volk einig; Kriege hätte er vielleicht sogar noch eher
verhindert als die, die jetzt noch leben...« / »den hat man als geisteskrank erklärt, weil er einige Dinge
aufgedeckt hat...«
Allein nur diese (hier gekürzten) Straßeninterviews in München beweisen: Die Legende vom Selbstmord und von
der Geisteskrankheit Ludwigs II. ist bedauerlicherweise noch immer weit verbreitet bzw. spukt noch in den
Köpfen der Menschen; diesem ärgerlichen Phänomen muß in Zukunft verstärkt und energisch entgegengetreten werden.
Als Ursache dieses erschreckenden Kenntnisstandes der Bürger ist die hundertachtzehnjahrelange Verbreitung
der regierungsamtlichen Verlautbarung von 1886 zum Tod des Königs zu benennen; offiziell ist diese Version
sogar noch heute gültig!, obwohl diese Verlautbarung schon längst auf den Trümmerhaufen der Geschichte zu
gehören hat.
Und ebenfalls erschreckend: In der fast gesamten Ludwig II.-Literatur, in Zeitungen und Zeitschriften,
in Filmen, in Fernseh- und Rundfunksendungen, in Vorträgen, Lesungen und Theateraufführungen usw. wurde
und wird heute noch diese »Olle Kamellen«-Version übernommen – und von den unverbesserlich Gestrigen
selbstverständlich befürwortet! Insofern ist eine verstärkte Aufklärung – vor allem auch Aufklärung der
Todesursache des Königs – im In- und Ausland dringend geboten; die König Ludwig II.-Forschung sieht darin
ihre wichtigste Aufgabe.
An dieser Stelle ist ein sehr erfreuliches und interessantes Interview mit dem neuen künstlerischen Leiter
und Dramaturg des Festspielhauses Neuschwanstein, Herrn Dr. Klaus Naseband, zu erwähnen, das die Allgäuer
Zeitung am 24. September 2004 veröffentlichte. Dr. Naseband: »Klare Sache: Das war Mord am König.« Der
Selbstmordtheorie kann Dr. Naseband nicht viel abgewinnen, ebenso wenig glaubt er daran, der bayerische
König sei durch einen tragischen Zufall im Starnberger See ums Leben gekommen.
Der 58jährige Dramaturg und künstlerische Leiter wälzte Tage und Wochen kiloweise Ludwig-Bücher und
vieles mehr; auch mein Buch »Herrlichkeit und Tragik eines Märchenkönigs« hat er persönlich gleich
dreifach angefordert.
Das neue Ludwig II.-Stück ist nun bereits geschrieben; es ist ein Polit-Thriller, wie Dr. Naseband sagt,
der die Leute vor allem unterhalten soll. Ludwig II. soll im guten Licht erscheinen, kein durchgeknallter
König, kein homosexueller, der in rauchgeschwängerter Luft den Draht zur Wirklichkeit verliert. Dr.
Naseband: »Man muß in einem Theaterstück ja nicht alles erzählen, was man weiß. Aber man sollte als
Dramaturg die dunklen Seiten seines Themas kennen, damit man die Story auch hell erzählen kann.«
Dem Festspielhaus Neuschwanstein wünsche ich einen großen Welterfolg mit der endlich a u f k l ä r e n d e n
und w a h r e n Geschichte über König Ludwig II. von Bayern (Welt-Premiere: 11. März 2005).
Nun zurück zu meinem Kurzaufenthalt in München. Die Befragungsaktion ist bereits abgeschlossen – und
so werde ich danach die St. Michaelskirche in der Neuhauser Straße besuchen, natürlich auch die
Fürstengruft. Darüber erzähle ich im nächsten Teil dieser Serie.