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„Brutschmarotzer, Braunbär Bruno, sächsische Ofenkacheln und Überreste der Königshütte –
eine (fast) perfekte Idylle“
(Grammersberg – 21. April 2007)
von Ivonne Ebersbach
Die eigentümlich milden, beinahe sommerlichen, Temperaturen im April diesen Jahres, gepaart mit unserem in jenen Tagen
durchschnittlich elf Stunden pro Tag strahlenden Zentralgestirn, der Sonne, eigneten sich am Samstag ausgezeichnet
für eine der ersten Bergwanderungen zu einem von Ludwig II. gern aufgesuchten Berggipfel. Von Hohenschwangau aus
fuhren wir – Alexandra S., Nicole F. und meine Wenigkeit, Ivonne E. – zu einem verhältsnismäßig späten Zeitpunkt los;
gewöhnlicherweise nutzen wir die frühen Morgenstunden, um dem Trubel der in die Berge strömenden Wanderfreudigen
zu entgehen. Am Grammersberg, unserem auserkorenen Ziel, konnten wir jedoch sicher sein, nur einigen wenigen
Wanderern, wenn überhaupt, zu begegnen.
Zwischen Vorderriß an der Isar und Fall am Sylvensteinstausee, der erst im Jahre 1959 aufgestaut wurde, liegt
der unscheinbare Grammersberg, der womöglich ob seiner Lage – fern jeglicher Städte – und der Tatsache, dass
keinerlei Möglichkeit einer Bewirtschaftung vorhanden ist, nicht sehr reizvoll zu sein scheint. Für jenen
Bergfreund jedoch, der noch die Stille und Abgeschiedenheit in den heilsamen Bergen sucht, ist dieser Berg,
der letztes Jahr zu den Lieblingsaufenthalten des abgeschossenen Braunbären Bruno gehörte, ein wahres und leider
selten gewordenes Idyll. Die in den, unweit des Grammersberges gelegenen, ehemals königlichen Forsthäusern in
Vorderriß stationierten Bärenfänger aus Finnland – ich stieß am 21. Juni 2006 nach meiner Wanderung auf den
Herzogstand zufällig auf den vor der Presse geheim gehaltenen Aufenthaltsort, der leicht an der vor den Häusern
abgestellten Bärenfalle, den Fahrzeugen des WWF als auch den angebundenen Huskeys zu erkennen war – konnten den
Bär, der auf Königs Spuren unterwegs zu sein schien (Häselgehr, Pflach, Graswang, Fügen, Klais, Achensee, Ehrwald,
Hinterriß, Sylvensteinspeichersee, Kochel), eigenartigerweise nicht fangen; wenige Tage später wurde er von einer
bis heute nicht namentlich bekannten Person erschossen. Aufkommende Vertuschungsgedanken sind hier nur mehr als
verständlich...
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Blick über den Stausee zum Grammersberg
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Vorderrißhäuser
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Bärenfalle (rechts im Bild) in Vorderriß
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Braunbär Bruno (Foto:ddp)
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Über Reutte in Tirol und Garmisch-Partenkirchen fahrend führte uns ab Wallgau die gebührenpflichtige Mautstraße
(3,- € Wegezoll) nach Vorderriß, wo Ludwig II. ehemals gern Aufenthalt nahm. Nun waren es auf der Straße gen
Achensee nur noch wenige Kilometer zu den rechts und links der Straße gelegenen Wanderparkplätzen, von welchen
aus wir um 10 Uhr unsere Wanderung starteten. An der mit „Grammersberg, Tölzer Hütte“ beschrifteten
Beschilderung vorbei führte der Weg rechts der Straße bereits nach wenigen Metern in einer beachtlichen Steigung die ersten
40 Minuten stetig bergauf. Vor vier Jahren noch war der Weg als solcher beileibe nicht zu erkennen, da die
gewaltige Kraft des Wassers gewütet hatte und einen Teil des Weges samt vorhandener Brücken hinfortspülte.
Dank tüchtiger Menschen, welche für die Wegeinstandsetzung verantwortlich sind, waren wir nun in der glücklichen
Lage, den Weg begehen und an einer kleinen Lichtung (Wies-Alm in 1050 m Höhe) dem Wegweiser und rotem Punkt
folgend nach rechts abbiegen zu können. Ab hier begann sich ein Waldpfad – der einstige Reitweg – in
gemächlichen Windungen stetig weiter nach oben zu ziehen und eröffnete uns in den wenigen sonnigen Abschnitten
die herrlichste Sicht zum Karwendelgebirge und dem markanten Schafreuter (2102 m). Ähnlich wie auf dem Weg zum Hochkopf waren auch hier noch Überreste
des damaligen Prügelweges mit den quer über den einst viel breiteren Weg gelegten Holzbohlen zu bestaunen –
größtenteils jedoch schlummern diese an die Königszeit erinnernden Stücke, die eine problemlose Begehung bzw.
das Befahren ermöglichten, unter dem längst darübergewachsenen Gras, welches widerum verhindert, dass die Bohlen
nicht ins Tal gespült werden, wie dies leider im Herbst 2006 am Hochkopf der tragische Fall war und dabei
ein Großteil des unteren Wegstückes zerstört wurde.
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steil ansteigende Forststraße
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Wegweiser an der Wiesalm
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Alexandra und Nicole auf dem Waldpfad
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Überreste des Prügelweges (Holzbohlen)
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Nach zwei Stunden gemütlichen Wanderns erreichten wir in etwa 1500 m Höhe ein großes Plateau, auf welchem zwei alte,
aber noch erhaltene Hütten stehen und eine wohl vor Jahrzehnten eingefallene und zum Großteil vermoderte Hütte,
die einen vom sächsischen Ofenfabrikant Ernst Teichert (Ernst Teichert Ofen- und Porzellanfabrik GmbH Meissen)
stammenden Kachelofen beinhaltet haben muss, wie unser vor zwei Jahren gemachter Fund von einigen gut erhaltenen
dunkelgrünen Ofenkacheln mit dem Stempel „IIIXX – Siedelungsware E.T. Meissen“ vermuten lässt. Vor der großen
Forsthütte boten sich zwei Holzbänke wunderbar an, um eine Stärkung zu uns zu nehmen - danach begaben wir uns
gemeinsam auf die Suche nach den Überresten der einstigen Königshütte, die links des Wanderweges ihren Standort
haben mußte, wie auf dem Gemälde von Friedrich Wilhelm Pfeiffer, Maler der Pferde König Ludwigs II., und
einer Fotomontage von Dietmar S., der als einer von sehr wenigen Königstreuen am Grammersberg weilte, zu
erkennen ist.
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Grammersberg-Alm mit Berg-Panorama
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eingefallene Hütte auf dem Plateau
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Ofenkachel (Fundort: vermoderte Hütte)
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Ofenkachel (Rückseite) von E.T.Meissen
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Vom Plateau aus erreichten wir in weniger als fünf Minuten dem Weg weiter folgend nach zwei
Windungen ein weiteres kleineres Plateau, auf welchem man klar und einigermaßen gut erhalten das
Fundament und den Grundriß der von Max II. in L-Form erbauten Jagdhütte erkennen konnte. Wie schon bei
den originalen Standorten der Hundinghütte als auch des Marokkanischen Hauses im Ammerwald haben sich
einige Pflanzen, respektive heranwachsende Nadelbäume, sich das noch vorhandene Fundament als Standort
auserkoren, was denselben scheinbar sehr zum Wachstum gereicht, den Rest des Mauerwerkes jedoch völlig zerstören
wird, wenn die Wurzeln sich zusehends ausdehnen und sich die einst zusammengefügten Steine voneinander lösen.
Nach eingehender Betrachtung der vorhandenen Überreste und der fotografischen Aufnahme aller Einzelheiten
wurde es allmählich Zeit sich von jenem idyllischen Ort, an welchem man noch die ungestörten Rufe des
Kuckucks vernehmen konnte, der unentdeckt fortwährend und unermüdlich seinen Reviergesang vortrug, als
wolle er uns damit etwas erzählen, zu trennen und den Weg ins Tal anzutreten.
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Grammersberg - Gemälde von F.W.Pfeiffer
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Fotomontage von Dietmar S.
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noch erhalten gebliebene Mauerwerkreste
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Standort der einstigen Hütte (vergl. li. oben)
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Ein letzter Blick noch vom Plateau hinunter zur Isar, dem aufgestauten türkisfarbenen Sylvensteinsee
und hinüber zu den Bergen des Karwendel, dann schulterten wir unsere Rucksäcke und marschierten, allerdings
nicht im Gleichschritt, wohl aber noch die Rufe des Brutschmarotzers im Ohr klingend, zurück ins Tal. Nach einer
guten Dreiviertelstunde, fast an unserem Ausgangspunkt angelangt,
wurde unsere Aufmerksamkeit erneut auf den herrlich schimmernden See, der anfangs noch zaghaft zwischen
den zahlreichen Bäumen durchblinzelte, gelenkt, der jedoch mit jedem Schritt, den wir uns dem Tale näherten, besser und in
seiner ganzen Herrlichkeit zu erkennen war. Dieser Herrlichkeit jedoch war der in unseren Ohren zunehmend
lauter werdende Geräuschpegel der besonders an schönen Wochenenden frequentierten Straße ganz und gar nicht
zuträglich – wie ruhig und abgeschieden muss es noch vor 130 Jahren gewesen sein, als man keine Automobile
kannte und nur hin und wieder ein Pferdefuhrwerk oder dergleichen vorüberfuhr, dessen Geräusche sich jedoch
in die Natur einfügten. Doch wo wären wir heute ohne den technischen und vor allem motorisierten Fortschritt?!
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Rückweg ins Tal
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Forststraße auf dem Rückweg
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Blick vom Weg zum Sylvensteinstausee
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1959 aufgestauter Sylvensteinsee
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Nachdem wir unseren „motorisierten Fortschritt“ am Parkplatz nach einer Stunde erreicht hatten, traten wir
die Rückfahrt an, die uns durch den in seinem Kern malerischen Ort Krün führte. Mir war seit längerem bekannt,
dass sich die Grabstätte der Gräfin Caroline von Holnstein, Tochter des kgl. Oberststallmeisters Maximilian
Graf von Holnstein, an der Rückseite der kleinen Kirche am Soiernweg befindet, und so statteten wir ihr
und ihrem ebenfalls dort bestatteten Gemahl, Otto Freiherr v. Ritter zu Gruenstein, einen kurzen Besuch
ab. Die Holnstein-Tochter, die bereits im Alter von 45 Jahren verstarb, weilte gern auf der Fischbachalm, die man von Krün in etwa eineinhalb Stunden zu
Fuß gehend erreichen kann und welche sich am Weg zum in 1610 m Höhe gelegenen ehemals kgl. Haus am Soiern
befindet.
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Grabstätte der Grafin Caroline von Holnstein
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Grabstätte der Freih. v. Ritter zu Gruenstein
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Max II., Ludwigs Vater, hat stets die herrlichsten Orte für den Bau seiner Jagdhütten gewählt,
obgleich gewiß der Gedanke an eine erfolgreiche Jagd im Vordergrund gestanden haben muss – er konnte sicherlich
nicht ahnen, dass sein erstgeborener Sohn Ludwig diese Hütten als willkommenen Rückzugsort nutzen würde, um der
doch sehr zuwideren Stadt und dem zunehmenden Treiben zu entfliehen. In einem Brief an seine Erzieherin, Sybille
Meilhaus, schrieb Ludwig II. im Jahre 1868 folgenden aussagekräftigen Satz: „... nichts ist stärkender für Geist
und Körper als viel in Gottes freier Natur sich zu bewegen; dort oben auf freier Bergeshöhe ist die Seele dem
Schöpfer näher, schöner und erhabener ist es da als im Qualm der Städte, wo die wahren Freuden ihren Sitz
wahrlich nicht haben...“ Diesen Worten ist wahrlich nichts mehr hinzuzufügen!
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Bekannte Aufenthaltsdaten Ludwigs II. auf dem Grammersberg:
3. bis 8. Juli 1865 Hochkopf – Grammersberg
7. bis 10. August 1867 Sojern (u. Grammersberg?)
18. bis 24. August 1868 Sojern – Vorderriß – (u. Grammersberg?)
24.? Mai 1869 Grammersberg?
8. bis 11. Juli 1869 Grammersberg – Sojern
5. bis 10. Juni 1870 Hochkopf – Grammersberg – Vorderriß
25. bis 26. Juli 1871 Grammersberg
26. bis 28. Juli 1872 Grammersberg
20. bis 21. Juni 1873 Grammersberg
21. bis 26. Juni 1874 Pürschling – Vorderriß – (Grammersberg?)
27. Juni bis 5. Juli 1875 Herzogstand – Sojern – Vorderriß – Grammersberg
24. Juni bis 2. Juli 1876 Herzogstand – Sojern – Vorderriß – (Grammersberg?)
10. bis 17. Juni 1877 Herzogstand? – Sojern? – Vorderriß – Grammersberg?
23. Juni bis 4. Juli 1878 Herzogstand – Sojern – Grammersberg
22. bis 29. Juni 1879 Herzogstand – Sojern – Grammersberg?
22. bis 30. Juni 1880 Herzogstand – Sojern – Grammersberg
5. bis 11. September 1881 Herzogstand – Sojern – Vorderriß – Gra.-berg
17. bis 19. Juli 1882 Grammersberg
17. bis 19. Juli 1883 Grammersberg
18.? bis 20. Juli 1884 Grammersberg
18.? bis 20. Juli 1885 Grammersberg
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Quellen:
„König Ludwig II. – Wirklichkeit und Rätsel“
von Rall/Petzet/Merta 2001
„König Ludwig II. in der Bergeseinsamkeit von Bayern & Tirol“
von Mario Praxmarer/Peter Adam, Adam-Verlag, Garmisch-Partenkirchen 2002
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Copyright@ Mai 2007 by Ivonne Ebersbach, Starnberg
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