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„Ludwig21 – Der bayerische König im 21. Jahrhundert“
(Ein Bericht über die Podiumsdiskussion
in Füssen am 27. August 2006)
von Ivonne Ebersbach
Ludwig 21 – Der bayerische König im 21. Jahrhundert: um über diese Thematik zu diskutieren, hatten sich am
Sonntag, den 27. August 2006, einige Ludwigkenner, Autoren und Historiker in Füssen eingefunden. Um 11 Uhr
begrüßte Herr Zierold, Geschäftsführer des Festspielhauses Neuschwanstein, im Panoramasaal die anwesenden
Teilnehmer der Podiumsdiskussion als auch die zahlreich erschienenen Zuhörer und gab das Wort an den
Diskussionsleiter, Herrn Prof. Dr. Hans-Michael Körner, ab, der in seiner charmanten Art die anderen
fünf Teilnehmer, die jeweils zu seiner linken und rechten Seite Platz genommen hatten, um eine kurze
Selbstvorstellung bat, die u.a. Auskunft über ihre persönliche Verbindung zu Ludwig II. geben sollte.
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Die Teilnehmer im Einzelnen – ein Spektrum von der Rationalität bis zur Verfallenheit – waren:
Herr Prof. Dr. Hans-Michael Körner (Diskussionsleitung):
seit 1995 Inhaber des Lehrstuhls für Didaktik der Geschichte an der Ludwig-Maximilian-Universität in München,
Autor zahlreicher Publikationen
Frau Gisela Haasen:
Supervisorin und Coach, veröffentlichte zwei Bücher über Ludwig II. und analysierte die Handschrift des Königs
Frau Dr. Katharina Weigand:
tätig an der Universität in München, studierte Geschichte und Germanistik, Spezialgebiet: bayerische Geschichte
des 19. Jahrhunderts
Herr Jean Louis Schlim:
Autor mehrerer Ludwig-Bücher und Archivar beim TÜV-Süd, geboren in Luxemburg, seit über 30 Jahren in Bayern
wohnhaft
Herr Marcus Spangenberg:
Ludwig-II-Experte, Kunsthistoriker und Journalist, in einer Bank für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
zuständig, Autor von „Der Thronsaal von Neuschwanstein“
Herr Peter Glowasz:
seit über 20 Jahren mit der Geschichte Ludwigs II. vertraut, Autor mehrerer Publikationen, gebürtiger Berliner
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Gisela Haasen und Prof. Dr. Körner (Foto:SB)
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Fr. Dr. Weigand und M. Spangenberg (Foto:SB)
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Peter Glowasz und Jean Louis Schlim (Foto:SB)
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Zuhörer im Panoramasaal (Foto:SB)
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Die erste Fragestellung der zweistündigen Diskussionsrunde war, wie die Figur Ludwigs II. in diesem noch
ganz jungen 21. Jahrhundert zu platzieren ist.
Eine wichtige Feststellung zu Beginn der Runde war, dass man sich nicht nur von der Gefühlwelt und der
Emotionalität her dem Monarchen nähern kann, sondern dieser auch Objekt rationell-kognitiver Zuwendung
sein kann, als auch jemand, dem man Gerechtigkeit widerfahren lassen will. Als Gründe für die anhaltende
und noch eher zunehmende Faszination für Ludwig II., die man fast als Boom bezeichnen könnte, wurde von
Frau Dr. Weigand u.a. angeführt, dass es regionale Unterschiede in Bayern gab und gibt, und die Begeisterung
in einem funktionellen Zusammenhang mit ökonomischen Verhältnissen steht – an Orten, an denen die Bevölkerung
dank der Bautätigkeit Ludwigs II. gut verdient hatte, bestand schon zu Lebzeiten des Königs im 19. Jahrhundert
eine Begeisterung, während an Orten, an denen Ludwig II. nicht so präsent war, eine gewisse Distanz diesem
Monarchen gegenüber herrschte.
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Jean Schlim führte desweiteren an, dass der bayerische König für die Pracht und Grandiosität stand, und mit
den frühen Photochromie-Postkarten, welche die Besucher der Königsschlösser erwerben konnten, ein Teil dieser
faszinierenden Pracht in die Welt hinausgetragen wurde. Ebenso trug der Heimatfilm der 50er Jahre, namentlich
Helmut Käutners „Ludwig II.“ mit O.W. Fischer dazu bei, dass Ludwig II. populär wurde – beide Aspekte fallen
unter den Bereich Marketing, zu denen laut Marcus Spangenberg auch diverse andere Medien zählen, die immer
wieder sehr gern auf die Königsschlösser zurückgreifen, ohne die wiederum der Name „Ludwig II.“ längst nicht
so bekannt wäre. Zudem ist die Person des Königs so vielfältig, dass ein jeder – ganz gleich, ob es der
Naturliebhaber, der Architekt oder der Technikfreak ist – etwas finden wird, mit dem er sich identifizieren
bzw. sympathisieren kann. Herr Glowasz erwähnte zum Thema Faszination auch die Vorbildfunktion, die Ludwig II. –
ganz im Gegenteil zu unserer heutigen desolaten Gegenwart, in der man zu Politikern, den „schrillen Typen“,
gewiß nicht aufschauen und ihnen nacheifern kann – große Sympathien, besonders von jungen Menschen, einbrachte.
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Die zweite von Prof. Dr. Körner formulierte Fragestellung an diesem Vormittag sollte klären, wo – jenseits der schwärmerischen Assoziationen –
tatsächliche reale Punkte in der Person und der Politik Ludwigs II. liegen, von denen man heute legitimerweise
sagen darf: das ist ein Vorbild für uns oder er übt eine Vorbildfunktion aus.
Herr Schlim entgegnete der vorgebrachten Meinung, die Faszination für Ludwig II. würde steigen, mit der
Begründung, dass heutzutage Bilder, Fotos, Privataufnahmen oder dergleichen meist in den Auktionshäusern,
Buchhandlungen und bei anderen Anbietern, oftmals vergeblich oder zumindest wesentlich länger als vor Jahren
auf einen Käufer warten. Die Leidenschaft, gepaart mit einem ausgeprägten Wissensdrang, möge zwar vereinzelt
unter den Ludwig-Begeisterten noch vorhanden sein, jedoch nicht mehr in jenem Ausmaße wie einst, da wir in einer
schnelllebigen und oberflächlichen Zeit leben, die jenes nicht mehr zulässt und das Interesse schnell weicht,
wenn der Faktor Vergnügen nicht mehr vorhanden ist und das Profilieren und Produzieren nicht mehr die gewünschte
Wirkung hat. Herr Spangenberg gab der Presse und allgemein den Medien eine Mitschuld an der Oberflächlichkeit –
durch die Vermarktung nähmen die Preise für Ludwig-II.-Gegenstände abstruse Formen an und auch manche Journalisten
benutzen die Bekanntheit des Königs, wie aus einem Bericht ersichtlich wurde, in welchem das Schicksal des heuer
erschossenen Braunbären Bruno mit dem tragischen Tod Ludwigs II. verglichen wurde.
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Nach einigen Wortmeldungen aus dem Publikum, die ihre Sichtweise darbrachten und auch auf das soziale
Engagement hinwiesen, betonte Frau Dr. Weigand, dass man sich auch als Historiker in die Zeit Ludwigs II.,
respektive ins 19. Jahrhundert, hineinversetzen müse, um die Gegebenheiten zu verstehen, wobei ihrer Meinung
nach das Urteil desolat ausfällt, da sich Ludwig II. der Realität verweigerte und entgegen der Zeitverhältnisse
versuchte, ein absolutistisches Regiment aufzuziehen und zusammenfassend ein Monarch war, der seinen politischen
Pflichten nicht nachkam. Dem hinzu führte Prof. Dr. Körner an, dass im Vergleich zur Arbeitswut, der Intensität
und des Engagements eines Ludwig I. und Maximilan II. für das Staatswesen und dessen Wohl Ludwig II. nur mehr als
politischer Aussteiger zu bezeichnen ist. Er betonte jedoch ausdrücklich, dass der zu Anfang der Regierungszeit
noch unerfahrene Monarch von einem machtbessenen Ministerium aus dem Feld gedrängt und ihm keinerlei politischen
Spielraum gegeben wurde, weil man Angst hatte, dass die eigenen Kreise durch einen zu aktiv werdenden Monarchen
gestört würden. Zudem benutzte man im entscheidenden Augenblick die Krankheit, von der man jahrzehntelang
hochgradig profitiert hatte, um diese als Erklärung oder Grundlage für die Entmündigung zu verwenden.
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Podiumsdiskussion im Panoramasaal (Foto:SB)
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Teilnehmer der Podiumsdiskussion (Foto:SB)
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Um den Begriff des kgl. „Aussteigers“, der an diesem Vormittag des öfteren gefallen war, näher zu erläutern
bzw. zu differenzieren, erwähnte Herr Schlim, dass es notwendig sei, sich zu fragen, wo Ludwig II. gefehlt
habe bzw. ausgestiegen ist. Diesbezüglich verwies er auf die Korrespondenz zwischen dem König und seinem Cousin
Ludwig Ferdinand, die selbst noch im Todesmonat 1886 bestanden habe – in den Briefen, die noch nicht veröffentlicht
sind und auch noch nicht veröffentlicht werden dürfen, werden hochbrisante politische Themen zur Sprache gebracht
und von königlicher Seite nach Rat verlangt, welches die richtige Verhaltensweise in Bezug auf die Minister
anbelangt, denen der König – ganz gleich, ob er sich in die Geschäfte „einmischte“ oder nicht – es nicht Recht
machen konnte. Die Ebene, auf der Ludwig II. wirklich gefehlt hat, war vielmehr die gesellschaftliche Ebene, da
es keine Hofbälle, Hoftafeln und dergleichen Anlässe mehr gab, und sich die „Schickimicki-Gesellschaft“ von damals
dadurch brüskiert fühlte.
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Herr Spangenberg bemerkte, dass für viele Interessierte Ludwig II. zu einem Idealkönig geworden ist und man
auch Mitleid mit ihm verspürt und merkt, dass dem Monarchen Unrecht getan wurde. Scharf kritisierte er jedoch
die Bedienung der Klischees, in denen Ludwig II. stets nur auf die Sexualität, die Geldprobleme und den
Geisteszustand verfestigt wird und neue Erkenntnisse nicht wahrgenommen werden, so sehr sich Kunsthistoriker
und Forscher auch bemühen. Auch der hochgradig seriöse Ludwig-II.-Literatur ist das Schicksal beschieden, dass
sie es in puncto Wirkungsmächtigkeit mit den anderen Rezeptionen Ludwigs II. überhaupt nicht aufnehmen kann,
wobei es jedoch anhand mehrerer Publikationen, zu denen man die Bücher von Franz Merta, Rupert Hacker und
Christof Botzenhart zählen kann, gelungen ist, jenseits des Sensationellen und Kitschigen einen Grundbestand
an hochseriöser Literatur vorweisen zu können.
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Um das tragisch-dramatische Schicksal Ludwigs II. von einer anderen als der üblicherweise psychologischen Sicht her
zu beleuchten, erwähnte Prof. Dr. Körner, dass der politische Knackpunkt und folgedessen die Absetzung des Königs
in der Wahl des Ministeriums zu suchen ist. Demnach habe sich der Monarch, der sehr wohl wußte, dass seine
absolutistischen Neigungen unter den damals obwaltenden Verhältnissen nicht ausführbar waren, in einem
einzigen Punkt, nämlich bei der Wahl seines Ministeriums, nicht den Mehrheitsverhältnissen beugen wollen – statt
ein katholisch-konservativ-partiotisches Ministerium zu berufen, das in politischer Hinsicht nahezu deckungsgleich mit
seinen eigenen politischen Orientierungen war, entschied er sich, um sich selbst gegenüber zu beweisen, wie
mächtig er als König ist, paradoxerweise für eine liberale Regierung, die preußenfreundlich und kleindeutsch
orientiert war und eher protestantische Neigungen hatte. Diese Entscheidung blieb natürlich – wie spätestens im Jahr 1886 zu sehen
war – nicht ohne Folgen, da sehr bald klar wurde, dass die patriotische Mehrheit im Landtag alles getan
hätte, um die finanziellen Mittel zum Weiterbau der kgl. Schlösser zu besorgen, wenn der König eben ein
katholisch-konservativ-patriotisches Ministerium berufen hätte. Dies wiederum setzte die bestehende liberale
Regierung in Angst, abgelöst zu werden – und so nahm die Tragödie von 1886 ihren Lauf.
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Als Landeshistoriker führte Prof. Dr. Körner, um in ein Schlusswort zu münden, noch an, dass der Historiker
gut beraten ist, wenn er das Maß der von ihm selbst praktizierten Rationalität nicht zur Norm des
gesellschaftlichen Umgangs mit König Ludwig II. macht. „Jeder“, so Körner „darf sich seinen Ludwig so
vorstellen und so verehren, wie er will, aber auch der Historiker darf das tun. Auch der Historiker darf
sich einen Ludwig II. sozusagen schnitzen mit den Mitteln der Rationalität und der Kognition, und dabei Moral,
Emotion und andere Dinge außer Acht lassen“.
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Unabhängig des Standes, ob Kunsthistoriker, Forscher, Autor, Verehrer, Bewunderer oder Interessierter –
für alle hat Ludwig II. eine spezielle, ganz eigene Bedeutung, und auch im 21. Jahrhundert wird die
Begeisterung für den Monarchen nicht abreißen!
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Bildnachweis:
Das Copyright sämtlicher hier abgebildeter Fotos liegt bei Sandra Borkowsky, Füssen.
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Copyright@ Oktober 2006 by Ivonne Ebersbach, Starnberg
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