„Ein Hauch der guten alten Zeit des Rokoko“
(Pferde-Schlittenfahrt im Graswangtal – 28. Februar 2004)
von Ivonne Ebersbach

Es ist ein leises und zauberhaftes Vergnügen, sich – warm eingedeckt in kuschelige Decken – durch die Winterlandschaft fahren zu lassen und der allzu hektischen und lärmenden Gegenwart zu entfliehen – ein Erlebnis, das unsere schnelllebige Zeit kaum mehr zu bieten vermag. Damals – zur Zeit Ludwigs II. –, wie auch heute sehnen sich die Menschen nach Entspannung, möchten alles stehen und liegen lassen, die Zeit zurückdrehen und in eine Zeit entfliehen, die erfüllt ist mit Frieden, Liebe, Romantik und unendlichen Glücksgefühlen. An manchen Orten unserer Erde lässt sich dieses Sehnen noch stillen…

Da mein lieber Freund und König-Ludwig-Begeisterter, Franz Antoci, Ende Februar 2004 in Bayern weilte, lud ich ihn und seine vier Begleiter zu einer romantischen Schlittenfahrt durch das Graswangtal ein. Am 28. Februar schließlich konnte ich Franz, Ludovic, Christine, Francois und Cecille, allesamt aus Frankreich, um 16:00 Uhr in der herrlich über Graswang gelegenen Gröbl-Alm begrüßen. Nach einer kleinen Stärkung begaben wir uns eine halbe Stunde später zum etwas tiefer gelegenen Ausgangspunkt unserer beschaulichen Reise durch die verträumte Winterlandschaft. An Schnee mangelte es nicht, jedoch ließen uns die Minustemperaturen ein wenig frösteln. Es ist durchaus schwer, den Reiz dieser in die weiße Pracht getauchten Gegend, die sich mit anmutiger Schönheit schmückt, zu beschreiben, doch ist diese weitaus herrlicher denn im Sommer.

verschneites Graswangtal
verschneites Graswangtal
Restaurant Gröbl-Alm in Graswang
Restaurant "Gröbl-Alm" in Graswang
Franz Antoci
Franz Antoci
Francois, Cecille, Christine und Ludovic
Francois, Cecille, Christine und Ludovic

Herr Hubert Gröbl, der uns seine Dienste als Kutscher zur Verfügung stellte, spannte mittlerweile die beiden wintertauglichen stämmigen Kaltblüter vor den Schlitten – der zusätzlich mit Rädern für asphaltierte Wege ausgerüstet war –, während wir es uns in selbigem bequem machten und die wärmenden Decken überschlugen. Sodann führte uns die Fahrt mit zwei Pferdestärken und Schellengeläut auf dem Kohlbachweg, den König Ludwig II. daselbst für seine nächtlichen Fahrten benutzte, durch eine einzigartige Winterlandschaft. Auf den Zweigen der in den Himmel ragenden alten Tannen lastete dicker Schnee, der den Wald in einen Märchenwald verzaubert hatte. Klirrende Kälte und Stille umgaben sie. Nichts bewegte sich, der Winter hatte alles im Griff. Nur der Atem der Tiere bildete weiße Wolken, die sogleich in der klirrenden Kälte verschwanden.

Beginn der Schlittenfahrt mit Kutscher Hubert Gröbl
Schlittenfahrtbeginn mit Kutscher Hubert Gröbl
Fahrt durch den verschneiten Märchenwald
Fahrt durch den verschneiten "Märchenwald"

Nach ungefähr einer Stunde Fahrt erreichten wir den herrlich verlassenen und menschenleeren Schloßpark von Linderhof. Die gutmütigen Pferde schnaubten, schüttelten ihre Mähnen und fielen in Trab auf dem bergab führenden Weg zur königlichen Villa, die wir alsbald erreichten.

Ankunft im Schlosspark Linderhof
Ankunft im Schlosspark Linderhof
Schloss Linderhof in Sichtweite
Schloss Linderhof in Sichtweite
Aufenthalt vor dem Schloss Linderhof
Aufenthalt vor dem Schloss Linderhof
Christine und Ludovic
Christine und Ludovic

Während die Franzosen die Außenanlagen besichtigen, begab ich mich schnellen Schrittes ins unweit gelegene Schloßhotel, wo man meiner bereits harrte. Bei meiner Rückkehr zum Schloß vernahm ich unerwartete Freudenschreie aller vor dem Schloß Wartenden. Sie schienen schier verblüfft ob der unerwarteten Überraschung, die ich ihnen bereitete. In blaue Livrée gekleidet und mit einer gepuderten und mit kleinen Löckchen versehenen Zopfperücke auf dem Haupte, tat ich ehrerbietig eine tiefe Verbeugung und servierte ihnen in Lakaienmanier untertänigst den soeben vom Schloßhotel mitgebrachten Glühwein zur inneren Erwärmung. Das Schloß als malerische Kulisse dieses Ausflugs in längst vergangene Zeiten tat sein übriges, um das Flair der Rokokozeit noch einmal aufleben zu lassen.

ein Hauch von Rokoko...
ein Hauch von Rokoko...
Darreichung von Getränken in Lakaienmanier
Darreichung von Getränken in Lakaienmanier

Der gut unterrichtete Rittmeister Paul von Haufingen überlieferte, dass der bayerische König Ludwig II. sich zuweilen mit Ludwig XIV., König von Frankreich, identifizierte und so das Frankreich des 17. und 18. Jahrhundert in seinem alten Glanz, der schweren Pracht und Üppigkeit wieder emporsteigen ließ: „Nicht immer aber erschien der König bei solchen Ausflügen in der allerdings wenig malerischen Toilette der Gegenwart, oft schmückte ein Sammetbarett mit mächtiger weißer Straußenfeder sein Haupt, und ein blauer Sammetmantel schmiegte sich um seine stattliche Gestalt, während Piqueure, Kutscher und Lakaien im Kostüme der Zeit Ludwigs XIV. stolzierten.“
Das Innere des Schlosses Linderhof ist in Ausstattung, Symbolen, Bildthemen und Devisen als Verknüpfung von Ludwigs eigenem Königtum mit dem Frankreichs zu verstehen. So nimmt es nicht Wunder, wenn Theodor Hierneis, ehemaliger kgl. Hofkoch, zu berichten weiß: „Er will niemanden um sich haben. Trotzdem müssen die Diners und Soupers immer für mindestens drei bis vier Personen ausreichen. Denn wenn auch der König sich immer allein zu Tisch setzt, so fühlt er sich doch nicht allein. Er glaubt sich in der Gesellschaft Ludwigs XIV. und Ludwigs XV. und deren Freundinnen, Madame Pompadour und Madame Maintenon. Er begrüßte sie sogar mitunter und führt mit ihnen Gespräche, als hätte er sie wirklich als Gäste bei Tisch.“

ehrerbietigste Verneigung
ehrerbietigste Verneigung
ein Hauch von Rokoko (Teil 2)...
ein Hauch von Rokoko (Teil 2)...

Da es gegen 18:30 Uhr allmählich dämmerte und die Zeit kam, sich auf den Heinweg zu begeben, nahmen wir schweren Herzens allesamt erneut unsere Plätze in der Kutsche ein und fuhren zum unweit gelegenen Schlosshotel, wo ich mich zuvor meiner Sachen entledigt hatte, um in das Rokoko-Kostüm eines Lakaien zu schlüpfen. Nach Abgabe aller dem Schlosshotel gehörenden Utensilien führte uns der Rückweg noch ein letztes Mal am Schloss vorbei, das uns in der hereinbrechenden Dunkelheit gespenstisch verlassen und unwirklich erschien. Langsam verschwanden auch wir im Dunkel des schneebedeckten Waldes. Herrschte auf der Hinfahrt noch ausgelassene Stimmung, so trat bei der Rückfahrt tiefes Schweigen ein. Die Nacht antwortete ebenfalls mit Stille, jeder redliche Bewohner des Graswangtales war sicher längst heimgekehrt. Zuweilen übertönte nur das helle Läuten der Pferdeglocken die Ruhe des tiefverschneiten Weges. Die winterliche Idylle der abgeschiedenen Gegend, das Klingen der Schlittenglocken und das Knarren des Schlittens, der durch den kalten knirschenden Schnee glitt, erlebten wir in der Dunkelheit um ein Vielfaches intensiver als dies am Tage möglich gewesen. Unwillkürlich tauchten Gedanken an die Schlittenfahrten König Ludwigs II. auf, die zu verstehen es für uns nun ein Leichtes war. Theodor Hierneis, ehemaliger Hofkoch des Königs, schilderte einst über die nächtlichen Schlittenfahren des Königs: „Es war eine herrliche sternenhelle Winternacht, der König wählte für den Fernstein immer eine solche, weil er dorthin mit dem großen goldenen Schlitten fuhr. Voraus ein Vorreiter mit einer Laterne, die neben dem linken Steigbügel in einem Schaft befestigt war und an der Spitze einer ca. 11/2 m langen Stange Ihr Licht ausstrahlte. Der Schlitten wurde von vier Pferden gezogen, auf den Sattelpferden saßen zwei Reitknechte, die ebenso wie der Vorreiter in schwerem Rokoko-Kostüm blau- oder rotsamt gekleidet waren, mit weißen Zopfperücken, Stulpstiefeln und Schiffhüten. Das Geschirr der fünf Pferde bestand aus prunkvollen Schabracken, Sätteln und Zaumzeug, die Köpfe trugen wehende Straußenfedern, in der Farbe zu den Jockeis passend. Entweder bestand die Garnitur aus Schimmeln, dann war die ganze Ausstattung blau, oder der König befahl Rappen, dann wurde eine rote Garnitur gewählt. Die nächtlichen Fahrten glichen in ihrer blitzartigen Geschwindigkeit einem nächtlichen Spuk, einem Märchenbild, das den wenigen Augenzeugen ein unvergänglicher Anblick, ein überirdisches Begegnis war.“

Rückfahrt bei Einbruch der Nacht
Rückfahrt bei Einbruch der Nacht
der in tiefste Dunkelheit gehüllte Schlosspark
der in tiefste Dunkelheit gehüllte Schlosspark

Wie in einem Märchen fühlten auch wir uns – oder sollte man sagen „wie kleine Könige“. Auf den Spuren der Vergangenheit waren wir unterwegs durch eine traumhafte, unvergessliche Winterlandschaft und genossen vollends die Stille und Schönheit der Natur. Als plötzlich ein versteckt liegendes Holzhäuschen vor unseren bereits an das Dunkel der Nacht gewöhnten Augen auftauchte, das offenbar bewohnt und im Inneren nur fahl beleuchtet war, fühlten wir uns der Welt endgültig entrückt; „entrückt in überirdische Sphären“ und um Jahrhunderte zurückversetzt.

Angesicht der zweistelligen Minustemperaturen durchfroren, doch überglücklich, erreichten wir nach einer knappen Stunde Fahrt den Ausgangspunkt unserer beschaulichen Reise, die ihr Ende jedoch viel zu rasch nahm. Nachdem wir uns alle bei unserem fürsorgenden Kutscher und seinen Pferden bedankt hatten und diese den Lohn für ihre Dienste erhielten, begaben wir uns in die wärmende Stube der Gröbl-Alm, bei dessen Eintreten alle Augen auf uns gerichtet waren. Nun begannen unsere durchfrorenen Wangen zu glühen und so lernten wir den Luxus der „Neuen Zeit“ wieder zu schätzen. Nach dem anschließenden stärkenden Abendessen saßen wir noch gemütlich beisammen und ließen das soeben Erlebte noch einmal Revue passieren. Gegen 20:00 Uhr etwa wurde es leider Zeit für den Aufbruch, und so verabschiedete ich die fünf Franzosen, die versprachen wiederzukommen. So ging denn ein selten schöner, erlebnisreicher und vor allem sehr beglückender Tag auf den winterlichen Spuren Ludwigs II. zu Ende.

in das Dunkel der Nacht getauchte Umgegend
in das Dunkel der Nacht getauchte Umgegend
gemütliches Beisammensitzen in der Gröbl-Alm
gemütliches Beisammensitzen in der Gröbl-Alm

Quellen:
„Ludwig II. von Bayern in Augenzeugenberichten“
von Rupert Hacker, dtv-Verlag, München
„Linderhof – König Ludwig II. von Bayern und seine Schlösser“
von Dr. Alexander Rauch, Charivari Buchverlag, München

Copyright@ März 2004 by Ivonne Ebersbach, Starnberg
 

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