„Soiernhäuser -
Fluchtpunkte eines königlichen Lebens“

(27. September 2003)
von Ivonne Ebersbach

In der heutigen Zeit der Unrast und des Tempos wünscht sich gar mancher in die Stille der Natur, in die Einsamkeit der Berge mit ihren gewaltigen Wäldern, stillen Seen und lieblichen Tälern. Einen Aufenthalt in der erhabenen Natur des Soierngebirges zu nehmen, verbunden mit einem Anstieg zu der von König Ludwig II. bewohnten Soiernhütte, war mein Ziel am letzten Septemberwochenende diesen Jahres. Am frühen Samstagmorgen gegen 6:30 Uhr – ich war bereits am Vortag nach Krün gereist und hatte im Haus Alfred Quartier genommen – trat ich meinen Ausflug zu den Soiernhütten an.

Haus Alfred und Nebenhaus Haus Alfred und Nebenhaus
Haus Alfred in Krün
Haus Alfred in Krün

Nach der Überquerung der Isarbrücke am Ortsrande von Krün führte der Weg sogleich links in Richtung Fischbachalm. Anfangs noch vom Fackelschein begleitet, beleuchteten mir bald die Strahlen der aufgehenden Sonne den sehr guten und meist schattigen Weg. Das immer wieder ansteigende Sträßchen führte mich erst über den Schöttlalpgraben und dann über den Kaltwassergraben, vor dessen unmittelbarem Erreichen sich ein schöner Ausblick auf die Schöttlkarspitze bot.

Fischbachweg, Blick auf Schöttlkarspitze
Fischbachweg, Blick auf Schöttlkarspitze
Blick vom Fischbachweg auf Krün
Blick vom Fischbachweg auf Krün

Während ich mich gemächlich meinem Ziel näherte, vernahm ich des öfteren die Brunftschreie der Hirsche, die nur zu dieser Zeit des Herbstes zu hören sind. Nach etwa zwei Stunden Fußmarsch erreichte ich die zwischen Ochsenstaffel und Hohen Grasberg gelegene Fischbachalm, die dem kgl. Oberststallmeister, Graf Maximilian von Holnstein, samt Jagdausübung von Ludwig II. verliehen wurde. Das im Jahre 1870 durch den Grafen erbaute Holzhaus und die dazugehörigen Stallungen wurden längst abgetragen und durch eine gemauerte Hütte, die in den Sommermonaten bewirtschaftet wird, ersetzt.

Fischbachalm
Fischbachalm
Fischbachalm-Hütte
Fischbachalm-Hütte

Von hier führen zwei Wege zu den Soiernhäusern: der Lakaiensteig und der Weg über den Hundstall. Der Lakaiensteig wurde nach seiner Erstellung 1870 von den kgl. Lakaien, nach denen er benannt wurde, benutzt, damit sie vor der Ankunft des Königs das Soiernhaus erreichen und nötige Vorkehrungen treffen konnten. Nach kurzer Überlegung entschied ich mich für diesen Steig, der jedoch laut Wegetafel alpine Erfahrung, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit erfordert. Der meist ebenmäßige, aussichtsreiche und stellenweise sehr schmale, jedoch drahtseilgesicherte Weg führte mich, vom Tosen des Wasserfalls begleitet, in zahlreichen Windungen und um Felsenecken herum in ca. 1½ Stunden zum Ziel. Zwischen leichten Klettereien und der Überquerung von Geröllfeldern blieb genügend Gelegenheit, um den Blick zum längst sichtbaren Soiernhaus zu richten oder in schwindelnde Tiefe zu blicken.

Hinweistafel für Lakaiensteig
Hinweistafel für Lakaiensteig
Lakaiensteig, Detail
Lakaiensteig, Detail
Lakaiensteig
Lakaiensteig
Blick vom Lakaiensteig nach Vorderriß
Blick vom Lakaiensteig nach Vorderriß

Gegen 10 Uhr endlich langte ich am oberen Soiernhaus an und war schlichtweg begeistert von der herrlichen Aussicht, die sich mir bot. Das gesamte Soiernkar mit der pyramidenartigen Soiernspitze, dem Feldernkopf, der Schöttlkarspitze, wo einst das Belvedere des Königs stand (1908 abgerissen), und der Reißenden Lahnspitze ist vom 1610 Meter hoch gelegenen Soiernhaus zu übersehen.

Soiernhaus auf 1610 m Höhe
Soiernhaus auf 1610 m Höhe
Blick auf Soiernkar
Blick auf Soiernkar

Wenige Meter unter dem Soiernhaus liegen die beiden herrlich klaren und smaragdgrünen, wie Edelsteine blitzenden Soiernseen, von deren Schönheit gewiß jeder Besucher mit Recht begeistert ist. Bei seinen jährlichen Aufenthalten auf dem Soiern begab sich der König, ein Buch unter dem Arm, bei Mondschein zuweilen zum Ufer des oberen kleineren Soiernsees und bestieg das für ihn bereitstehende Boot, das den Namen „Tristan“ trug. Auf selbigem sich über den See rudern lassend, widmete er sich der Lektüre, „und vernahmen stille Betrachter dieser Szene hin und wieder halbunverständliche Ausrufe, die unschwer an den Text Wagner´scher Opern erinnerten.“

oberer Soiernsee
oberer Soiernsee
Soiernsee mit umgebender Berggruppe
Soiernsee mit umgebender Berggruppe

Das Innere des seit 1921 zum Besitz der Alpenvereinssektion Hochland gehörenden Soiernhauses wird in einem Augenzeugenbericht aus den 1880er Jahren wie folgt beschrieben: „Die Zimmer waren reich tapeziert, mit geschnitzten Möbeln versehen u. die Wände zierten Photographien u. wertvolle Aquarelle, alles Motive aus Wagnerischen Opern.“ Das Mobiliar ist längst verschwunden und auch das Innere des Hauses wurde zusehends den wachsenden Ansprüchen gemäß verändert, doch konnten die Tapeten, die einst die Wände zierten, durch eine sie schützende Holzverkleidung erhalten werden. Das Schlaf- und Ankleidezimmer dient heute den Hüttenwirten während der Sommermonate als Bleibe. Im Inneren der gemütlichen Gaststube bekam ich ein auf den 15. Juli 1883 datiertes Schreiben des Königs zu Gesicht, in welchem er bei seinem Aufenthalt auf dem „Soyern“ die Ernennung von Dr. Karl Ritter von Lotzbeck zum Generalstabsarzt beschloß.

Gaststube im Soiernhaus
Gaststube im Soiernhaus
Detail der Gaststube des Soiernhauses
Detail der Gaststube des Soiernhauses

Bei meiner Ankunft herrschte auf der Terasse des Hauses noch vollkommene Stille; ich war an diesem Tage der erste vom Tal kommende Besucher. Noch eine Zeit lang ließ ich die Ruhe und das herrliche Bergpanorama auf mich wirken, bei dessen Anblick gewiß in jedem Beschauer der Wunsch erwachen würde, längere Zeit in diesen Höhen verweilen zu dürfen. Gegen Mittag, als sich der Großteil der Gäste, die sich zu einer Übernachtung entschlossen hatten, eintraf, verabschiedete ich mich schweren Herzens vom einst königlichen Haus und trat den Rückweg über den Hundstall an.

Rückansicht des Soiernhauses
Rückansicht des Soiernhauses
Soiernhaus und Nebengebäude
Soiernhaus und Nebengebäude

In endlosen Kehren wandelte ich auf dem anfangs schmalen Steig – am tosenden, in die Schlucht fallenden Wasserfall vorbei – der Bodensenkung mit der längst verfallenen Hundstallhütte entgegen. Im anmutigen, von den letzten warmen Sonnenstrahlen durchfluteten, Talkessel, umgeben von hoch aufragenden Berggruppen und herbstlich bunt gefärbten Bäumen, die ihr schönstes Blätterkleid trugen, folgte ich dem nun wieder ansteigenden Fahrweg gen Fischbachalm.

Hundstall-Wasserfall
Hundstall-Wasserfall
Blick auf umgebende Berge
Blick auf umgebende Berge
herbstliche Baumgruppen
herbstliche Baumgruppen
Talkessel im Hundstall
Talkessel im Hundstall

Nach einem kurzen Aufenthalt auf der Höhe der Alm, wo reges Treiben herrschte und mir das Glück zuteil wurde, das Innere der bereits geschlossenen Hütte zu betrachten, begab ich mich auf dem Weg, den ich bereits gekommen, talwärts.

Fischbachalm, Bauarbeiten
Fischbachalm, Bauarbeiten
Fischbachalm-Hütte
Fischbachalm-Hütte

1½ Stunden später schließlich, gegen 16 Uhr, traf ich ermüdet, doch zutiefst beglückt in Krün ein, woselbst der König vor seinem Ritt bzw. der Fahrt mit dem Bergwägelchen zum Soiern im Gasthof Estermann (heutiges Hotel Post – Wiedereröffnung Anfang 2004), in dessen Stallung daselbst die nötigen Pferde bereitstanden, abstieg.

Gasthof Post in Krün
Gasthof Post in Krün
Blick von der Isarbrücke in Krün
Blick von der Isarbrücke in Krün

Das Erlebnis dieses Aufenthaltes im hehren Gebirge auf den Spuren König Ludwigs II. gehört von nun an zu den schönsten und unvergeßlichsten Erinnerungen meines bisherigen Lebens.

Quellen:
„König Ludwig II. in der Bergeinsamkeit von Bayern & Tirol“
von Mario Praxmarer/Peter Adam, Adam-Verlag, Garmisch-Partenkirchen
"Aus den Isarbergen und Erinnerungen an König Ludwig II."
Anonym

Copyright@ September 2003 by Ivonne Ebersbach, Starnberg
 

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