In der heutigen Zeit der Unrast und des Tempos wünscht sich gar
mancher in die Stille der Natur, in die Einsamkeit der Berge mit ihren gewaltigen Wäldern, stillen Seen und
lieblichen Tälern. Einen Aufenthalt in der erhabenen Natur des Soierngebirges zu nehmen, verbunden mit einem
Anstieg zu der von König Ludwig II. bewohnten Soiernhütte, war mein Ziel am letzten Septemberwochenende diesen
Jahres. Am frühen Samstagmorgen gegen 6:30 Uhr – ich war bereits am Vortag nach Krün gereist und hatte im Haus
Alfred Quartier genommen – trat ich meinen Ausflug zu den Soiernhütten an.
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Haus Alfred und Nebenhaus
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Haus Alfred in Krün
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Nach der Überquerung der Isarbrücke am
Ortsrande von Krün führte der Weg sogleich links in Richtung Fischbachalm. Anfangs noch vom Fackelschein begleitet,
beleuchteten mir bald die Strahlen der aufgehenden Sonne den sehr guten und meist schattigen Weg. Das immer wieder
ansteigende Sträßchen führte mich erst über den Schöttlalpgraben und dann über den Kaltwassergraben, vor dessen
unmittelbarem Erreichen sich ein schöner Ausblick auf die Schöttlkarspitze bot.
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Fischbachweg, Blick auf Schöttlkarspitze
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Blick vom Fischbachweg auf Krün
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Während ich mich gemächlich meinem
Ziel näherte, vernahm ich des öfteren die Brunftschreie der Hirsche, die nur zu dieser Zeit des Herbstes zu hören
sind. Nach etwa zwei Stunden Fußmarsch erreichte ich die zwischen Ochsenstaffel und Hohen Grasberg gelegene
Fischbachalm, die dem kgl. Oberststallmeister,
Graf Maximilian von Holnstein,
samt Jagdausübung von Ludwig II.
verliehen wurde. Das im Jahre 1870 durch den Grafen erbaute Holzhaus und die dazugehörigen Stallungen wurden längst
abgetragen und durch eine gemauerte Hütte, die in den Sommermonaten bewirtschaftet wird, ersetzt.
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Fischbachalm
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Fischbachalm-Hütte
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Von hier führen
zwei Wege zu den Soiernhäusern: der Lakaiensteig und der Weg über den Hundstall. Der Lakaiensteig wurde nach seiner
Erstellung 1870 von den kgl. Lakaien, nach denen er benannt wurde, benutzt, damit sie vor der Ankunft des Königs
das Soiernhaus erreichen und nötige Vorkehrungen treffen konnten. Nach kurzer Überlegung entschied ich mich für
diesen Steig, der jedoch laut Wegetafel alpine Erfahrung, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit erfordert. Der
meist ebenmäßige, aussichtsreiche und stellenweise sehr schmale, jedoch drahtseilgesicherte Weg führte mich, vom
Tosen des Wasserfalls begleitet, in zahlreichen Windungen und um Felsenecken herum in ca. 1½ Stunden zum Ziel.
Zwischen leichten Klettereien und der Überquerung von Geröllfeldern blieb genügend Gelegenheit, um den Blick zum
längst sichtbaren Soiernhaus zu richten oder in schwindelnde Tiefe zu blicken.
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Hinweistafel für Lakaiensteig
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Lakaiensteig, Detail
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Lakaiensteig
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Blick vom Lakaiensteig nach Vorderriß
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Gegen 10 Uhr endlich langte ich am
oberen Soiernhaus an und war schlichtweg begeistert von der herrlichen Aussicht, die sich mir bot. Das gesamte
Soiernkar mit der pyramidenartigen Soiernspitze, dem Feldernkopf, der Schöttlkarspitze, wo einst das Belvedere
des Königs stand (1908 abgerissen), und der Reißenden Lahnspitze ist vom 1610 Meter hoch gelegenen Soiernhaus zu
übersehen.
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Soiernhaus auf 1610 m Höhe
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Blick auf Soiernkar
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Wenige Meter unter dem Soiernhaus liegen die beiden herrlich klaren und smaragdgrünen, wie Edelsteine
blitzenden Soiernseen, von deren Schönheit gewiß jeder Besucher mit Recht begeistert ist. Bei seinen jährlichen
Aufenthalten auf dem Soiern begab sich der König, ein Buch unter dem Arm, bei Mondschein zuweilen
zum Ufer des oberen kleineren Soiernsees und bestieg das für ihn bereitstehende Boot, das den Namen „Tristan“ trug.
Auf selbigem sich über den See rudern lassend, widmete er sich der Lektüre, „und vernahmen stille Betrachter dieser
Szene hin und wieder halbunverständliche Ausrufe, die unschwer an den Text Wagner´scher Opern erinnerten.“
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oberer Soiernsee
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Soiernsee mit umgebender Berggruppe
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Das Innere
des seit 1921 zum Besitz der Alpenvereinssektion Hochland gehörenden Soiernhauses wird in einem Augenzeugenbericht
aus den 1880er Jahren wie folgt beschrieben: „Die Zimmer waren reich tapeziert, mit geschnitzten Möbeln versehen u.
die Wände zierten Photographien u. wertvolle Aquarelle, alles Motive aus Wagnerischen Opern.“ Das Mobiliar ist
längst verschwunden und auch das Innere des Hauses wurde zusehends den wachsenden Ansprüchen gemäß verändert, doch
konnten die Tapeten, die einst die Wände zierten, durch eine sie schützende Holzverkleidung erhalten werden. Das
Schlaf- und Ankleidezimmer dient heute den Hüttenwirten während der Sommermonate als Bleibe. Im Inneren der
gemütlichen Gaststube bekam ich ein auf den 15. Juli 1883 datiertes Schreiben des Königs zu Gesicht, in welchem
er bei seinem Aufenthalt auf dem „Soyern“ die Ernennung von Dr. Karl Ritter von Lotzbeck zum Generalstabsarzt
beschloß.
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Gaststube im Soiernhaus
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Detail der Gaststube des Soiernhauses
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Bei meiner Ankunft herrschte auf der Terasse des Hauses noch vollkommene Stille; ich war an diesem Tage
der erste vom Tal kommende Besucher. Noch eine Zeit lang ließ ich die Ruhe und das herrliche Bergpanorama auf mich wirken,
bei dessen Anblick gewiß in jedem Beschauer der Wunsch erwachen würde, längere Zeit in diesen Höhen verweilen zu
dürfen. Gegen Mittag, als sich der Großteil der Gäste, die sich zu einer Übernachtung entschlossen hatten, eintraf,
verabschiedete ich mich schweren Herzens vom einst königlichen Haus und trat den Rückweg über den Hundstall an.
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Rückansicht des Soiernhauses
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Soiernhaus und Nebengebäude
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In
endlosen Kehren wandelte ich auf dem anfangs schmalen Steig – am tosenden, in die Schlucht fallenden Wasserfall
vorbei – der Bodensenkung mit der längst verfallenen Hundstallhütte entgegen. Im anmutigen, von den letzten warmen
Sonnenstrahlen durchfluteten, Talkessel, umgeben von hoch aufragenden Berggruppen und herbstlich bunt gefärbten
Bäumen, die ihr schönstes Blätterkleid trugen, folgte ich dem nun wieder ansteigenden Fahrweg gen Fischbachalm.
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Hundstall-Wasserfall
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Blick auf umgebende Berge
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herbstliche Baumgruppen
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Talkessel im Hundstall
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Nach einem kurzen Aufenthalt auf der Höhe der Alm, wo reges
Treiben herrschte und mir das Glück zuteil wurde, das
Innere der bereits geschlossenen Hütte zu betrachten, begab ich mich auf dem Weg, den ich bereits gekommen,
talwärts.
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Fischbachalm, Bauarbeiten
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Fischbachalm-Hütte
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1½ Stunden später schließlich, gegen 16 Uhr, traf ich ermüdet, doch zutiefst beglückt in Krün ein,
woselbst der König vor seinem Ritt bzw. der Fahrt mit dem Bergwägelchen zum Soiern im Gasthof Estermann (heutiges
Hotel Post – Wiedereröffnung Anfang 2004), in dessen Stallung daselbst die nötigen Pferde bereitstanden, abstieg.
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Gasthof Post in Krün
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Blick von der Isarbrücke in Krün
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Das Erlebnis dieses Aufenthaltes im
hehren Gebirge auf den Spuren König Ludwigs II. gehört von nun an zu den schönsten und unvergeßlichsten Erinnerungen
meines bisherigen Lebens.
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Quellen:
„König Ludwig II. in der Bergeinsamkeit von Bayern & Tirol“
von Mario Praxmarer/Peter Adam, Adam-Verlag, Garmisch-Partenkirchen
"Aus den Isarbergen und Erinnerungen an König Ludwig II."
Anonym
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Copyright@ September 2003 by Ivonne Ebersbach, Starnberg
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